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24.08.2015

08:04 Uhr

IW-Studie

Energiewende kostet Stromkunden 28 Milliarden Euro

Die Energiewende wird für die deutschen Stromkunden immer teurer, zeigen neue Berechnungen. Die Branche schlägt angesichts der jüngsten Prognosen Alarm und will offenbar mehr Kraftwerke als geplant abschalten.

Branche schlägt Alarm

Energiewende kostet Stromkunden 28 Milliarden Euro

Branche schlägt Alarm: Energiewende kostet Stromkunden 28 Milliarden Euro

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DüsseldorfDie Kosten der Energiewende belaufen sich für die Stromkunden auf 28 Milliarden Euro pro Jahr. Ein Haushalt mit einem Stromverbrauch von 3500 Kilowattstunden zahlt somit 270 Euro im Jahr für die Umsetzung der Energiewende. Zu diesem Ergebnis kommen Berechnungen des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) für das Handelsblatt. Die Berechnungen beinhalten neben den Kosten für die Förderung der erneuerbaren Energien auch die durch die Energiewende verursachten Kosten des Netzausbaus. Auch die jüngsten Beschlüsse zur zusätzlichen Förderung der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) und zum Aufbau einer Kapazitätsreserve sind berücksichtigt.

„Die Energiewende ist mit der Annahme gestartet, dass die Energiekosten hierzulande beherrschbar bleiben und international in vergleichbarem Maße ansteigen. Beides hat sich nicht bewahrheitet“, klagt Barbara Minderjahn, Geschäftsführerin des Verbands der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK), angesichts der IW-Zahlen. BDI-Präsident Ulrich Grillo schlägt Alarm: „Die Berechnungen machen klar, mit welchen Kosten die Energiewende wirklich verbunden ist. Unternehmen fürchten, dass sie sogar noch weiter steigen“, sagte er dem Handelsbaltt.

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Die Große Koalition trat mit dem Ziel an, die Kosten der Energiewende zu senken. Tatsächlich steigen sie – auf 28 Milliarden im Jahr. Die EEG-Reform von 2014 reicht wohl nicht aus. Politik und Industrie sind alarmiert.

Koalitionspolitiker sehen Handlungsbedarf: „Insgesamt muss die Große Koalition noch mal nacharbeiten“, sagt Carsten Linnemann, Chef der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der Union, dem Handelsblatt. „Die Folgen der Energiewende entwickeln sich zu einem bedrohlichen Standortnachteil, der Investoren abschreckt und Arbeitsplätze kostet“, sagte Linnemann.

Unterdessen wollen die Energieversorger wollen bundesweit einem Zeitungsbericht zufolge immer mehr Kraftwerke stilllegen. Insgesamt 57 konventionelle Kraftwerke sollten abgeschaltet werden, berichtete die „Bild“ am Montag unter Berufung auf Zahlen der Bundesnetzagentur. Das seien neun mehr als noch zu Jahresbeginn. Grund sei nach Angaben der Betreiber die fehlende Rentabilität wegen der Energiewende.

Energiekonzerne im Umbruch

Zwei Wege, ein Ziel

Der Strom- und Gasversorger Eon, der einst seine Stärke aus Kohle, Gas und Atomkraft bezog, mutiert nach seinem eigenen Bestreben zu einem lupenreinen „grünen Versorger“. Und verheißen die Pläne zur Abspaltung des konventionellen Kraftwerksgeschäfts in den Eon-Mutanten Uniper einen Ausweg aus der Krise? Oder führt am Ende doch der Weg, den die Essener Konkurrenten RWE einschlagen wollen, indem sie den Konzern radikal vereinfachen und mehr Macht in der Zentrale konzentrieren, am schnellsten raus aus der Krise?

Was ist der Grund für die Zerschlagung von Eon?

Der Branchenprimus auf dem deutschen Strom- und Gasmarkt war wie alle großen Mitspieler durch die Energiewende in die Bredouille geraten. Zuvor waren Eon & Co durch die Ausweitung des Wettbewerbs auf den Märkten bereits Macht genommen worden. Unter anderem trennten sie sich von den Höchstspannungsnetzen. Mit der Entscheidung zum Ausstieg aus der Atomenergie aber erfolgte der entscheidende Schnitt – das Ende für die herkömmlichen Kohle- und Atomriesen war eingeläutet. Strom aus Wind und Sonne erhielt Vorfahrt.

Was erhofft sich Eon von der Abspaltung?

Jahrelang hatte der Konzern enorme Gewinne aus dem Strom- und Gasgeschäft gescheffelt und Aktionäre mit steigenden Dividenden verwöhnt. Das ist seit ein paar Jahren vorbei. Dabei steht der Konzern unter einem hohen Druck durch die Kapitalmärkte. Durch die Abtrennung erhofft sich die neue Eon, die sich künftig ganz auf Ökostrom, Energienetze und Kundenlösungen konzentriert, Rückenwind: Das Unternehmen ist frei von Altlasten - nur noch der Name erinnert an seine Herkunft.

Warum entschied sich RWE gegen die Aufspaltung?

Bei dem Konkurrenten aus Essen sind die Eigentümerverhältnisse anders gelagert. Während Eon eine börsennotierte Publikumsgesellschaft mit zahlreichen Anlegern ist, haben bei RWE die Kommunen noch ein entscheidendes Wörtchen mitzureden. Auch die waren jahrelang durch üppige Dividenden verwöhnt worden. Eine Zerschlagung des Konzerns in zwei Teile wäre vor dem Hintergrund kaum durchsetzbar gewesen. RWE-Chef Peter Terium bezeichnete einen solchen Schritt auch als nicht „wünschenswert“. Hinzu kommt, dass bei RWE das Geschäft mit regenerativen Energien noch nicht so weit entwickelt ist wie bei Eon.

Was bedeutet die Abspaltung bei Eon für die Atomrückstellungen?

Darüber ist in den vergangenen Monaten viel berichtet und spekuliert worden. Eon-Chef Johannes Teyssen nannte diese Rückstellungen, die für den Rückbau der Atomanlagen vorgesehen sind und in der Eon-Bilanz 2014 eine Summe von mehr als 16 Milliarden Euro ausmachten, bei der Vorlage der Halbjahreszahlen als „sicher“. Die Summe wird vollständig Uniper zugeschlagen. Und Teyssen beteuert, dass das Unternehmen seinen Verpflichtungen voll und ganz nachkommen werde. Kritik kommt von Tobias Riedl von der Umweltschutzorganisation Greenpeace: „Die geplante Aufspaltung von Eon in eine „Good“ und eine „Bad Bank“ ist der dreiste Versuch des Konzerns, sich der Haftung für den selbst produzierten Atommüll zu entziehen.“ Eon strebe an, dass künftige Milliardenkosten für die Entsorgung des verstrahlten Abfalls möglichst die Bürger tragen sollten, sagt Riedl.

Welche Perspektiven hat Uniper?

Auf dem deutschen Strom- und Gasmarkt wird es Uniper schwer haben. Auch wenn Eon den Bereich heute als einen für Jahrzehnte wichtigen Baustein beim Umbau des Energiesystems sieht - nämlich durch seine absichernde Funktion für die erneuerbaren Energien - wird das Unternehmen nach Ansicht von Branchenbeobachtern noch lange an seinem Image als Auslaufmodell zu tragen haben.

Welche Lichtblicke sind beim Umbau der Konzerne zu erkennen?

Mit dem massiven Ausbau der Erzeugung von Windkraft und Solarenergien und dem Anschluss der Parks an die Stromnetze ernten die Unternehmen allmählich die ersten Früchte ihrer Investitionen. Mittlerweile ist Eon an 10 Windparks auf See in Europa beteiligt und kommt weltweit auf eine Kapazität von 4000 Megawatt. Der Anteil der erneuerbaren Energien an der gesamten Stromerzeugung liegt derzeit bei rund 14 Prozent, bei RWE sind es mit 5 Prozent deutlich weniger.

Quelle: dpa

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) zeigte sich über die Entwicklung sehr besorgt und warnte vor Problemen für die Versorgungssicherheit. BDEW-Hauptgeschäftsführerin Hildegard Müller sagte der Zeitung: „Die Lage für Bestandskraftwerke spitzt sich immer weiter zu. Und auch im Kraftwerksneubau droht eine Eiszeit: Jede zweite geplante Anlage steht auf der Kippe.“ Müller betonte, Gas- und Kohlekraftwerke würden aber auch in Zukunft dringend gebraucht.

Von

str

Kommentare (63)

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Herr Holger Narrog

24.08.2015, 07:37 Uhr

Wenn sich eine Gesellschaft entschliesst die Stromversorgung gem (öko)religiöser Visionen zu organisieren ist dies für dies die Gesellschaft nicht umsonst. Aufgrund der von vielen Menschen geglaubten Ökosagas wie Waldsterben und Klimawandel ist die Verbrennung von Kohle ein religiöses Tabu. Die Phantasiegeschichten zu dämonischen Atomstrahlen macht ausgerechnet die moderne, umweltfreundliche Kernenergie zum religiösen Tabu.

Die geschätzte Zahl von 28 Mrd. €/Jahr Kosten der "Energiewende" ist, soweit ich dies abzuschätzen vermag zu niedrig geschätzt. Ich gehe davon aus, dass zahlreiche Subventionsquellen in dieser Studie nicht berücksichtigt wurden, beispielsweise der EKF Fonds, die subventionierten Darlehen der KfW. Weitere Fonds und Subventionsbudgets gibt es auf Länder- und kommunaler Ebene. Sicherlich wurden die Lasten der häufig staatlichen Körperschaften gehörenden Versorger zur Kapazitätsbereitstellung bei geringer Auslastung, nicht berücksichtigt. Die aktuellen jährlichen Kosten können eher bei 32 - 36 Mrd. € mit steigender Tendenz liegen.

Da die Unternehmen die Stromkosten mit Gemeinkostenaufschlag, Gewinn und Steuern an die Verbraucher weitergeben trägt dieser am Ende den grössten Teil der "Energiewende". Die Kosten für die etwa 42 Mio. Haushalte liegen wahrscheinlich bei 800 €/Haushalt/Jahr zzgl. Steuern und Zuschläge.

Herr Rainer Feiden

24.08.2015, 07:50 Uhr

Zitat:
"Die Kosten der Energiewende belaufen sich für die Stromkunden auf 28 Milliarden Euro pro Jahr."

Das dürfte wohl nur die hlabe Wahrheit sein. Denn alleine die Stromsteuer und die Mehrwertsteuer auf Strom, die Umlagen und die Stromsteuer selbst summieren sich auf weitere 15 MRD Euro pro Jahr. da sind wir dann schon bei 43 MRD Euro p.a.
Nicht enthalten sind auch die Kosten für die Sonderabschreibungen und die Abrisskosten funktionierender grundlastfähiger Kraftwerke, für die am Ende doch auch wieder entweder der Stromkunde oder der Bürger (in beiden Fällen identisch) aufkommen muss.

Es wäre also zumindest mal an der Zeit, dass auch der Staat seinen Beitrag zum Klimaschutz leisten würde und die Abzocke über die Stromsteuer beendet und diese ersatzlos abgeschafft würde. Denn was nützen Steuereinnahmen in der "absehbaren Klimahölle"? :-) Da es bei dem erneuerbaren Energienzirkus aber offenbar insbesondere um die Erzielung von Stuerereinnahmen zur Finanzierung diverser Rettungsmassnahmen in Europa geht, ist das freilich nicht zu erwarten.

"Erneuerbare" haben einen Anteil von 28% am Strommix. Strom hat einen Anteil von rd. 22% am deutschen Energiemix. Insofern haben wir mit dieser "Energiewende" gerade mal 6% des deutchen Energieverbrauchs gewendet. Es darf sich also jeder mal per Dreisatz hochrechnen, was uns eine echte Energiewende soi über den Daumen kostet, wenn wir für 6% des deutschen Energieverbrauchs bereit sind, jedes Jahr 43 MRD Euro auf den Tisch zu legen.

Herr Peter Noack

24.08.2015, 07:55 Uhr

Falsch Überschrift!
Wer seinen Strom selbst erzeugt zahlt nicht für die Energiewende. Große Stromkunden sind von der EEG - Umlage ausgenommen und zahlen sehr viel weniger. Bisher gelingt es allen Unternehmen ihre Stromkosten samt Umlage auf die Kunden zu überwälzen. Ich kenne kein Unternehmen, welches an Stromkosten und /oder Kosten der Energiewende Konkurs gegangen wäre. Hier weiß Prof. Frondel bestimmt mehr. Er ist DER Energieexperte des IW - Köln. Die Studie ist folglich eine reine Propagandaschrift. Am meisten zahlen wahrscheinlich die Versorger bei den Kosten der Energiewende. Kurse und Gewinne schrumpfen. Wurde das denn nicht berücksichtigt?

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