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05.11.2014

19:40 Uhr

Islamismus in Deutschland

Jung, deutsch, männlich, Gotteskrieger

VonDésirée Linde

Im Kinderzimmer radikalisiert, in der Schule gescheitert, ohne Rückhalt bei Familie und Freunden: 400 meist junge, deutsche Männer sind ausgereist, um sich der IS-Miliz anzuschließen – und zu töten. Was treibt sie an?

Er starb nicht als Philip Bergner, sondern als Abu Usama al-Almani: Der junge Mann von Niederrhein sprengte sich im Irak in die Luft. Screenshot Youtube

Er starb nicht als Philip Bergner, sondern als Abu Usama al-Almani: Der junge Mann von Niederrhein sprengte sich im Irak in die Luft.

DüsseldorfEr hieß Philip, ging zur Berufsschule, fuhr in seiner Freizeit Pizza aus und spielte Fußball – beim SuS 09 in seiner Heimatstadt Dinslaken, am tiefsten Niederrhein. Dort, wo die Welt eigentlich noch in Ordnung sein sollte. Doch der junge Mann war der Welt, die er kannte und die ihn kannte, längst entglitten. Der 26-Jährige ist tot. Er starb nicht als Philip Bergner, als der er geboren wurde, sondern als Abu Usama al-Almani.

Der Berufsschüler sprengte sich im vergangenen Sommer nahe der irakischen Stadt Mossul in die Luft. Er hatte ein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug in eine Stellung der kurdischen Peschmerga gefahren. Mindestens 20 Menschen riss er mit in den Tod.

Erst Mitte Juli hat sich in Bagdad ebenfalls ein Islamist aus Deutschland in die Luft gesprengt und dabei 27 Menschen getötet. Er stammte aus Ennepetal in Nordrhein-Westfalen. Die Familie des 21-Jährigen, der sich nur noch Abu al-Kaakaa al-Almani nannte, habe die Todesnachricht aus dem Irak per Telefon erhalten, berichtete das Nachrichtenportal „Der Westen“. Am 28. Juli verübte laut der „Süddeutschen Zeitung” ein als Abu Ayyub Al Maghrebi vorgestellter junger Mann aus Deutschland einen Selbstmordanschlag im irakischen Ramadi. Der Attentäter hatte in einem Video erklärt: „Ich möchte meinen Geschwistern und speziell denjenigen im Westen sagen: ,Zieht aus, zieht aus zum Dschihad und zu eurem Staat!’” 

Islamisten aus Deutschland

378 Islamisten…

… hat das Bundesinnenministerium in einer Studie analysieren lassen, um zu ermitteln, welche Menschen sich radikalisieren. Nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden sind sie von Juni 2012 bis Ende Juni 2014 vermutlich nach Syrien ausgereist, um dort zu kämpfen.

Jung, männlich und...

… meistens in Deutschland geboren. Die jungen Männer sind zudem meist wenig ausgebildet. Sie stammen aus 31 Nationen. 61 Prozent von ihnen wurden in Deutschland geboren, acht Prozent in Syrien, sechs Prozent in der Türkei, drei Prozent im Libanon, ebenfalls drei Prozent in der Russischen Föderation.

Mehr als jeder Dritte…

… von ihnen, nämlich 37 Prozent, besitzt die alleinige deutsche Staatsbürgerschaft, 24 Prozent besitzen eine doppelte Staatsbürgerschaft (mehrheitlich marokkanisch, türkisch, syrisch und afghanisch).

64 Prozent…

… von ihnen wuchsen in Familien mit mindestens einem muslimischen Elternteil auf. 14 Prozent sind Konvertiten. 77 Prozent der Konvertiten sind Männer.

Straffällig geworden…

… ist der Großteil von ihnen bereits. 65 Prozent der untersuchten Islamisten sind zuvor durch Straftaten, wie Drogendelikte und Diebstahl aufgefallen.

Der salafistischen Szene...

…können laut den Erkenntnissen 84 Prozent zugerechnet werden. 52 Prozent sollen „dschihadistisch“ motiviert sein. 120 von ihnen kehrten zurück, davon befinden sich sechs in Haft.

40 deutsche Islamisten…

… sollen laut der Studie bereits allein in Syrien gestorben sein.

Philip und der beiden anderen jungen Männer aus NRW sind keine Einzelfälle. Bei mindestens acht Selbstmordattentaten in Syrien und dem Irak waren die Attentäter junge Deutsche. Mehr als 200 Menschen kamen dabei ums Leben. Schätzungen zufolge kämpfen rund 9000 Ausländer in Syrien für den Islamischen Staat (IS), darunter etwa 3000 aus Westeuropa, 15.000 sind es weltweit – aus 81 Nationen. Deutsche Sicherheitsbehörden gehen von weit mehr als 400 Ausreisen von Islamisten aus Deutschland mit meist salafistischem Hintergrund in Richtung Syrien und Irak aus.

Befürchtet wird zudem eine hohe Zahl von nicht entdeckten Ausreisen. 130 Kämpfer aus Deutschland seien außerdem bereits wieder aus Syrien zurückgekehrt. Auch wenn es keine konkreten Hinweise auf Anschlagsplanungen gebe, gehe von ihnen eine Gefährdung aus. In Stuttgart stehen derzeit drei Männer vor Gericht, denen Mitgliedschaft beziehungsweise Unterstützung des IS vorgeworfen wird.

Drei Merkmale sind den meisten, die in den vermeintlichen „Gotteskrieg“ ausreisen, gemein: Sie sind jung und männlich – und sie sind deutsch. Das ergeben laut Michael Kiefer, Islamwissenschaftler und Postdoc am Zentrum für Interkulturelle Islamstudien an der Universität Osnabrück, die vom Verfassungsschutz ausgewerteten 378 Fälle: Der Großteil ist zwischen 18 und 25 Jahre alt. Der jüngste, von dem Kiefer weiß, war 14 Jahre jung, als er in den Dschihad zog.

Frauen sind auch darunter, wenn auch in der deutlichen Unterzahl: „Frauen reisen auch nicht als Kämpferinnen oder für Bombenattentate in das Kriegsgebiet, sondern werden dort als Logistikerinnen und für die Organisation der Rückzugsräume eingesetzt“, sagt Kiefer.

Der Leiter des nordrhein-westfälischen Landesverfassungsschutzes, Burkhard Freier, schätzt die Zahl der ausgereisten Frauen aus NRW auf etwa 25. „Diese Frauen sind sehr jung, jünger als die Männer. Sie sind zwischen 16 und 20“, sagte der der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“.

Vor einigen Monaten hatte der Fall einer 16-jährigen Gymnasiastin aus Konstanz Aufsehen erregt. Sie war heimlich über die Türkei in ein Ausbildungslager in Syrien gereist. Diese Mädchen hockten vorher vor ihrem PC und betrachteten die jungen Männer im Kampf und fühlten sich von den Bildern und Ideen angezogen – sie lassen sich von Videos, Blogs und Facebook-Einträgen von anderen Frauen aus dem Herrschaftsbereich der Terrormiliz anlocken. Experten nennen das „Kinderzimmerradikalisierung“. Hinzu kommt sehr häufig laut dem Verfassungsschutz eine Art Protestkultur und der Wunsch, sich von der eigenen Familie abzugrenzen.

Kommentare (7)

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Herr Horst Meiller

05.11.2014, 20:21 Uhr

Ich sehe das Problem nicht so sehr darin, daß solche... Leute das Land verlassen!
Solange die nicht wieder reingelassen werden...!!

Herr Nehal Devanowitch

05.11.2014, 20:31 Uhr

mich würde mal interessieren was Sie unter deutsch verstehen. Wer einen deutschen pass hat ist deutsch? Kein wunder das wir angst haben müssen dass uns ein deutscher bald den kopf abschneidet.

Herr Horst Meiller

05.11.2014, 20:38 Uhr

@Nehal Devanowitch
So ist das eben in Zeiten, in denen jedem XXXXXXXXXXXX (Selbstzensur) ein deutscher Paß (und auch gleich ein Wahlschein) hinterhergeworfen wurde!

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