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16.05.2017

08:29 Uhr

Interviews nach NRW-Wahl

Martin Schulz kann auch „Niederschläge einstecken“

VonChristian Bartels

Am Abend nach der Wahlniederlage in Nordrhein-Westfalen absolvierte der SPD-Kanzlerkandidat in ARD und ZDF Interview-Sondersendungen. Und gab sogar einen Fehler zu. Steht nun eine „Sternstunde der Demokratie“ bevor?

SPD-Kanzlerkandidat Schulz stellte sich in Fernseh-Interviews Fragen zur NRW-Wahlniederlage.

Schulz

SPD-Kanzlerkandidat Schulz stellte sich in Fernseh-Interviews Fragen zur NRW-Wahlniederlage.

BerlinWas immer sich Martin Schulz vorwerfen lässt: Dass er keine Medien-Strategie und nicht genauso gute Kontakte in die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten wie die CDU besäße, kann nicht dazugehören. Einen Tag nach dem überraschend schlechten Abschneiden seiner Partei auch bei der dritten Landtagswahl des Frühjahrs saß der SPD-Kanzlerkandidat binnen einer guten Stunde für erst zwanzig Minuten zwei Interviewern im ZDF und dann eine Viertelstunde einem ebenfalls weiblich-männlichen Duo von der ARD gegenüber.

Die Interviewer stellten ziemlich ähnliche Fragen. Beide eröffneten mit Fußball-Metaphern. „Der Anpfiff für das Bundesligaspiel hat heute begonnen“, wies Schulz die Vorlage zurück, es stünde nach Wahlen für die SPD bereits 0:3.

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Die CDU gewinnt in Nordrhein-Westfalen und stürzt Kanzlerkandidat Martin Schulz in eine schwere Krise. Das Projekt Kanzlerschaft ist in weite Ferne gerückt. Weder die Person noch die Inhalte überzeugen. Eine Analyse.

Schulz zeigte sich angegriffen von den Niederlagen und pflegte einen deutlich zurückhaltenderen, weniger kraftstrotzenden Ton als bei den ersten öffentlichen Auftritten nach seiner Kanzlerkandidaten-Kür. Daraus, dass er „nicht zum ersten Mal schwere Niederschläge einstecken musste“, wie er beim immer etwas albernen Satzergänzungsspiel der ZDF-Sendung „Was nun?“ sagte, beziehe er Hoffnung, die Bundestagswahl dennoch gewinnen zu können – und aus der Schnelllebigkeit der Politik: Als Bettina Schausten und Peter Frey ihn 106 Tage zuvor im selben Studio befragt hatten, habe die SPD in Wahlumfragen noch bei 20 Prozent gelegen und sei Gefahr gelaufen, von der AfD überholt zu werden. Diese Gefahr besteht derzeit tatsächlich nicht.

Die Frage, ob er im nordrhein-westfälischen Wahlkampf nicht „falsch beraten“ gewesen sei, sich zurückzuhalten, ließ er im ZDF eher offen. In der ARD antwortete er, dass er sich „stärker hätte einbringen müssen“. Tatsächlich war es der ausdrückliche Wunsch der Spitzenkandidatin Hannelore Kraft gewesen, vor allem auf die landespolitische Karte zu setzen.

Wer folgt auf Hannelore Kraft als SPD-Landesvorsitzender?

Thomas Kutschaty (48)

Der Mann ohne Skandale. Seit 2010 ist der gelernte Jurist aus dem Ruhrgebiet Justizminister, er gilt als unaufgeregter Typ, der vermitteln und erklären kann. Seit 30 Jahren ist er Parteimitglied, hat Parteiarbeit von der Pike auf gelernt mit Erfahrung in der Kommunalpolitik. Seit 2016 ist er Vorsitzender des Unterbezirks Essen. In den Vorstand der Landes-SPD hat er es noch nicht geschafft. Traut ihm die Partei genug Durchsetzungsvermögen zu?

Ralf Jäger (56)

Steht als Innenminister seit Monaten in der Kritik. Der gelernte Groß- und Einzelhandelskaufmann und studierte Pädagoge musste sich nach der Kölner Silvesternacht und dem Anschlag des teils in Nordrhein-Westfalen lebenden Attentäters Anis Amri auf dem Berliner Weihnachtsmarkt als Dienstherr der NRW-Sicherheitsbehörden rechtfertigen. Hannelore Kraft stellte sich stets vor ihren Innenminister, der seit 2010 im Amt ist. Jäger wohnt mit Frau und drei Kindern in Duisburg und ist dort Vorsitzender der SPD.

Michael Groschek (60)

Der Macher, der auch mal deutlich werden kann. SPD-Urgestein mit Erfahrung auf allen Ebenen: Kommunen, Land, Bund. Elf Jahre lang bis 2012 war der Oberhausener Generalsekretär der Landes-SPD. Seit 2009 sitzt er im Landesvorstand. Drei Jahre war er auch im Bundestag. Seit 2012 ist er Minister für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr. Als Straßenbauminister hat er es nicht geschafft, die Debatte um den Dauerstau von der Landesregierung fernzuhalten.

Norbert Walter-Borjans (65)

Hat sich als Nordrhein-Westfalens Finanzminister über die Landesgrenzen hinweg mit dem Ankauf von Steuer-CDs aus der Schweiz einen Namen gemacht. Der gebürtige Krefelder ist seit 2010 Mitglied der Landesregierung und für den Landeshaushalt verantwortlich. Zuvor war der Volkswirt mit Doktor-Titel in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften seit 2006 Wirtschafts-Dezernent der Stadt Köln und seit 2009 auch Kämmerer. Der Sohn eines Schreiners und einer Schneiderin arbeitete bereits von 1984 an für das Land. Unter Johannes Rau war er in der Staatskanzlei tätig und ab 1991 stellvertretender Regierungssprecher und Wirtschaftsstaatssekretär.

Ein paar konkrete Pläne für seine Bundesregierung kündigte Schulz an – freilich in derart vagen Formulierungen, wie sie die meisten Parteien unterschreiben würden. Die SPD wolle in Infrastrukturen investieren, um „die Substanz der deutschen Volkswirtschaft zu erhalten“ (ZDF), „damit die Bundesrepublik ihren technischen Vorsprung bewahrt“ (ARD). Und sie werde das Sicherheitsbedürfnis der Wähler, das in Nordrhein-Westfalen eine große Rolle gespielt hat, „sehr ernst nehmen“.

Kommentare (20)

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Herr Franz Powa

16.05.2017, 08:13 Uhr

Eine Sternstunde der Demokratie wäre, wenn die SPD endlich VOLKSENTSCHEIDE AUF BUNDESEBENE durchsetzen würde. Alles andere würde dann in kürzester Zeit durch den Bürger geregelt. Und der würde der SPD das dann auch danken.

Sven NSA Euro

16.05.2017, 08:38 Uhr

Egal was diese Partei jetzt beschließt, die Verräter an der Arbeiterklasse und Schützer der Reichen und Schönen, werden erst glaubhaft, wenn Stegner, Oppermann, Gabriel, Schulz und die gesamte alte Garde aus den Spitzenfunktionen verschwinden.
Junge Visionäre braucht das Land, keine sich an den Trögen festhaltenden Omas und Opas.

Herr Holger Narrog

16.05.2017, 09:08 Uhr

Martin Schulz kann nicht nur, sondern er muss ob er möchte, oder nicht, Niederlagen einstecken.

Schulz hatte mit seinen Parolen zur "sozialen Gerechtigkeit" die Herzen der Qualitätsmedien erwärmt. Sie hatten einen Hype um ihn ausgelöst. Die Bevölkerung hat diesen Hype offensichtlich nicht nachvollzogen.

Ich vermute, dass einige potentielle Wähler sich nicht so leicht für dumm verkaufen liessen. Das persönliche Leben von Herrn Schulz steht nicht im Einklang mit seinen politischen Parolen. Mehr "Soziale Gerechtigkeit (Raub/Diebstahl)" ist nicht umsonst. Sie wird durch die Ureinwohner Deutschlands bezahlt.

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