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18.04.2013

11:05 Uhr

Ist der Markwirtschaft zu helfen?

Fünf Schritte gegen die Bastard-Ökonomie

VonThorsten Giersch

Nach Ansicht von Gabor Steingart hat ein fieser Mischling die Marktwirtschaft abgelöst. In seinem neuen Buch stellt der Handelsblatt-Herausgeber Maßnahmen vor, mit denen unser Wohlstand gerettet werden könnte.

Getty Images

BerlinBeim Fußball ist nicht jeder Schuss ein Treffer. Aber nur weil nicht jedes Spiel eine Gala ist und jeder Angriff zum Torerfolg führt, muss man gleich die Sportart als solche verdammen. So verhält es sich auch mit der Marktwirtschaft und der europäischen Idee. Aber wenn eine Mannschaft trotz guter Spielzüge immer wieder verliert, stellen die Fans des Vereins zurecht kritische Fragen.

Gabor Steingart stellt genau diese Fragen. Der Autor und Herausgeber des Handelsblatts hadert in seinem am Montag erscheinenden Buch „Unser Wohlstand und seine Feinde“ vor allem mit der unguten Koalition aus Bankern und Regierung. Wo andere entweder auf die Finanzindustrie oder die Politik schimpfen, zieht Steingart die entscheidenden Querverbindungen - und identifiziert die Lehren.

Die Bestandsaufnahme fällt düster aus: Immer, wenn eine Krise vorüber ist, komme gleich die nächste. Es brauche gar keine Gegner, um diesen unsäglichen Zustand zu erreichen. Denn verraten worden sei das Prinzip der sozialen Marktwirtschaft nicht von Feinden, sondern von Freunden: „Politiker retten Banken. Banken retten Staaten. Und beide zusammen lassen sich von den Notenbanken aushalten, die mit dem Gelddrucken kaum noch nachkommen“, schreibt Steingart.

Gabor Steingart, Herausgeber des Handelsblatts. Frank Beer für Handelsblatt

Gabor Steingart, Herausgeber des Handelsblatts.

Anders als mal von Karl Marx prognostiziert worden war sind es nicht profitgetriebene Unternehmer, die den Kapitalismus an die Wand fahren, urteilt Steingart. Die sind im Gegenteil gerade dabei, ihn zu retten mit realen Produkten, die in echten Fabriken hergestellt werden.

Die „unsichtbare Hand" des Adam Smith hat deswegen versagt, weil die Finanzbranche zu einem Casino verkommen ist. Aber entscheidend ist, dass dieses Casino legal betrieben wird – quasi mit Lizenz vom Staat. Wo 2001 der damalige SPD-Chef Franz Müntefering vor den Kameras Finanzinvestoren als "Heuschrecken" geißelte, hat die rot-grüne Regierung zeitgleich hinter den Kulissen der Finanzindustrie den roten Teppich ausgerollt - um nur ein Beispiel zu nennen.

Der Medienmanager Bodo Hombach nennt in einer ersten Rezension den ersten Teil des Buches einen „grandiosen Essay über die Wirtschaftsgeschichte der letzten 100 Jahre, mit Fokus auf gefährliche Entscheidungen". Der ehemaliger Chef des Bundeskanzleramtes, frühere Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe und Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik betont die „historische Tiefenschärfe“ dieser Passagen, in denen Steingart mit internationalem Blick erklärt, wie es zu all dem kommen konnte.

Im Zentrum von Steingarts Analyse steht der Begriff der „Bastardökonomie“. In diese sei die einst von Ludwig Erhard erschaffene Marktwirtschaft verwandelt worden: Die heutige Welt besteht aus einer Mischung aus Markt- und Staatswirtschaft, „in der Risiko und Verantwortung entkoppelt wurden“. In dieser Bastardwirtschaft ist die Regierung nicht mehr der neutrale Spieler, sondern ein Doppelwesen, das tagsüber die Banken geißelt und sich nachts von ihnen den nötigen Geldnachschub besorgt.

Hinter uns liegen extrem temporeiche Jahre. Seit dem Ende der Sowjetunion und dem Aufstieg Chinas gibt es laut Steingart eine "nie dagewesene Artenvielfalt der wirtschaftlichen Systeme". Im (Wahl-)Wahn, unbedingt für neues Wachstum sorgen zu müssen, wurde die Politik zum Partner der Finanzindustrie, weil sie frische Kredite brauchte, um den Spaß zu finanzieren. Die Wachstumsraten wurden teuer erkauft - nun sitzen wir auf den Schuldenbergen. Helfen müssen mehr den je die Notenbanken, die ihren "Gencode umprogrammiert" haben.

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„Diskussion über die wahren Ursachen der Finanzkrise“

Video: "Diskussion über die wahren Ursachen der Finanzkrise"

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Dieser vermeintliche Wohlstand ist vom Kapitalmarkt geliehen, die Wirklichkeit wird synthetisch erzeugt. Die neuen Verhältnisse gehen einher mit gegenseitigem Überschätzen: Auf der einen Seite entstand eine Staatsschuldenkrise, auf der anderen bekamen Banken ein Liquiditätsproblem. Der große Bluff flog irgendwann auf - zumindest teilweise.

Besonders spannend weil als Anregung für intensive Diskussionen zu verstehen ist der zweite Teil des Buches, in dem Steingart fünf Maßnahmen gegen Bewegungsarmut und Denkblockaden entwirft.

Kommentare (63)

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Sarina

18.04.2013, 11:49 Uhr

Aus WIWO von heute:
Die Mehrheit der deutschen Volkswirte rechnet in den kommenden Jahren mit der Insolvenz einzelner Euro-Staaten – und fast jeder fünfte mit dem Zerfall der gesamten Währungsunion.
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Und wenn es eng wird, trachtet jeder nach dem Reichtum des anderen. Doch genau so geht es nicht, schreibt Steingart: "Europa braucht eine Ärmel-Hoch-Kultur. Arbeit lässt sich auf Dauer nicht durch Konsum und Kredit ersetzen."
--------- Genau im Ärmelaufkrempeln liegt das Problem in den Südländern - sie kennen diese Aufbruch- und Macherkultur nicht, weil sie nicht ihrer Mentalität entspricht. Deshalb werden sie noch bis zum St.-Nimmerleinstag von den erfolgreichen Nationen Geld für ihr korruptes Fehlverhalten VERLANGEN! Sie werden niemals auf die Idee kommen, dass man um erfolgreich zu sein, etwas ANPACKEN und MACHEN muss - etwas, das auf dem Weltmarkt nachgefragt wird und das Gewinne verspricht. Nein, das ist viel zu arbeitsaufwendig, da ist es allemal besser, von Deutschland et al. Milliarden und Abermilliarden an Euros herauszuquetschen - und Deutschland ist auch noch so bescheuert und gibt es ihnen weil sie ja alle alternativlos (korrupt) sind!

Augias

18.04.2013, 12:00 Uhr

Horrornachrichten aus dem deutschen Mittelstand (Quelle: Focus):
Die Hälfte der 4000 befragten Mittelständler rechnet damit, dass einzelne Euro-Staaten in den nächsten drei bis fünf Jahren pleitegehen. 18 Prozent erwarten sogar ein Auseinanderbrechen der gesamten Euro-Zone – mit unabsehbaren Folgen.

HofmannM

18.04.2013, 12:05 Uhr

@Gabor Steingart
Guter Artikel und gute Analyse. Damit die soziale Marktwirtschaft wieder funktionieren kann, muss die FREIE MARKTWIRTSCHAFT wieder im Mittelpunkt stehen. Die Politik hat sich nur am Wirtschaftsrand zu bewegen und aktive Eingriffe von der Politik in die Marktwirtschaft sind zurückzufahren.
Es ist ja nicht nur bei den FINANZEN, wo die Politik versagt hat, weil diese sich zu sehr bzw. weil diese sich überhaupt eingemischt hat, sondern auch beim Thema ENERGIE stellt sich die Politik über die Marktwirtschaft. Mit dem EEG zwingt die Politik den europäischen/deutschen Bürger eine Ideologie der Grünen Energiegewinnung auf. Diese Ideologie ist jedweder wirtschaftlichen Vernunft noch jedwedem technischen Verstand!
Diese Ideologie KOSTET uns DEUTSCHEN BÜRGERN den WOHLSTAND!

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