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09.08.2016

11:45 Uhr

Islam-Unterricht in Deutschland

Angst vor politischer Propaganda im Klassenzimmer

Islamunterricht gehört nicht in die Hände von Hinterhof-Predigern. Doch einheitliche Regelungen an den Schulen gibt es nicht. Großen Einfluss hat der Verband Ditib. Doch der gerät nach dem Putschversuch ins Zwielicht.

Wie groß ist der Einfluss des Islam-Verbandes Ditib. dpa

Islamunterricht

Wie groß ist der Einfluss des Islam-Verbandes Ditib.

Berlin, KölnBeim Ziel sind sich alle einig: Islam-Unterricht für junge Muslime gehört nicht in die Hände von Hinterhof-Predigern. Doch nach wie vor haben die zuständigen Bundesländer Probleme, anerkannte Islam-Religionsgemeinschaften für Kooperationen zu finden – also suchen sie bei den sehr heterogenen muslimischen Verbänden. Auch in diesem sensiblen Bereich der Schulpolitik schlagen die autoritären Tendenzen der Türkei nun auf Deutschland durch. Aktueller Stein des Anstoßes: Der größte Islam-Dachverband Ditib in Köln.

Die Ditib ist auch Ansprechpartner für mehrere Bundesländer beim islamischen Religionsunterricht. Das Problem: Sie untersteht der türkischen Religionsbehörde – und ist damit, so sagen Kritiker, dem direkten Einfluss von Präsident Recep Tayyip Erdogan ausgesetzt. Lange war die Nähe zu Ankara kein großes Thema, galt die Ditib doch als weitgehend immun gegen islamischen Extremismus. Aber seit Erdogans massiver Reaktion auf den Putschversuch vom 15. Juli macht sich Unbehagen breit – politische Propaganda soll nicht in deutschen Klassenzimmern landen.

KT: Die Debatte über Islamunterricht

Die Diskussion

Flächendeckender Religionsunterricht für Muslime als Mittel gegen radikal-islamische Lockrufe? Mit seinem Vorstoß hat EKD-Ratschef Heinrich Bedford-Strohm eine schon länger geführte Debatte neu angefacht. Obwohl seit Jahrzehnten muslimische Migranten und Flüchtlinge nach Deutschland kommen, gibt es für Islamkurse an staatlichen Schulen nämlich immer noch keine bundesweite Regelung.

Um wie viele muslimische Schüler geht es in Deutschland?

Ihre Zahl ist durch den Flüchtlingsandrang der vergangenen Monate noch einmal sprunghaft angestiegen. Nach einer Studie der Deutschen Islam Konferenz (DIK) könnten rund 650.000 Schüler unter 18 Jahren am Islamunterricht öffentlicher Schulen teilnehmen, wenn es überall Angebote gäbe. Nach Schätzung der Kultusministerkonferenz der Länder (KMK) sind 20 bis 30 Prozent der zuletzt nach Deutschland gelangten Flüchtlinge Minderjährige im schulpflichtigen Alter, also 250.000 bis 300.000 – sehr viele davon Muslime aus Kriegs- und Krisenregionen.

Was verspricht sich Bedford-Strohm von einer Ausweitung der Angebote?

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sieht darin die beste Möglichkeit, Muslime immun zu machen gegen Fundamentalismus. Diesen Schüler müsse ermöglicht werden, sich mit den Traditionen ihrer Religion fundiert auseinanderzusetzen. „Sie können zugleich Neues über den Islam lernen – und das auf dem Boden des Grundgesetzes.“ Diese Ansicht teilt Ismail Yavuzcan vom Tübinger Lehrstuhl Islamische Theologie. Der Ausbau des Unterrichts sei ein wichtiger Baustein, um „religiösem Analphabetismus“ und dem Abgleiten in Extremismus vorzubeugen.

Welche Länder bieten islamischen Religionsunterricht an?

Laut KMK Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz, zudem das Saarland seit kurzem mit der Klassenstufe 1. Schwierig ist die Situation in den Ost-Ländern, die ihre Zurückhaltung gern mit der dort geringen Zahl von Muslimen begründen. In Berlin, Bremen und Brandenburg ist Religion an den Schulen generell kein festes Lehrfach und untersteht nicht staatlicher Aufsicht, wird also Kirchen und Religionsgemeinschaften überlassen. Und in Hamburg wird der Unterricht nicht getrennt nach Konfessionen erteilt, sondern als „Religionsunterricht für alle“.

Wo liegt in der Praxis das Hauptproblem?

Auch das spricht Bedford-Strohm an: Die Islamverbände sollten wie die christlichen Kirchen den Religionsunterricht an den Schulen selbst verantworten. Dafür müssten jedoch „die Muslime in Deutschland sich so aufstellen, dass es klare Ansprechpartner für den Staat gibt“. Denn nach wie vor haben die Bundesländer Probleme, anerkannte Religionsgemeinschaften für das Prozedere muslimischen Unterrichts zu finden. „Derzeit gibt es aus meiner Sicht keine zufriedenstellende Lösung“, sagt der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU).

Wer organisiert denn derzeit den Islam-Unterricht?

Das ist in den Ländern unterschiedlich geregelt. Beispielsweise gibt es in Baden-Württemberg einen Projektbeirat Islamischer Religionsunterricht, dem Vertreter verschiedener Islamverbände angehören. Der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann betont, der Staat mische sich nicht in die Inhalte des Religionsunterrichts ein, achte aber auf die Verfassungstreue der Lehrer. Die Südwest-CDU kritisiert, im Beirat sei auch die Islamische Glaubensgemeinschaft Baden-Württemberg vertreten. Unter deren Dach gibt es Vereine, die der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs angehören – und die wird vom Verfassungsschutz beobachtet.

Welche Kinder nehmen am Islamunterricht der Schulen teil?

Die Teilnahme ist freiwillig. Die Türkische Gemeinde in Deutschland hat den Eindruck, dass vor allem Kinder modern denkender Eltern zum Islamunterricht öffentlicher Schulen angemeldet werden. Sehr konservative Eltern schickten ihre Kinder dagegen nach wie vor eher zur religiösen Unterweisung in die Moschee, sagt der Bundesvorsitzende des Verbandes, Gökay Sofuoglu. Er fände es gut, wenn islamischer Religionsunterricht künftig an allen Schulen angeboten würde – allerdings erst wenn es genügend verfassungstreue deutschsprachige Lehrer gebe. Denn: „Der Islamunterricht sollte nicht aus dem Ausland importiert werden.“ Auch der Autor Ahmad Mansour („Generation Allah“) sagt, islamischer Religionsunterricht sei kein Allheilmittel. „Es gibt auch Islamlehrer, die ich für hochproblematisch halte.“

Wie ist es um die Ausbildung muslimischer Lehrer bestellt?

Angesichts von mehr als vier Millionen Muslimen in Deutschland – Tendenz: steigend – setzt der Bund die Förderung von Islamischer Theologie an fünf Hochschulstandorten fort. Die 2011/2012 an den Universitäten Tübingen, Münster, Osnabrück, Frankfurt/Main und Erlangen-Nürnberg gegründeten Zentren seien eine Erfolgsgeschichte, sagt Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU). Von vornherein sollten Studierende dort nicht nur als Prediger ausgebildet werden, sondern auch für das Lehramt.

Als prominentester Skeptiker sagt Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU): „Meines Erachtens sollte man es nicht zulassen, dass ein Verband wie Ditib, der offenbar Sprachrohr von Präsident Erdogan ist, den islamischen Religionsunterricht in Schulen gestaltet.“ Andere Politiker von Union und SPD rufen die Organisation zur Abgrenzung von Ankara auf. Die religionspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Kerstin Griese, mahnt aber auch, man müsse im Gespräch bleiben, „da Verbände wie Ditib die einzigen Gesprächspartner sind, die wir beim Thema Islam hier haben“.

Da liegt das Dilemma, und auch in der unterschiedlichen Schulpolitik der Länder. Laut Kultusministerkonferenz (KMK) bieten Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, NRW, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz und seit kurzem auch das Saarland Islam-Unterricht unter staatlicher Aufsicht an. In Berlin und Bremen ist Religion kein festes Schulfach, unterliegt auch nicht dem staatlichem Einfluss. In Hamburg werden Kurse nicht getrennt nach Konfessionen erteilt, sondern als „Religionsunterricht für alle“.

Union und SPD üben Kritik: Muslimischer Verband soll sich von Erdogan distanzieren

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Abgeordnete von Union und SPD sehen die weitere Zusammenarbeit mit dem deutschen Moscheen-Dachverband kritisch – die Muslime sollen sich von Erdogan distanzieren. Die Grünen finden das „hilflos und naiv“.

Die Ditib wehrt sich gegen Vorwürfe, verlängerter Arm Erdogans in Deutschland oder Sprachrohr bis in die Klassenzimmer zu sein. Sprecher Zekeriya Altug: „Diese Unterstellung entbehrt eindeutig jeglicher Grundlage.“ Der rheinland-pfälzische Ditib-Vize Cihan Sen weist den Verdacht einer politischen Einflussnahme aus der Türkei ebenfalls zurück.

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