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06.10.2011

07:24 Uhr

Investitionsklima

Rösler wirft griechischer Regierung Versagen vor

ExklusivDen Griechen kann es mit neuer internationaler Hilfe gar nicht schnell genug gehen. Doch die Bundesregierung bremst. Kurz vor seinem Athen-Besuch äußert Wirtschaftsminister Rösler sogar harte Kritik.

Berlini

Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP). dpa

Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP).

„Man darf von Athen zwar keine Wunder erwarten. Griechenland braucht jedoch grundlegende Veränderungen, mit denen das Investitionsklima verbessert wird“, sagte Philipp Rösler im Interview mit dem Handelsblatt. Zentrale Punkte seien mangelnde Rechtssicherheit, zu langsame Genehmigungsverfahren und oft auch fehlende Verlässlichkeit, sagte Rösler. "Dies hat in den vergangenen Jahren bei deutschen Unternehmen zu Enttäuschungen geführt". Viele deutsche Unternehmen beklagten, dass ihre Rechnungen nicht vom Staat bezahlt würden. "Ich erwarte von der griechischen Seite Fortschritte bei der Lösung dieser Altfälle", forderte der Wirtschaftsminister und FDP-Vorsitzende.

Rösler fliegt heute mit deutschen Unternehmern nach Griechenland. Sie kommen vor allem aus der Solarbranche.

Die griechische Regierung warnte die Euro-Länder vor einem Zögern bei der Hilfe für den hochverschuldeten Staat. Der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ sagte der griechische Minister für Entwicklung und Wettbewerbsfähigkeit, Michalis Chrysochoidis, er wisse nicht, was zur Verzögerung der Auszahlung der nächsten Kredittranche aus dem Griechenland-Hilfspaket geführt habe. „Aber ich weiß mit Sicherheit, dass keine Zeit für Verzögerungen und Zweifel bleibt - nicht nur für Griechenland, sondern für ganz Europa.“ Alle müssten im Blick behalten, dass „die Abwärtsspirale im Falle eines erzwungenen Ausfalls Griechenlands nicht in Griechenland haltmachen würde“.

Zugleich warb er um deutsche Investitionen. Trotz Krise biete Griechenland großes Geschäftspotenzial: „Wir sind kein armes Land, sondern ein seit Jahrzehnten schlecht verwaltetes Land“, sagte Chrysochoidis. Lohnende Branchen für deutsche Investoren seien insbesondere die Energieversorgung, das Abfall-Management und der Tourismus.

Planspiel: Euro-Zone ohne Griechenland

Welche Folgen hätte ein Austritt Griechenlands aus dem Euro?

Die konkreten ökonomischen Folgen eines Euro-Austritts Griechenlands sind kaum vorhersehbar, da es eine vergleichbare Situation bisher noch nicht gegeben hat. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen sowohl für Griechenland als auch für die anderen Länder des Währungsraums verheerend wären. Experten befürchten schwere Konsequenzen für den europäischen Bankensektor - dem Hauptkreditgeber Griechenlands. Und da keine entwickelte Volkswirtschaft ohne gesunde Banken auskommen kann, würden auch Verbraucher und Unternehmen stark getroffen werden.

Welche Folgen würden sich für Griechenland ergeben?

Für Griechenland würde ein Euro-Austritt vermutlich den wirtschaftlichen Zusammenbruch bedeuten. Ohne Euro müssten die Hellenen wieder ihre alte Währung Drachme einführen, die vermutlich drastisch abwerten würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugute kommen.

Was würde sich am Schuldenstand Athens ändern?

Die in Euro aufgenommenen Altschulden würden infolge der Abwertung der neuen eigenen Währung drastisch steigen. „Selbst ein starker Schuldenschnitt würde Griechenlands Probleme dann nicht lösen, da das Land über Jahre hinweg vom Kapitalmarkt abgeschnitten wäre“, unterstreicht ein HSBC-Experte. Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher schon.

Ist ein Austritt Griechenlands im Interesse anderer Euro-Länder?

Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht. An den Finanzmärkten würden nach einem Euro-Austritt Griechenlands wohl schnell andere finanzschwache Länder unter starken Druck geraten, möglicherweise auch wirtschaftsstarke Länder. Denn letztlich könnte sich kein Investor mehr darauf verlassen, dass nicht auch andere Länder - möglicherweise in Verbindung mit einem Schuldenschnitt - aus dem Euroraum ausscheren. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden vermutlich drastisch steigen, und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraums ins Wanken geraten.

Laut Rösler hat die griechische Regierung das Heft des Handelns in der Hand. "Sie muss entscheiden, wie es weitergeht. Jetzt kommt es darauf an, dass Griechenland entschlossen den Reformprozess umsetzt, etwa durch Privatisierungen und eine Modernisierung des Verwaltungsapparats". Als Vorbilder für Griechenland nannte er Polen und Estland. "Polen etwa hat nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sehr gute Erfahrungen mit Sonderwirtschaftszonen gemacht. Estland hat einen harten, aber erfolgreichen Transformationsprozess geschafft", sagte Rösler.

Kommentare (49)

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Account gelöscht!

06.10.2011, 07:49 Uhr

Zum Thema "Versagen" gibt es aktuell wohl keinen kompetenteren Ansprechpartner in Deutschland! Rösler muss es wahrlich wissen!

Account gelöscht!

06.10.2011, 08:12 Uhr

@schatzmeister...wie wahr! Es ist schon schlimm wie das Image Deutschlands durch die Regierung und Opposition beschaedigt wird. Deutschland schafft sich ab! Doch man sollte sich nicht beschweren, denn das Volk hat ja gewaehlt - diese Kasperl wachsen ja nicht in Berlin!

Harakirri

06.10.2011, 08:22 Uhr

Da hat Rösler mal recht. Und mit brutaler Polizeigewalt zieht der griechische Staat die Karre auch nicht aus dem Dreck. Die Welt wird sich verändern auch ohne Griechenland und Euro.

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