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15.09.2014

16:22 Uhr

IS-Prozess in Frankfurt

„Du bist jung, dumm und naiv“

Der in Deutschland geborene Kreshnik B. soll in Syrien für die Terror-Miliz Islamischer Staat gekämpft haben. Nun muss er sich vor Gericht verantworten. Ist er nur ein Mitläufer – oder ein Straftäter?

Soll keine Nachahmer mobilisieren: Kreshnik B. muss sich seit Montag wegen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verantworten. Reuters

Soll keine Nachahmer mobilisieren: Kreshnik B. muss sich seit Montag wegen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verantworten.

FrankfurtZum ersten Mal steht in Deutschland ein Mitglied der Terrormiliz Islamischer Staat vor Gericht. Der Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main verhandelt seit Montag gegen einen 20-Jährigen, der laut Anklage 2013 in Syrien in den „Heiligen Krieg“ zog.

Die Bundesanwaltschaft wirft dem in Bad Homburg geborenen Deutschen mit Wurzeln im Kosovo vor, Mitglied einer ausländischen terroristischen Vereinigung gewesen zu sein und in Syrien eine schwere staatsgefährdende Straftat vorbereitet zu haben. Er wurde im Dezember 2013 am Frankfurter Flughafen festgenommen.

Der Vorsitzende Richter stellte in Aussicht, „Milde walten zu lassen“, wenn Kreshnik B. gesteht und aussagt. Dann könnte er nach Jugendstrafrecht zu einer Haftstrafe zwischen drei Jahren und drei Monaten und vier Jahren und drei Monaten verurteilt werden.

Am ersten Prozesstag äußerte sich der Angeklagte noch nicht. Sein Anwalt kündigte eine Erklärung für den nächsten Prozesstag am Freitag an. Dann soll laut Gericht auch ein Sachverständiger zur Terrormiliz Islamischer Staat gehört werden.

Die einflussreichsten Rebellengruppen in Syrien

Islamische Front

Sie ist ein Zusammenschluss aus sechs großen islamistischen Gruppen. Die Islamische Front ist vermutlich die größte Rebellenallianz in Syrien und verfügt über 40.000 bis 50.000 Kämpfer. Ihre Mitglieder sind sunnitische Extremisten, die einen islamischen Staat in Syrien errichten wollen. Die Haltung der Islamischen Front gegenüber den Extremisten von IS ist ambivalent. Teile der Gruppe unterstützen aber den Kampf gegen sie.

Nusra-Front

In der einflussreichen Rebellengruppe sind sowohl syrische als auch ausländische Extremisten aktiv. Sie ist von Al-Kaida offiziell als Ableger in Syrien anerkannt. Die Nusra-Front hat als erste Gruppierung in Syrien Selbstmord- und Autobombenanschläge in Stadtgebieten verübt. Sie kämpft für einen islamischen Staat, hat zwischen 7000 und 8000 Anhänger und arbeitete bislang eng mit der Islamischen Front zusammen.

Islamischer Staat

Die Gruppe wurde von abtrünnigen Mitgliedern der Nusra-Front gebildet und vereinigte sich mit dem Al-Kaida-Ableger im Irak. Früher nannte sie sich Islamischer Staat im Irak und der Levante (Isil). Angeführt wird IS von Abu Bakr al-Baghdadi, der die Forderung der Al-Kaida ignorierte, den Schwerpunkt der Aktivitäten auf den Irak zu legen. Anfang des Jahres kappte Al-Kaida die Verbindungen zur IS, die als die militanteste Extremistengruppen in Syrien gilt.

Zunächst hatte die Gruppierung unter anderem wegen ihrer strikten Haltung gegen Plünderungen einen Großteil der syrischen Bevölkerung auf ihrer Seite. Dies änderte sich, als sie begann, Kritiker zu entführen und zu töten.

Derzeit kämpft IS an mehreren Fronten - gegen rivalisierende Rebellen in Syrien und gegen die Kurden im Nordirak. Die Gruppe soll über 6000 bis 7000 Kämpfer verfügen. Im Irak wird sie durch Zehntausende Kämpfer sunnitischer Stämme unterstützt, die von der Zentralregierung in Bagdad enttäuscht sind.

Syrische revolutionäre Front

Die Allianz aus weitgehend nicht ideologisch geprägten Rebellen-Einheiten formierte sich im Dezember. Das Rückgrat der Gruppe bildet die Syrische Märtyrer-Brigade, eine einst einflussreiche Gruppe aus der nördlichen Provinz Idlib unter Führung von Dschamal Maruf. Ihm war von rivalisierenden Rebellengruppen vorgeworfen worden, für den Aufstand bestimmtes Geld in die eigene Tasche gesteckt zu haben. Die Anhänger der revolutionären Front sind weitgehend moderate Islamisten. Finanziell unterstützt wird die Gruppe vermutlich von Golfstaaten wie Saudi-Arabien.


Mudschaheddin-Armee

Sie bildete sich zu Jahresbeginn aus acht syrischen Gruppen und startete eine Offensive gegen die Extremisten von IS. Die Allianz ist moderat islamistisch und hat nach eigenen Angaben rund 5000 Mitglieder.


Höchstes Militärkommando

Es handelt sich um eine moderate, nicht ideologische Gruppe. Sie wird von westlichen Ländern wie den USA unterstützt. Auch die Türkei und die arabischen Golfstaaten stehen auf ihrer Seite. Sie hat niemals den Eindruck ausräumen können, dass ihre Führung aus dem Ausland kommt.

Am Montag wurden nach Verlesung der Anklageschrift lediglich die Mitschnitte zweier Telefongespräche vorgespielt. In ihnen erschien Kreshnik B. als Mitläufer. „Du bist jung, dumm und naiv“, sagte seine Schwester in dem Telefonat.

Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass sich Kreshnik B. 2011 verstärkt dem Islam zugewandt hat. Im Juli 2013 sei er mit Gleichgesinnten über Istanbul in die syrische Provinz Aleppo gereist. Dort soll er sich eine Waffe besorgt und eine Waffenausbildung durchlaufen haben. Er soll Sanitäts- und Wachdienste geleistet haben, an Anwerbeaktionen beteiligt gewesen sein und bei mehrtägigen Kampfeinsätzen mitgemacht haben.

Ziel der Vereinigung „Islamischer Staat im Irak und Großsyrien“ sei es, das Assad-Regime zu stürzen und „einen islamischen Gottesstaat unter Geltung der Scharia“ aufzubauen, sagte der Vertreter der Bundesanwaltschaft. Die Mittel dazu seien Attentate, Entführungen, Erschießungen, Mord.

Die Zahl der Ausreisen junger Menschen in das Bürgerkriegsland Syrien steigt. Mehr als 400 haben die Verfassungsschützer seit dem Ausbruch des Konflikts 2011 gezählt. Etwa 100 Fanatiker seien inzwischen wieder in Deutschland, Kampferfahrung haben etwa 25 von ihnen.

Von

rtr

Kommentare (8)

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Herr Jens Muche

15.09.2014, 17:55 Uhr

Vielleicht lernt er auf diese Weise, daß an einem Krieg nichts heilig ist, außer man lebt in der Zeit, in der Kriegen noch eine Heiligkeit innewohnte. Und in dieser Zeit befinden sich die, die in den „heiligen Krieg“ ziehen, denn das Gesellschaftsmodell dem sie anhängen befindet sich noch in dieser Zeit. Mit einem Unterschied, die „heiligen Kämpfer“ von heute nutzen die technischen Möglichkeiten, die die Welt derer, die zu bekämpfen ihnen vorgegeben ist, für alle bereithält. Das macht sie mehr als gefährlich.

Herr Jens Muche

15.09.2014, 18:33 Uhr

Nachtrag
Es ist zudem völlig belanglos, wie viele dieser selbsternannten „Gotteskrieger“ Kampferfahrung haben, allen sollte die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt werden, sie sind zu verurteilen und nach Verbüßung ihrer Haft in ihr Herkunftsland abzuschieben. Auch dann, wenn sie hier geboren sein sollten.

Herr Torsten Steinberg

15.09.2014, 19:15 Uhr

"Du bist jung, dumm und naiv."
Stimmen mag das ja. Und authentisch ist es auf jeden Fall; hat schließlich die Schwester persönlich gesagt. Trotzdem kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als wenn diese in fetten Lettern gedruckte Überschrift Teil einer breit angelegten Kampagne ist, den selbst erkorenen "Gotteskriegern" jegliche Ernsthaftigkeit abzusprechen. Dabei sollte man es durchaus Ernst nehmen, wenn junge Menschen - nicht nur junge - in ihrer religiösen Überzeugung, von unserem Standpunkt aus mögen wir es Verblendung nennen - so weit gehen, nicht nur Menschen zu töten, sondern auch ihr eigenes Leben aufs Spiel zu setzen. Solche Menschen von ihrem Irrweg abzubringen, braucht es schon andere Argumente, als ihnen Blödheit vorzuwerfen. Das hätten sich unsere Kreuzritter auch nicht gefallen lassen, und bekehrt hätte es sie auch nicht.

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