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21.09.2016

11:05 Uhr

IS-Terror in Frankreich

Die Umerziehungssanstalt für Islamisten

Fahnenapell, Fitnessstudio, Religionsunterricht – auf dem französischen Schloss Pontourny ziehen ab kommender Woche junge Islamisten ein. Dort sollen sie das Gedankengut des IS endgültig vergessen. Kommen sie freiwillig?

Das „Zentrum für Prävention, Wiedereingliederung und Staatsbürgerschaft“, wie es offiziell heißt, soll in den kommenden Wochen die ersten jungen Leute willkommen heißen. AFP; Files; Francois Guillot

Schloss Pontourny

Das „Zentrum für Prävention, Wiedereingliederung und Staatsbürgerschaft“, wie es offiziell heißt, soll in den kommenden Wochen die ersten jungen Leute willkommen heißen.

Tours„Ferienlager für Islamisten“ oder „Dschihad-Akademie“ – so nennen Kritiker abfällig eine Einrichtung, die bis Ende September in Frankreich ihre Tore öffnet. Auf dem ländlich gelegenen Schloss Pontourny nahe von Tours sollen junge Islamisten untergebracht und „deradikalisiert“ werden. Es ist das erste Zentrum dieser Art im Land und ein Modellprojekt. Die Anwohner sind allerdings wenig begeistert von den Plänen.

Das „Zentrum für Prävention, Wiedereingliederung und Staatsbürgerschaft“, wie es offiziell heißt, soll in den kommenden Wochen die ersten jungen Leute willkommen heißen. Sie sind zwischen 18 und 30 Jahre alt, haben den Kontakt zu ihren Freunden und ihrer Familie in der Regel abgebrochen und wollen nach Darstellung der Anstaltsleitung freiwillig einziehen. „Es geht um junge Leute, die radikalisiert sind und davon loskommen wollen“, sagt Präfekt Louis Lefranc. Eine Art Entzugsheim für Islamisten also.

Frankreich wurde in der Vergangenheit immer wieder Opfer vom islamistischen Terror: Zuletzt töteten am 26. Juli zwei IS-Terroristen den Priester Jacques Hamel während einer Messe in der Kirche von Saint-Étienne-du-Rouvray. Beide Täter waren gerade einmal 19 Jahre alt. Nach dem Anschlag teilte der französische Premierminister Manuel Valls mit, die französischen Behörden würden zur Zeit etwa 15.000 Personen beobachten, die sich in einem Radikalisierungsprozess befänden.

Islamistische Terrorgruppen

Islamischer Staat

Der sogenannte Islamische Staat ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida hervor. Im Irak-Krieg 2003 kämpfte die Gruppe gegen die US-Armee, 2013 setzte sie auf Expansion. Als „Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis)“ griff sie im syrischen Bürgerkrieg ein. Sie wurde stärker und lieferte sich Machtkämpfe mit anderen Islamisten, darunter Al-Kaida. In eroberten Gebieten in Syrien und im Irak riefen die Dschihadisten – nun als Islamischer Staat (IS) – ein Kalifat aus, in dem sie brutal gegen Gegner vorgehen. Dschihadisten in anderen Ländern schworen dem IS ihre Treue. Seit einiger Zeit verübt die Terrormiliz auch Anschläge außerhalb Syriens und des Irak.

Ansar Beit Al-Makdis

Die ägyptische Organisation ist eine der Gruppen, die sich dem IS angeschlossen haben. Seit Ende 2014 bezeichnet sich Ansar Beit al-Makdis („Unterstützer Jerusalems“) als „Provinz Sinai“ des IS. Laut ägyptischem Innenministerium gehören der Zelle rund 2000 Kämpfer an. Die Islamistentruppe verübt vor allem auf der Sinai-Halbinsel und in Kairo Anschläge.

Taliban

Die 2001 in Kabul gestürzten radikalislamischen Taliban haben weiterhin in großen Teilen Afghanistans Einfluss. Seit dem Auslaufen des Nato-Kampfeinsatzes bemüht sich die afghanische Führung verstärkt um Friedensgespräche mit ihnen. Weiterhin verüben die Taliban aber verheerende Anschläge in allen Teilen des Landes und nehmen Gebiete ein. Pakistans Grenzgebiet zu Afghanistan ist ein Rückzugsgebiet für die Taliban und Al-Kaida. Dort sind Gruppen wie die Tehrik-E-Taliban Pakisten (TTP) oder das Haqqani-Netzwerk aktiv. Auch die Gruppe Laschkar-E-Taiba („Armee der Reinen“) agiert von Pakistan aus auf dem Subkontinent.

Al-Kaida

1988 gründeten Dschihadisten in Afghanistan das Terrornetzwerk Al-Kaida („Die Basis“). Später richteten sich dessen Angriffe gegen die USA und Westeuropa. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 war Al-Kaida-Chef Osama bin Laden bis zu seinem Tod der meistgesuchte Terrorist der Welt. 2011 tötete eine US-Spezialeinheit Bin Laden im pakistanischen Abbottabad. Seit 2001 setzt das Terrornetzwerk zunehmend auf Regionalisierung.

AQAP

Zu den weitgehend unabhängig agierenden Al-Kaida-Ablegern zählt die 2008 aus der Vereinigung des jemenitischen mit dem saudi-arabischen Zweig entstandene Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (Al-Qaeda in the Arabian Peninsula/AQAP). Die Terrorgruppe verübt seit Jahren immer wieder Anschläge. Der im Januar 2015 ermordete Redaktionsleiter des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, Stéphane Charbonnier, stand auf einer „Fahndungsliste“ des Dschihad-Magazins „Inspire“, das von AQAP veröffentlicht wird. Die USA greifen im Jemen regelmäßig Lager der Gruppe mit Drohnen an.

AQMI

Die ursprünglich algerische Gruppe Alk-Kaida im islamischen Maghreb (AQMI) versucht, Tunesien, Marokko, Algerien, Mauretanien, Niger und Mali durch Anschläge und Entführungen zu destabilisieren. Sie hat auch Rückzugsgebiete in Libyen. Auch die aus Libyen stammende Organisation Ansar al-Scharia („Unterstützer des islamischen Rechts“) verübt Anschläge in Tunesien.

Ansar Dine

Anhänger der Gruppe besetzten 2012 gemeinsam mit Tuareg-Rebellen den Norden Malis. Ihr werden Verbindungen zu Al-Kaida im islamischen Maghreb nachgesagt. Dem Terrorregime der Ansar Dine fielen viele Menschen mit westlichem Lebensstil zum Opfer. Französische und afrikanische Truppen vertrieben die Extremisten weitgehend aus der Region. Es kommt aber weiterhin zu Gefechten und Anschlägen auf Sicherheitskräfte in Mali.

Boko Haram

Die islamistische Terrorgruppe führt in Nigeria einen blutigen Feldzug zur Errichtung eines sogenannten Gottesstaats. Boko Haram heißt so viel wie: „Westliche Bildung ist verboten“. Die sunnitischen Dschihadisten werden für viele Attentate und Angriffe verantwortlich gemacht. Schätzungen zufolge wurden seit 2009 mehr als 14.000 Menschen getötet. Die selbst ernannten „Gotteskrieger“ kontrollieren Teile Nordostnigerias und versuchen auch, Gebiete in den Nachbarländern Kamerun und Niger zu erobern. Die Gruppe schwor der IS-Miliz Gefolgschaft.

Al-Shabaab

Die radikale Miliz verbreitet in Somalia Angst und Schrecken und verübt auch in Nachbarländern wie Kenia Anschläge. Zwar vertrieben Regierungstruppen und Soldaten der Afrikanischen Union die Extremisten 2011 aus der Hauptstadt Mogadischu, Al-Shabaab beherrscht aber noch weite Teile Mittel- und Südsomalias. Die Organisation hat Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida und kooperiert mit den Extremisten von Boko Haram in Nigeria.

Jemaah Islamiyah

Die Anfang der 1990er Jahre von Indonesiern in Malaysia gegründete Terrorgruppe war bisher in Indonesien, Malaysia und im Süden der Philippinen aktiv. Sie will ein Kalifat in Südostasien errichten und steht Al-Kaida nahe. 2002 ermordeten Jemaah Islamiya-Terroristen bei Bombenanschlägen auf der indonesischen Ferieninsel Bali 202 Menschen, darunter mehr als 150 ausländische Touristen. Weitere Anschläge folgten.

Auf dem Schloss in Pontourny soll die Radikalisierung der jungen Islamisten gestoppt werden. Die Bewohner werden in großen, hellen Zimmern untergebracht, die an ein Studentenwohnheim erinnern. Die Fenster sind allerdings vergittert, um zu verhindern, dass Bewohner sich hinausstürzen.

Zudem gibt es einen Schlosspark mit hundert Jahre alten Bäumen, ein kleines Fitnessstudio, Aufenthaltsräume und Klassenzimmer. Dort sollen die Insassen unter anderem Unterricht in Religion, Geschichte und Philosophie erhalten. Das Regiment ist strikt: Die jungen Leute werden um 6.45 Uhr geweckt und müssen die Anstalts-Uniform tragen.

Einmal in der Woche gibt es einen Fahnenappell. „Wir wollen mit den Symbolen der Republik arbeiten, und die Fahne ist eines davon“, erklärt Pierre Pibarot, der für die Wiedereingliederung der jungen Islamisten zuständig ist. „Zudem wollen wir sie kritikfähig machen.“ Alle „Freiwilligen“ werden von Sozialarbeitern, Psychologen und Ärzten betreut. Eine Reihe von Anwohnern der Gemeinde Beaumont-en-Véron sind von dem Projekt wenig begeistert. Sie fürchten, dass von den Insassen eine Gefahr für die Nachbarschaft ausgehen könnte. Dabei sollen die Bewohner die Einrichtung nur verlassen können, wenn dies von Experten für unbedenklich erklärt wurde.

Zudem versichert die Anstaltsleitung, dass niemand aufgenommen wird, der den Behörden als sogenannter Gefährder bekannt ist oder gegen den im Zusammenhang mit den jüngsten Anschlägen in Frankreich ermittelt wird. Auch straffällig gewordene Gewalttäter oder Islamisten, die in Syrien waren, dürfen nicht in das Zentrum. Einige Bürger sind besorgt, dass die Einrichtung zu einem Ziel für die Terrormiliz Islamischer Staat werden könnte.

„Die Sicherheitsvorkehrungen sind völlig unzureichend“, empört sich ein Anwohner. „Das gilt sowohl für Leute, die in das Zentrum hineinwollen als auch für solche, die herauswollen.“ Für Sicherheit sollen 18 Kameras und ein Infrarot-System sorgen, mit denen das Schlossgelände rund um die Uhr überwacht wird. Im Fall eines Alarms könne die Polizei innerhalb weniger Minuten vor Ort sein, versichert die Anstaltsleitung.

Von

afp

Kommentare (17)

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Frau Lana Ebsel

21.09.2016, 11:19 Uhr

... selten so gelacht.

Herr Holger Narrog

21.09.2016, 11:20 Uhr

Saudi Arabien betreibt ähnliche Anstalten. Die Insassen sind verurteilte Islamisten. Wie erfolgreich diese sind ist mir nicht bekannt.

Der Deutschen Politik scheinen die Regierungskritiker mehr am Herzen zu liegen als die Gäste der Kanzlerin auch wenn einige der Gäste der Kanzlerin ganz gut in Form sind, s. Köln, s. diverse Anschläge. Ich nehme an, dass man in Deutschland eher Anstalten für Regierungskritiker bauen würde. Dort liesse man diese dann wie die Duracell Häsli, oder CDU Delegierten, minutenlang zu Merkelreden klatschen, "Klimawandel" und "Erneuerbaren Energien" huldigen.

Account gelöscht!

21.09.2016, 11:29 Uhr

Das ist teurer Symbolpolitik die auf kosten der Steuerzahler geleistet wird. Europas Bürger wird somit auch von dieser Seite her immer mehr das Geld aus der Tasche gezogen.
Das einzige was gegen den IS Terror hilft. Grenzen dicht machen und kontrollieren wer ins Land einreist. Verfrachtung von illegalen Einwanderer und IS Untersützer an die Nordafrikanische Küste bzw. nach Syrien.
Wenn Europa und vor allen Deutschland nicht endlich hart und unerbittlich gegen diese illegale Einwanderung durchgreift, dann war es es mit einen friedlichen und sozialen Europa in Wohlstand und Fortschritt.
Englang hat dies begriffen und die fackeln auch nicht lange. Ungarn und die Osteuropäer haben es auch begriffen. Nur Italien, Griechenland und Frankreich sind sozialistischs immer noch überfordert. Spanien hat es auch begriffen!

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