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17.09.2014

12:30 Uhr

Islamismus

Verfassungsschutz warnt vor Dschihad-Apps

Deutsche Kämpfer der Terrorgruppe Islamischer Staat brüsten sich gern auf Facebook mit ihren Aktionen. Oft werden ihre Einträge dort gelöscht. Doch sie finden andere Wege für den virtuellen Dschihad.

Soll keine Nachahmer mobilisieren: Kreshnik B. muss sich seit Montag wegen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verantworten. Reuters

Soll keine Nachahmer mobilisieren: Kreshnik B. muss sich seit Montag wegen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verantworten.

BerlinAus Deutschland stammende Islamisten der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) setzen bei der Rekrutierung neuer Kämpfer verstärkt auf Smartphone-Anwendungen wie WhatsApp oder Instagram. „Durch die dort verbreitete Dschihad-Romantik wird eine virtuelle Nähe und Vertrautheit geschaffen, die weitere Ausreisen in den Dschihad („Heiliger Krieg“) fördert“, warnte der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, in Berlin. 130 Kämpfer aus Deutschland seien wieder aus Syrien zurückgekehrt. Auch wenn es weiterhin keine konkreten Hinweise auf Anschlagsplanungen gebe, gehe von ihnen ein hohes Gefährdungspotenzial aus.

Schätzungen zufolge kämpfen rund 9000 Ausländer in Syrien für den IS, darunter etwa 3000 aus Westeuropa. Deutsche Sicherheitsbehörden gehen von weit mehr als 400 Ausreisen von Islamisten aus Deutschland mit meist salafistischem Hintergrund in Richtung Syrien und Irak aus. Befürchtet wird zudem eine hohe Zahl von nicht entdeckten Ausreisen.

Die Zahl der aus Deutschland stammenden IS-Selbstmordattentäter dürfte höher als bisher angenommen sein. Nach Informationen von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ werden derzeit weitere drei bis vier Selbstmordattentate im Irak und in Syrien auf deutsche Beteiligung hin untersucht - neben fünf als gesichert geltenden Fällen. „Wir wollen nicht, dass aus Deutschland der Tod in den Irak gebracht wird. Der Export von Terror ist unerträglich und muss unterbunden werden“, wird Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) zitiert.

Die einflussreichsten Rebellengruppen in Syrien

Islamische Front

Sie ist ein Zusammenschluss aus sechs großen islamistischen Gruppen. Die Islamische Front ist vermutlich die größte Rebellenallianz in Syrien und verfügt über 40.000 bis 50.000 Kämpfer. Ihre Mitglieder sind sunnitische Extremisten, die einen islamischen Staat in Syrien errichten wollen. Die Haltung der Islamischen Front gegenüber den Extremisten von IS ist ambivalent. Teile der Gruppe unterstützen aber den Kampf gegen sie.

Nusra-Front

In der einflussreichen Rebellengruppe sind sowohl syrische als auch ausländische Extremisten aktiv. Sie ist von Al-Kaida offiziell als Ableger in Syrien anerkannt. Die Nusra-Front hat als erste Gruppierung in Syrien Selbstmord- und Autobombenanschläge in Stadtgebieten verübt. Sie kämpft für einen islamischen Staat, hat zwischen 7000 und 8000 Anhänger und arbeitete bislang eng mit der Islamischen Front zusammen.

Islamischer Staat

Die Gruppe wurde von abtrünnigen Mitgliedern der Nusra-Front gebildet und vereinigte sich mit dem Al-Kaida-Ableger im Irak. Früher nannte sie sich Islamischer Staat im Irak und der Levante (Isil). Angeführt wird IS von Abu Bakr al-Baghdadi, der die Forderung der Al-Kaida ignorierte, den Schwerpunkt der Aktivitäten auf den Irak zu legen. Anfang des Jahres kappte Al-Kaida die Verbindungen zur IS, die als die militanteste Extremistengruppen in Syrien gilt.

Zunächst hatte die Gruppierung unter anderem wegen ihrer strikten Haltung gegen Plünderungen einen Großteil der syrischen Bevölkerung auf ihrer Seite. Dies änderte sich, als sie begann, Kritiker zu entführen und zu töten.

Derzeit kämpft IS an mehreren Fronten - gegen rivalisierende Rebellen in Syrien und gegen die Kurden im Nordirak. Die Gruppe soll über 6000 bis 7000 Kämpfer verfügen. Im Irak wird sie durch Zehntausende Kämpfer sunnitischer Stämme unterstützt, die von der Zentralregierung in Bagdad enttäuscht sind.

Syrische revolutionäre Front

Die Allianz aus weitgehend nicht ideologisch geprägten Rebellen-Einheiten formierte sich im Dezember. Das Rückgrat der Gruppe bildet die Syrische Märtyrer-Brigade, eine einst einflussreiche Gruppe aus der nördlichen Provinz Idlib unter Führung von Dschamal Maruf. Ihm war von rivalisierenden Rebellengruppen vorgeworfen worden, für den Aufstand bestimmtes Geld in die eigene Tasche gesteckt zu haben. Die Anhänger der revolutionären Front sind weitgehend moderate Islamisten. Finanziell unterstützt wird die Gruppe vermutlich von Golfstaaten wie Saudi-Arabien.


Mudschaheddin-Armee

Sie bildete sich zu Jahresbeginn aus acht syrischen Gruppen und startete eine Offensive gegen die Extremisten von IS. Die Allianz ist moderat islamistisch und hat nach eigenen Angaben rund 5000 Mitglieder.


Höchstes Militärkommando

Es handelt sich um eine moderate, nicht ideologische Gruppe. Sie wird von westlichen Ländern wie den USA unterstützt. Auch die Türkei und die arabischen Golfstaaten stehen auf ihrer Seite. Sie hat niemals den Eindruck ausräumen können, dass ihre Führung aus dem Ausland kommt.

Bei der Werbung um Unterstützer, Spenden und neue Kämpfer spielt nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes nicht mehr nur das soziale Netzwerk Facebook eine Rolle. Auffällig sei der Anstieg der Nutzung von Smartphone-Apps durch Dschihadisten. Mit deren Hilfe würden aktuelle Erlebnisse im Kampfgebiet laufend gepostet und auch in Deutschland in der radikalislamistischen Szene verbreitet. So werde der interaktive Charakter der Kommunikation in einer virtuellen Dschihad-Gemeinschaft verstärkt.

Diese anscheinend authentische Berichterstattung und das Gefühl des „Live“-Miterlebens von Kämpfen weckten starke Gefühle, glauben die Analysten des deutschen Inlandsgeheimdienstes. „Gerade junge Leute lassen sich durch die zielgerichtete Propaganda im Internet und über soziale Netzwerke leicht erreichen und emotionalisieren“, sagte Verfassungsschutzchef Maaßen. Bei der Radikalisierung spiele aber auch das persönliche Umfeld eine entscheidende Rolle.

Angesichts der Anschlagsgefahr, die von Rückkehrern aus Syrien und dem Irak ausgeht, betonte Maaßen: „Wir tun alles, was möglich ist, um einen Anschlag zu verhindern.“ Die auf nationaler und internationaler Ebene zusammenarbeitenden Sicherheitsbehörden könnten das Problem jedoch nicht alleine lösen. Die gesamte Gesellschaft sei gefragt, „Radikalisierungen insbesondere bei jungen Menschen frühzeitig zu erkennen und auf diese zu reagieren“.

Von

dpa

Kommentare (1)

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Herr Marcus T.

17.09.2014, 13:01 Uhr

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