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25.09.2013

15:54 Uhr

Investmentkongress mit Lafontaine

„Merkels Europapolitik zerstört die Freiheit“

VonOliver Stock

Oskar Lafontaine nutzt das Machtvakuum nach der Bundestagswahl zur Abrechnung mit der Kanzlerin. Doch die Kritik des Linken-Politikers aus dem Saarland macht nicht bei der Union halt.

„Entfesselte Finanzmärkte“ sind das Thema von Oskar Lafontaine. dpa

„Entfesselte Finanzmärkte“ sind das Thema von Oskar Lafontaine.

MünchenDie Kanzlerin mag eine starke Partei im Rücken haben, eine Mehrheit im neuen Bundestag hat sie bislang nicht. Es herrscht politisches Vakuum – und dieses Nichts ist der Platz, wo sich Menschenfänger, Freigeister, Denker und Denkverweigerer austoben. Oskar Lafontaine, dem von seinen vielen glanzvollen Ämtern derzeit nur das bescheidenen des saarländischen Fraktionsvorsitzenden der Linken geblieben ist, hat von allem etwas, und ihm gehört heute die Bühne in München, wo ausgerechnet eine Bank, nämlich die DAB, ihren jährlichen Investmentkongress abhält. Sie hat Lafontaine eingeladen, was der eine oder andere Kunde und Zuhörer im Vorhinein mit einer unwirschen Email quittierte – aber jetzt darf er sprechen, der Oskar.

„Entfesselte Finanzmärkte“ sind sein Thema, aber Lafontaine wäre nicht er selbst, wenn er den Auftritt nicht für eine intellektuelle Breitseite gegen die Regierung nutzen würde. „Merkels Europapolitik“, sagt er, „zerstört die Freiheit.“ Ihre Sparapelle führten dazu, dass Menschen in Südeuropa verarmten. Lafontaine benutzt das geradezu biblische Wort der „Schuldenknechtschaft“, um zu zeigen, dass die, die vor allem Schulden haben, vor allem eines nicht haben: Freiheit. Und er setzt im Bundesland von Uli Hoeneß noch eins drauf, wenn er feststellt: „Früher waren es die Armen, denen bei einer Amnestie die Schulden erlassen wurden, heute sind es die Reichen.“

Lafontaine kommt in Fahrt. Der Linke, der einst ein Sozialdemokrat war, setzt an zur Abrechnung mit dem Kapitalismus. Das System zeichne sich durch hohe Produktivität bei ungleicher Verteilung aus. Lafontaine zitiert Lenin: „Die Verwüstung des Geldwesens vernichtet die gesellschaftliche Ordnung“, um daraus den Schluss zu ziehen: „Wir brauchen Sparkassen statt Zockerbuden.“ Eine Portion Unabhängigkeit gehört schon dazu, diesen Satz vor Bankern und ihren Kunden zu sagen, weswegen Lafontaine ihn hier auf dem Podium auch eher vernuschelt. Aber immerhin, seine Zuhörer verstehen ihn, wenn er Banken als Institutionen bezeichnet, die zwar von Menschen geschaffen wurden, sich aber am Ende gegen ihre Schöpfer wenden.

Seine Schlussfolgerung allerdings klingt nach Verschwörungstheorie, auch wenn er sie in einen Satz von Theodor Roosevelt einkleidet: „Hinter dem, was wir für die Regierung halten, thront im Verborgenen eine Regierung ohne jede Bindung an und ohne jene Verantwortung für das Volk. Die Vernichtung dieser unsichtbaren Regierung und die Zerschlagung der unheiligen Allianz von korrupter Wirtschaft und korrupter Regierung ist die entscheidende politische Herausforderung unserer Zeit.“ Dass der 26. Präsident der Vereinigten Staaten kein Linker war, freut Lafontaine und gibt dem Zitat aus seinem Mund noch mehr Gewicht.

Dass sich seit Roosevelts Abdankung vor mehr als einem Jahrhundert die Vereinigten Staaten durchaus gut entwickelt haben, wäre der empirische Beweis, dass es manchmal nicht so schlimm kommt, wie alle denken. Die Diskussion darüber aber führt Lafontaine hier heute nicht – jedenfalls nicht an diesem Ort. Er tritt unter Beifall von der Bühne und es zieht ihn weiter: zum Italiener, zum ganz privaten Mittagessen mit einem Lieblingsgesprächspartner Peter Gauweiler. „Ich mag Querköpfe“, sagt Lafontaine und verschwindet.

Kommentare (24)

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yota

25.09.2013, 16:09 Uhr

Was Lafontaine hier sagt, ist (gemäss Zitat) alles richtig und für jeden, der noch selber denkt, schon lange klar.

KlausWinter

25.09.2013, 16:12 Uhr

Lafontaine hat im Sarrland gezeigt wie man Schulden macht , die im Länderfinnazausgleich -die Anderen- bezahlen. Als Finanzminister wollte er zusammen mit seinem französischen Kollegen Herr über die EZB und damit die Notenpresse haben ! Als das nicht gelang sagte er tschüss !

Account gelöscht!

25.09.2013, 16:16 Uhr

Man muss dabei wohl aber auch berücksichtigen, dass seitens der EU-/Euro-Mitgliedsländer und der EU-Organe im besonderen, ein hoher Druck auf Deutschland ausgeübt wird. Die Frage ist also, wie entgeht man diesem Druck oder besser noch, wie erzeugt man Gegendruck, um eine Rückkehr zu den Wurzeln der Idee eines einheitlichen Europas herzustellen, die Einhaltung von EU-Verträgen durchzusetzen und dringend notwendige Reformen zu erzwingen, die den einzelnen Nationalstaaten mehr Gestaltungsspielraum lassen. D.h. somit, Abbau des aufgeblähten, bürokratischen EU-Monsterapparates und Eingeständnis des gescheiterten EURO mit praktischen Konsequenzen.
Die nächste EU-Wahl dürfte im Gegensatz zu allen bisherigen, ein besonderes Interesse hervorrufen und für so einige Überraschungen in der EU sorgen.

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