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21.07.2014

16:47 Uhr

Interview zum Nahost-Konflikt

„Hamas braucht eine manipulierbare Bevölkerung”

VonBastian Benrath

Michael Szentei-Heise ist Geschäftsführer einer der größten jüdischen Gemeinden in Deutschland. Im Interview mit Handelsblatt Online spricht er über den Gaza-Konflikt und die Sorgen der hierzulande lebenden Juden.

Der Nahost-Konflikt bereitet auch Juden hierzulande sorgen. Handelsblatt Online sprach mit Michael Szentei-Heise, dem Direktor der Düsseldorfer Gemeinde. dpa

Der Nahost-Konflikt bereitet auch Juden hierzulande sorgen. Handelsblatt Online sprach mit Michael Szentei-Heise, dem Direktor der Düsseldorfer Gemeinde.

DüsseldorfMichael Szentei-Heise ist seit 28 Jahren Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf. Mit rund 7000 Mitgliedern ist sie die drittgrößte Deutschlands. Szentei-Heise wurde 1954 in Ungarn geboren und wuchs in Budapest auf. Seit 1965 lebt er in Düsseldorf.

Herr Szentei-Heise, Sie verfolgen den Konflikt im nahen Osten seit mehreren Jahrzehnten. Warum gelingt es nicht, die Region zu befrieden?
Es gibt Scharfmacher auf beiden Seiten. Allerdings haben die auf der palästinensischen Seite wesentlich mehr Einfluss. Die meisten Menschen dort sind kaum gebildet, deshalb können Ideologen bei ihnen mehr erreichen, als bei der gebildeten israelischen Bevölkerung.

Wie meinen Sie das?
Die Bevölkerung wird von den Machthabern dumm gehalten. Das Kalkül ist, die Menschen als Manövriermasse zu benutzen. Die Hamas braucht eine manipulierbare Bevölkerung des Gazastreifens, um politischen Druck ausüben zu können. Die Palästinenser haben keinen Zugang zu Internet oder anderen Informationsquellen. Deshalb blenden sie völlig aus, dass für Frieden auch der Raketenbeschuss aus Gaza aufhören muss.

Streitpunkte zwischen Israel und Hamas

Ende der Feindseligkeiten nicht in Sicht

Sowohl Israel als auch die Palästinenser verlangen ein Ende des Beschusses. Jedoch befeuern sich Hamas und Israel beständig gegenseitig, so dass ein Ende der Gewalt nicht in Sicht ist.

Grenzübergänge

Die Hamas will in Gaza vor allem den Güter- und Personenverkehr über die Grenze wieder in Gang setzen. Israel blockiert die Grenzübergänge im Osten und Norden sowie von der Seeseite, Ägypten führt im Süden ein strenges Grenzregime. Der gescheiterte ägyptische Vorschlag sah vor, Übergänge im Süden zu öffnen, wenn sich die Lage beruhigt habe.

Der Hamas geht es vor allem um den Übergang in Rafah. Es ist der wichtigste Zugang der Menschen von Gaza zur Außenwelt. Ägypten hat dort den Personenverkehr im vergangenen Jahr stark eingeschränkt. Dies hängt mit der engen Verbindung der Hamas zur in Ägypten verfolgten islamistischen Muslimbruderschaft zusammen, der der gestürzte Präsident Mohammed Mursi angehört. Die Hamas will nun vor allem von Ägypten Garantien für den Übergang in Rafah, denn frühere Versprechungen waren nicht eingehalten worden.

Gefangene

Bei der Suche nach drei entführten und letztlich getöteten israelischen Religionsschülern im Westjordanland haben israelische Sicherheitskräfte Hunderte Hamas-Angehörige festgenommen. Dutzende der Männer waren bereits früher in Haft und wurden bei einem Gefangenenaustausch 2011 freigelassen. Israel argumentiert, die nun wieder Festgenommenen hätten gegen ihre Entlassungsbedingungen verstoßen. Die Hamas will sie mit ihrem ununterbrochenen Raketenbeschuss freipressen. Beobachter rechnen nicht damit, dass sich Israel darauf einlassen könnte.

Entmilitarisierung

Israel würde eine Waffenruhe mit der Hamas akzeptieren, wenn sie für eine Entmilitarisierung des Gazastreifens genutzt würde. Raketen und von der Hamas genutzte Tunnel will Israel beseitigen.

Die Hamas hat ihr Raketenarsenal in den vergangenen Jahren erweitert. Inzwischen kann sie auch weiter entfernte Ziele in Israel angreifen. Raketen flogen bereits auf Tel Aviv und bis zur mehr als 160 Kilometer entfernten Stadt Haifa. Für die Hamas kommt eine Entwaffnung nicht infrage.

Aussicht auf eine längere Kampfpause?

Zuletzt hatten sich Hamas und Israel 2012 einen mehrere Tage dauernden bewaffneten Konflikt geliefert. Danach war für mehrere Monate weitgehend Ruhe. Israel hofft, mit seinen massiven Angriffen diesmal die Hamas einzuschüchtern und sie so auf längere Zeit von Raketenbeschuss abzuhalten.


Israel ist in der Nacht zu Donnerstag erneut in den Gazastreifen einmarschiert. Wie bewerten Sie die Offensive?
Es ist eine Katastrophe an sich, dass es auf beiden Seiten wieder Opfer geben wird. Aber in Israel wird vehement gefordert, die militärische Infrastruktur der Hamas zu zerstören. Diesem Druck musste die Regierung jetzt nachgeben.

Wie kommt der Druck zustande?
Seit zehn Tagen wurden auf die Menschen im Süden Israels weit über 1000 Raketen abgefeuert. Es gab einen Todesfall. Der Alarm geht alle halbe Stunde, dann haben die Menschen meist nur 20 Sekunden, um in den Schutzraum zu kommen. Wenn aus den Niederlanden permanent Raketen auf Goch und Emmerich abgefeuert würden, geriete die Bundesregierung auch unter Druck, etwas dagegen zu tun.

Was soll der Einmarsch denn konkret bringen?
Er soll dafür sorgen, dass für einige Jahre wieder relative Ruhe herrscht. Ich glaube nicht, dass Israel die Hamas zerschlagen will. Alles, was danach käme, ginge ideologisch in Richtung ISIS und Al-Kaida. Da ist die Hamas als Ordnungsmacht immer noch besser.

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