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02.01.2012

13:37 Uhr

IW-Chef Hüther

Top-Ökonom fordert Rente mit 70

VonDietmar Neuerer

ExklusivKaum gilt die neue Rente mit 67, gibt es in der schwarz-gelben Koalition Ärger. CSU-Chef Seehofer bringt mit seiner Kritik auch die Wirtschaft gegen sich auf. Bei Ökonomen stoßen seine Vorbehalte auf ein geteiltes Echo.

Ältere in einer Fabrik. dpa-tmn

Ältere in einer Fabrik.

Düsseldorf/BerlinFührende Ökonomen in Deutschland bewerten die Kritik von CSU-Chef Horst Seehofer an der Rente mit 67 unterschiedlich. Während der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, die Problemanalyse des bayrischen Ministerpräsidenten teilt, ist der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, der Ansicht, dass das Renteneintrittsalter noch weiter erhöht werden muss.

„Klar ist, dass es ab 2029 weitergehen muss in Richtung Rente mit 70“, sagte Hüther Handelsblatt Online. „Seehofer verteidigt ein defizitorientiertes Altersbild, das die Älteren nicht mehr in der Mitverantwortung sieht.“ Das stehe aber gegen alle Erkenntnisse der Gerontologie. „Für 2012 sollten wir uns mehr Sachlichkeit und Sachverstand in der politischen Debatte um die Rente mit 67 wünschen“, sagte Hüther. Zumal heute die Beschäftigungssituation Älterer besser denn je sei. „In der Kohorte der 55- bis 64 Jährigen ist die Erwerbsbeteiligung seit 2000 um 20 Prozentpunkte auf fast 60 Prozent angestiegen - so stark wie in keinem anderen Land der OECD.“

Seehofer hatte am Wochenende gewarnt, dass die Beschäftigungsmöglichkeiten für Arbeitnehmer über 50 sich spürbar verbessern müssten. „Sonst wird die Verlängerung der Lebensarbeitszeit zur faktischen Rentenkürzung“, sagte er der „Bild am Sonntag“. Darüber müsse eine breite öffentliche Debatte geführt werden. „Mit mir ist eine massenhafte Rentenkürzung nicht zu machen.“

Dass Seehofer gerade jetzt  die Rente mit  67 in Frage stellt, hält IMK-Chef Horn zwar für „reinen Populismus“, da die Probleme, auf die er  zu Recht  hinweise, seit  langem bekannt seien. Doch: „Unter  den gegenwärtigen Bedingungen droht künftigen Rentnergenerationen in Deutschland  in hohem Ausmaß Altersarmut“, sagte der Ökonom Handelsblatt Online. Das  liege aber  nur  zum Teil an der Erhöhung des Renteneintrittsalters bei gleichzeitig nicht hinreichenden Beschäftigungsmöglichkeiten für Ältere. „Es  liegt auch an der Reform der Rentenformel, die teilweise massive Kürzungen implizierten“, sagte Horn.

Rente mit 67 - was sich dahinter verbirgt

Wie sieht der Stufenplan zur Rente mit 67 aus?

Das Regelalter für die abschlagsfreie Rente steigt von derzeit 65 Jahren anfangs in Schritten von einem Monat, in der zweiten Phase in Zwei-Monats-Schritten. 2029 ist die Anhebung auf 67 Jahre erreicht. Die erste Anhebung um einen Monat im nächsten Jahr trifft den Geburtsjahrgang 1947. Jene also, die im Laufe der kommenden zwölf Monate 65 werden. Der erste Jahrgang, der für die volle Rente bis 67 arbeiten muss, ist der Geburtsjahrgang 1964.

Warum wurde die Rente mit 67 beschlossen?

Aus demografischen Gründen: Weil die Bundesbürger immer länger leben und daher immer länger Rente beziehen. Und weil zugleich die Zahl der Beitragszahler schrumpft. Die Rente mit 67 soll hier für neue Balance sorgen.

Mit welcher demografischen Entwicklung ist zu rechnen?

Bis zum Jahr 2030 wird sich der Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland weiter deutlich verändern. Die Altersgruppe der 20- bis 64-Jährigen - das sind die Erwerbsfähigen - schrumpft nach den Prognosen um fünf Millionen auf dann rund 45 Millionen. Im selben Zeitraum nimmt die Zahl der Menschen über 65 um gut sechs auf 22 Millionen zu. Mit anderen Worten: Kamen vor 20 Jahren noch vier Erwerbsfähige auf einen Rentner, so wird sich das Verhältnis im Jahr 2030 voraussichtlich auf 2:1 verschlechtern.

Wie hat sich die Rentenbezugsdauer entwickelt?

Sie hat sich in den vergangenen 40 Jahren deutlich erhöht: Ein durchschnittlicher West-Ruheständler bezog 1970 noch 11,1 Jahre Rente. 2010 waren es bereits 18,4 Jahre. Im Osten Deutschlands nahm die Rentenbezugsdauer im Schnitt zwischen 1995 und 2010 von 16 auf 18,9 Jahre zu (frühere Zahlen für Ostdeutschland liegen nicht vor).

Was soll die Rente mit 67 finanziell bewirken?

Sie soll die Rentenkassen langfristig entlasten, den Anstieg des Beitragssatzes abmildern und damit die Rentenversicherung zukunftsfest machen. Weil es Ausnahmen für Versicherte mit mindestens 45 Beitragsjahren gibt (sie können weiterhin mit 65 ohne Abschläge in Rente gehen), ist aber nur eine bescheidene Entlastung zu erwarten: Experten gehen davon aus, dass die Rente mit 67 die Beitragszahler 2030 um 0,5 Prozentpunkte jährlich - nach heutigen Werten sind das etwa 5,5 Milliarden Euro - entlasten kann. Bis dahin ist ein Beitragssatzanstieg auf maximal 22 Prozent (2012: 19,6 Prozent) einkalkuliert.

Ist die Rente mit 67 ein Rentenkürzungsprogramm?

Die Kritiker sagen: „Ja“ - und verweisen darauf, dass schon heute die Mehrzahl der Beschäftigten mit Abschlägen in Rente gehen. 2010 waren das immerhin knapp 58 Prozent aller Neurentner. Aus Arbeitslosigkeit kamen zuletzt 16 Prozent.

Wie ist das mit den Renten-Abschlägen?

Für jeden Monat, den man vor der Regelaltersgrenze in Rente geht, werden vom Rentenanspruch 0,3 Prozent abgezogen, und zwar lebenslang. Ein Beispiel: Wer 1955 auf die Welt kam, der kann 2020 erst mit 65 Jahren und neun Monaten ohne Abschläge in Rente gehen. Ein vorzeitiger Rentenbezug mit 63 Jahren - also 33 Monate vor der Regelaltersgrenze - führt zu einer Rentenkürzung von 9,9 Prozent (33 x 0,3 Prozent).

Deshalb könne die Debatte entschärft  werden, in dem der Riester-Faktor, der Rentenkürzungen in Höhe einer fiktiven Riester-Rente  unterstellt, abgeschafft werde. „Denn gerade die Bezieher niedriger Einkommen haben  häufig aus Kostengründen  überhaupt keine Riester-Verträge.“ Zugleich seien sie aber diejenigen, die bei ohnehin relativ hohem  Arbeitslosigkeitsrisiko durch einen verfrühten Renteneintritt am ehesten  in die Armut gleiten würden, sagte der IMK-Chef.

Kommentare (34)

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friederhenner

02.01.2012, 13:46 Uhr

"TOP-Ökonomen" haben ja auch tolle Tipps zur Krise gegeben, u.a. die Massenentlassung statt Kurzarbeitergeld empfohlen.

Kaum jemand aus der Riege könnte erfolgreich einen Kiosk führen, aber später analysieren, warum der Kiosk pleite ging.

bam

02.01.2012, 13:47 Uhr

Am besten Arbeiten bis zum Umfallen. Dann liegt man der Rentenkasse nicht auf der Tasche...
Leute, bitte realistisch bleiben. Wer arbeitet denn heute schon bis 65? Das sind doch die Wenigsten. Am besten die Politiker gehen mit gutem Beispiel voran :-)), denn solange es einen selbst nicht trifft, ist ein solcher Beschluss doch recht angenehm!

Account gelöscht!

02.01.2012, 13:53 Uhr

Für alle, die von Herrn Hüther nicht genug bekommen können, noch zwei Schmankerl - wörtlich zitiert:

(1)
Für die Investoren ist entscheidend, dass es der Regierung gelungen ist, ein Projekt gegen die Mehrheit der Bevölkerung durchzusetzen.
(Michael Hüther, IW, INSM, zur Einführung der Rente mit 67)

(2)
Der Anspruch der Marktwirtschaft und die Funktionsweise des
demokratischen Gruppenstaates sind sich fremd.
(Michael Hüther, IW, INSM)


Die Zitate sind Fundstücke aus meinem Giftschrank, welchen ich pflege, damit niemand behaupten kann, er habe nicht gewußt, wessen Geistes Kind u.a. dieser Mann ist. Und noch was zum Weiterdenken: Warum gibt es eigentlich keine deutschen Ökonomen von Weltrang? (Nein, Hüther ist nicht von Weltrang.)

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