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07.03.2016

20:15 Uhr

Islamischer Staat

BKA gelangt an Personalbögen von deutschen IS-Kämpfern

Der IS legt offenbar viel Wert auf Bürokratie: Neuankömmlinge der Terrormiliz müssen Namen, Herkunftsort und „Dschihad“-Erfahrung in Fragebögen angeben. Nun sind die Dokumente in die Hände deutscher Ermittler gelangt.

Ausländische Kämpfer müssen in einer Art Personalbogen ausführlich Angaben zu ihrer Person und ihren Qualifikationen machen. AP

Islamischer Staat

Ausländische Kämpfer müssen in einer Art Personalbogen ausführlich Angaben zu ihrer Person und ihren Qualifikationen machen.

München/BerlinDem Bundeskriminalamt liegen brisante Papiere vor, die aus dem Inneren der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) kommen sollen und Informationen zu deutschen Kämpfern enthalten. Das berichteten am Montag die „Süddeutsche Zeitung“, NDR und WDR. Das Material soll aus Befragungen von IS-Anhängern stammen – nach der Einreise in das von der Terrororganisation beherrschte Gebiet in Syrien. Ausländische Kämpfer müssen demnach beim IS in einer Art Personalbogen ausführlich Angaben zu ihrer Person und ihren Qualifikationen machen. Ein BKA-Sprecher bestätigte der Deutschen Presse-Agentur, dass seiner Behörde derartige Papiere vorliegen - und dass die Experten sie für echt halten. Das Material soll nun bei Ermittlungen und der Strafverfolgung helfen.

„Wir gehen davon aus, dass es sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit um echte Dokumente handelt“, sagte der BKA-Sprecher der dpa. „Wir nutzen diese nun zur Strafverfolgung und für gefahrenabwehrende Maßnahmen.“ Zu Details äußerte er sich nicht. Auch welchen Umfang das Material insgesamt hat und auf welchem Weg das BKA an die Papiere gekommen ist, ließ er offen. Aus anderen Sicherheitskreisen hieß es ebenfalls, das Material sei vermutlich authentisch und könne für die weitere Arbeit sehr wertvoll sein.

Die vielen Namen der Extremistenmiliz IS

Isil

Die Abkürzung steht für „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ und ist vor allem im Englischen noch häufig zu hören. Sie kommt der Übersetzung des arabischen Namens recht nahe. Dort ist vom Islamischen Staat im Irak und „al-Scham“ die Rede, also Großsyrien unter den Omajaden und später den Abbasiden.

Isis

Die Kurzform von „Islamischer Staat im Irak und Syrien“.

Isig

Diese Abkürzung benutzt die Bundesanwaltschaft in ihren Pressemitteilungen. Sie steht für den „Islamischen Staat im Irak und Großsyrien“.

IS

So nennt sich die Organisation selbst seit der Ausrufung ihres Kalifats 2014. Die Abkürzung steht für „Islamischer Staat“. Kritiker lehnen diese Bezeichnung ab, weil sie den Anspruch der Miliz untermauere, einen echten Staat – und noch dazu einen islamischen – geschaffen zu haben. Manche sprechen deshalb vom „sogenannten Islamischen Staat“.

Daesch oder Daisch

Als Alternative ist in den vergangenen Monaten vermehrt die Bezeichnung Daesch oder Daisch in Mode gekommen. Dies ist die arabische Abkürzung für die Bezeichnung „Islamischer Staat im Irak und al-Scham“ (Al Daula al-Islamija fi al-Irak wa al-Scham). In den Ohren von Muttersprachlern klingt sie despektierlich, der IS selbst lehnt sie ab. Das ist ein Grund mehr für Gegner der Extremisten, sie zu verwenden.

Der „Süddeutsche Zeitung“, dem NDR und WDR liegen nach eigenen Angaben selbst mehrere Dutzend solcher als geheim eingestufter Dokumente des IS vor. Die Medien berichteten, jeder IS-Freiwillige müsse der Terrormiliz gegenüber Angaben zu 23 Fragen machen. Neben dem Namen, Kampfnamen und vorherigem Wohnort würden zum Beispiel auch Informationen zu Schleusern, Angehörigen, religiöser Bildung und „Dschihad“-Erfahrung abgefragt. Die Einreisenden könnten zudem angeben, ob sie beispielsweise als Kämpfer oder Selbstmordattentäter eingesetzt werden wollten.

In dem Bericht hieß es weiter, die Dokumente seien offenbar Teil eines größeren Datenlecks, das Tausende solcher Personalbögen umfassen soll und inzwischen zumindest in Teilen verschiedenen Sicherheitsbehörden bekannt sei. Aus den Unterlagen ergebe sich auch, welche Deutschen beim IS offenbar besonderen Einfluss hätten.

Die Materialsammlung könnte helfen, neue Ermittlungen gegen IS-Anhänger aus Deutschland aufzunehmen oder bisherige Ermittlungen oder Anklagen auszuweiten. Bislang haben die Ermittler oft Mühe, Verdächtigen die Mitgliedschaft beim IS nachzuweisen. Laut Bericht von „SZ“, NDR und WDR finden sich in den Dokumenten auch Namen von Islamisten, die nach ihrer Rückkehr nach Deutschland bisher unbehelligt blieben – sie hatten demnach bisher abgestritten, beim IS gewesen zu sein.

Nach Erkenntnissen der deutschen Sicherheitsbehörden sind bislang insgesamt mehr als 800 Islamisten aus Deutschland in das Kampfgebiet nach Syrien und in den Irak ausgereist, rund 20 Prozent davon Frauen. Etwa 130 dieser Islamisten sind bislang in den Kampfgebieten ums Leben gekommen. Ein Drittel der Ausgereisten ist dagegen inzwischen wieder zurück in Deutschland. Etwa 70 der Rückkehrer sollen Kampferfahrung haben.

Von

dpa

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