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10.01.2015

04:19 Uhr

Islamwissenschaftler

Dritte Generation ist anfällig für Extremismus

Wer ist anfällig für Salafismus und Islamismus? Vor allem die dritte Generation muslimischer Zuwanderer, sagt Islamwissenschaftler Marwan Abou-Taam. Der Polizeiberater sieht auch Verbindungen ins kriminelle Milieu.

Ein Experte sieht Überschneidungen zwischen Salafismus und Kriminellen. dpa

Ein Experte sieht Überschneidungen zwischen Salafismus und Kriminellen.

Berlin/MainzUnter den deutschen Muslimen ist nach Einschätzung des Islamwissenschaftlers Marwan Abou-Taam vor allem die Generation der Enkel der ersten Einwanderer anfällig für radikale Indoktrination. „Diese dritte Generation ist am meisten betroffen, da sie sowohl von den Eltern Zurückweisung erfährt, als auch von der deutschen Mehrheitsgesellschaft - den Eltern sind sie nicht türkisch oder arabisch genug, von den Deutschen werden sie trotzdem oft wie Fremde behandelt“, sagte Abou-Taam, der für das Landeskriminalamt von Rheinland-Pfalz arbeitet, im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

„Der Extremismus liefert dann Anerkennung, Identität und Halt“, erklärte er. Die zweite Generation sei noch stärker von der Kultur des Herkunftslandes geprägt gewesen und von den Eltern. Die Kinder der ersten türkischen Arbeitsmigranten hätten den Eltern noch als Dolmetscher für die ihnen fremde deutsche Sprache und Kultur gedient, führte Abou-Taam aus.

Der Wissenschaftler wies zudem auf Überschneidungen zwischen Bandenkriminalität und radikalen Salafisten-Gruppen hin. Viertel mit einem hohen Migrantenanteil, die geprägt seien von Bildungferne, existierten zwar auch in Duisburg und Bremen. Besonders problematisch sei die Situation aber in Berlin, wo es teilweise „eine sehr starke Überschneidung gibt zwischen dem Salafismus und kriminellen Milieus“. Häufig sei der radikale Salafismus der „rettende Anker“ für Kriminelle. Außerdem verübten einige militante Salafisten Verbrechen, um an Geld zu kommen, beispielsweise für eine Ausreise nach Syrien.

Die Islamisten-Szene in Deutschland und ihre Gefahren

Terrorgefahr in Deutschland

Nach Einschätzung der Bundesregierung verändert das Pariser Attentat nicht die Bedrohungslage in Deutschland. Die Terrorgefahr gilt nach wie vor als „abstrakt hoch“. Hinweise auf konkrete Anschlagspläne haben die deutschen Sicherheitsbehörden nicht. Sie betonen aber immer wieder, dass es keinen absoluten Schutz vor Terror geben könne - vor allem vor möglichen Angriffen fanatischer Einzeltäter. Bislang gab es nur einen islamistischen Anschlag auf deutschem Boden: Im März 2011 tötete ein Kosovo-Albaner am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten. Mehrere andere Attentate wurden bislang verhindert oder schlugen fehl.

Islamistische Szene in Deutschland

Der Verfassungsschutz rechnet mehr als 43 000 Menschen zur islamistischen Szene. Diese ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen - vor allem durch den starken Zulauf bei der Gruppe der Salafisten, einer besonders konservativen Strömung innerhalb des Islam. Rund 7000 Leute werden inzwischen der Salafisten-Szene zugerechnet. 2011 waren es noch etwa halb so viel. Besonders stark sind die Salafisten in Nordrhein-Westfalen vernetzt.

Dschihadisten

Mehr als 550 radikale Islamisten aus Deutschland sind bislang in das Kampfgebiet nach Syrien und in den Irak ausgereist. Die Zahl geht seit langem kontinuierlich nach oben. Viele haben sich dort der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) angeschlossen. Etwa 180 der Ausgereisten sind inzwischen wieder in Deutschland. Aber nur von einem kleinen Teil davon - etwa 30 Personen - ist bekannt, dass sie aktiv am bewaffneten Konflikt beteiligt waren. Rund 60 Islamisten aus Deutschland sind laut Verfassungsschutz in Syrien und dem Irak gestorben. Mindestens zehn sprengten sich bei Selbstmordanschlägen in die Luft. Dies sind aber nur die bekannten Fälle.

Gefährliche Islamisten

Die Sicherheitsbehörden stufen viele Islamisten als gefährlich ein. Etwa 1000 Menschen in Deutschland werden dem „islamistisch-terroristischen“ Spektrum zugeordnet. Darunter sind 260 sogenannte Gefährder, also Menschen, denen die Polizei zutraut, dass sie einen Terrorakt begehen könnten. Die Zahl ist so hoch wie nie zuvor. Zum Teil sind auch Rückkehrer aus Dschihad-Gebieten darunter. Diese machen den Sicherheitsbehörden große Sorgen, weil sie oft radikalisiert zurückkommen - und zum Teil kampferprobt.

Überwachung von Islamisten

Im Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum in Berlin tauschen Polizei und Nachrichtendienste Informationen über auffällige Islamisten aus. Mit dabei sind 40 Behörden aus Bund und Ländern. Sie setzen sich mindestens einmal am Tag zusammen. Islamistische „Gefährder“ und kampferprobte Syrien-Rückkehrer haben Polizei und Geheimdienste besonders im Blick. Eine Komplettüberwachung ist aber kaum möglich. Um einen gefährlichen Islamisten rund um die Uhr zu observieren, sind mehrere Teams von Beamten nötig. Je nach Gefährlichkeit gibt es daher abgestufte Varianten der Beobachtung. Dass dies nur begrenzten Schutz liefern kann, zeigt auch der Fall Paris: Die beiden gesuchten Tatverdächtigen waren nach Angaben von Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve überwacht worden. Auf einen bevorstehenden Terrorakt habe es allerdings keinerlei Hinweise gegeben.

Radikale Prediger hätten es in Deutschland heute leichter als früher, Anhänger zu finden, „weil das Internet und Fernsehsender wie Al-Dschasira die passenden Bilder dazu liefern“. Auch wenn dies für die meisten Deutschen schwer nachvollziehbar sei, gelinge es diesen Predigern, „den Konflikt in Syrien als Fortsetzung der Konflikte, die diese jungen Menschen in Deutschland erleben, zu interpretieren“.

Von

dpa

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