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03.12.2015

06:37 Uhr

IWH-Studie

Flüchtlingszustrom belastet ostdeutschen Arbeitsmarkt

Man muss lange zurückblicken, um auf so niedrige Arbeitslosenzahlen wie im November zu stoßen. Diese Ära geht aber zu Ende. Im nächsten Jahr steigt die Arbeitslosigkeit, auch wegen der Flüchtlinge, meinen Experten.

Flüchtlinge informieren in der Handelskammer Hamburg über Berufsmöglichkeiten. dpa

Handelskammer informiert Flüchtlinge.

Flüchtlinge informieren in der Handelskammer Hamburg über Berufsmöglichkeiten.

BerlinDie sprunghaft gestiegene Migration beeinflusst zunehmend auch den ostdeutschen Arbeitsmarkt. Das geht aus einer dem Handelsblatt vorliegenden Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) hervor.

„Die Beschäftigungsaussichten vieler Zuwanderer vor allem aus den Asylherkunftsländern sind aufgrund unzureichender Sprachkenntnisse sowie oftmals geringer beruflicher Qualifikation zumindest kurzfristig eingetrübt“, heißt es in der Expertise. Aktuelle Untersuchungen hätten zudem gezeigt, dass die Integration von Flüchtlingen in den deutschen Arbeitsmarkt „generell schwieriger“ sei als bei anderen Migrantengruppen. So habe deutschlandweit der Anteil der Beschäftigten an der Bevölkerung von 15 bis 64 Jahren unter den Flüchtlingen im Zugangsjahr durchschnittlich bei 8 Prozent gelegen. „Nach fünf Jahren lag dieser Anteil bei knapp 50 Prozent und nach 15 Jahren bei knapp 70 Prozent.“

Zugang für Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt

Schule

Der Schulbesuch ist für Kinder von Asylsuchenden und Geduldeten Pflicht.

Beschäftigung

Für die Aufnahme einer „normalen“ Beschäftigung gilt für alle Asylantragsteller ohne Ausnahme eine Wartefrist von drei Monaten. Danach bedarf es dafür in der Regel einer Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit. Diese ist davon abhängig, ob für einen Arbeitsplatz nicht deutsche Arbeitnehmer oder ihnen gleichgestellte Ausländer zur Verfügung stehen (Vorrangprüfung). Zudem prüft die Agentur, ob der Asylbewerber nicht zu ungünstigeren Konditionen – wie einem niedrigeren Lohn oder einer längeren Arbeitszeit - als sonst üblich beschäftigt werden sollen (Vergleichbarkeitsprüfung). Denn eine Aushöhlung der hier geltenden Arbeitsbedingungen soll es nicht geben.

Anerkannte Flüchtlinge dürfen ohne Vorrangprüfung jede Beschäftigung aufnehmen. Die Vorrangprüfung entfällt ansonsten auch für Asylsuchende und Geduldete nach 15 Monaten Aufenthalt. Verzichtet wird darauf außerdem wenn es um Hochqualifizierte geht, um Tätigkeiten im Bundesfreiwilligendienst oder um Mangelberufe.

Status

Eine zentrale Rolle spielt der Status, den ein Asylbewerber hat. Mit seiner Antragstellung erhält er in Deutschland zunächst eine „Aufenthaltsgestattung“ für die Dauer des Verfahrens. Wird sein Asylantrag anerkannt, wird aus dieser Gestattung eine „Aufenthaltserlaubnis“. Wird der Antrag abgelehnt, müsste der Betroffene eigentlich ausreisen. Stehen dem allerdings wichtige Gründe entgegen, erhält er eine „Duldung“ – der Asylbewerber bleibt aber grundsätzlich ausreisepflichtig.

In der Aufenthaltserlaubnis, der Aufenthaltsgestattung oder Duldung ist durch eine Nebenbestimmung von der Ausländerbehörde vermerkt, ob der Betreffende in Deutschland arbeiten darf. Dabei gibt es im Grundsatz drei Kategorien: unbeschränkte Erlaubnis zur Aufnahme einer Arbeit, Beschäftigung nur mit Genehmigung der Ausländerbehörde und Untersagung der Beschäftigung (etwa bei einer kurzfristig drohenden Abschiebung).

Ausbildungsabschluss

Aufenthaltserlaubnis, Aufenthaltsgestattung und Duldung werden nur befristet erteilt. Ist ein Asylbewerber anerkannt oder hat er einen vergleichbaren Schutzstatus, kann er eine Ausbildung ohne große Probleme beginnen und abschließen. Auch bei einer Aufenthaltsgestattung kann er davon ausgehen, seine Lehre ordnungsgemäß abschließen zu können. Doch auch Azubis aus dem Ausland, die lediglich geduldet werden, können - sofern sie vor Vollendung des 21. Lebensjahres die Ausbildung aufgenommen haben – über eine Verlängerungen der Duldung ihre Lehre abschließen. Ausgenommen davon sind allerdings Menschen aus sicheren Herkunftsländer wie den Balkanstaaten.

Weiterbeschäftigung

Nach dem Abschluss einer Ausbildung kann Geduldeten eine befristete Aufenthaltserlaubnis mit der Perspektive eines Daueraufenthalts ermöglicht werden. Voraussetzung ist, dass sie eine ihrem Abschluss entsprechende und für ihren Lebensunterhalt ausreichend bezahlte Stelle finden.

Perspektive

Eine gute Perspektive auf einen langfristigen oder gar dauerhaften Aufenthalt mit entsprechender Berufstätigkeit haben derzeit Menschen aus Ländern wie Syrien, Irak, Iran und Eritrea. Asylbewerbern und Geduldeten aus diesen Ländern werde derzeit „zu einem hohen Anteil ein Schutzstatus zuerkannt“, begründen dies das Bundesinnenministerium und der Handwerksverband ZDH in einer gemeinsamen Informationsschrift vom November.

Die Forscher erwarten deshalb, dass „viele“ Asylbewerber zunächst arbeitslos sein werden. Die Arbeitslosigkeit, die in den vergangenen Jahren in Ostdeutschland aufgrund des starken Rückgangs des Erwerbspersonenpotenzials stetig gesunken sei, dürfte demnach im kommenden Jahr kaum noch abnehmen.

Eine Sonderauswertung der Bundesagentur für Arbeit (BA) für das IWH hat zudem ergeben, dass es mit Blick auf Beschäftigten beziehungsweise Arbeitslosensituation kaum Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland gibt. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum hätten in beiden Großregionen die Zahl der Beschäftigten, der Arbeitslosen und der Hartz-IV-Empfänger aus den Migrationsländern „insgesamt sehr stark zugenommen“. Die Zahl der Beschäftigten habe in Ostdeutschland mit 24,5 Prozent sogar noch stärker zugenommen als in Westdeutschland (12,7 Prozent).  Auch bei der Zahl der Arbeitslosen sei die Zuwachsrate in Ostdeutschland etwas höher.

Portale, Hotlines und Beratungsstellen zum Thema ausländische Arbeitskräfte

Ein Segen für Deutschland

Allein in den nächsten zehn Jahren braucht unsere Wirtschaft 1,5 Millionen ausländische Fachkräfte, sagt das Magazin Creditreform. Die große Herausforderung für Unternehmer wird es sein, aus den bisherigen Qualifikationen der Zuwanderer das Optimum für ihren Betrieb herauszuholen. Hier ein paar Portale, Hotlines und Beratungsstellen, bei denen sich Unternehmer und Mitarbeiter über die Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen informieren können.

Anerkennung in Deutschland

anerkennung-in-deutschland.de ist eine Datenbank mit 700 Berufsprofilen, Tipps zum Anerkennungsverfahren und Beratungsadressen.

BQ-Portal

bq-portal.de liefert qualitätsgeprüfte Beschreibungen ausländischer Berufsbildungssysteme und Berufsqualifikationen.

Make it in Germany

make-it-in-germany.com hat Infos zu Karrieremöglichkeiten in Deutschland und zur Einstufung der ausländischen Berufsqualifikation. Plus Rekrutierungstool von ausländischen Fachkräften.

Anabin-Datenbank

anabin.kmk.org ist eine Datenbank zur Bewertung ausländischer Bildungsnachweise.

Workeer

workeer.de ist – viele haben sicher schon davon gehört und gelesen – die erste Ausbildungs- und Arbeitsplatzbörse, die sich speziell an Flüchtlinge richtet. Sie wurde im Rahmen eines Abschlussprojekts von Studierenden der HTW Berlin entwickelt. Darauf soll „diese besondere Gruppe von Arbeitssuchenden“ auf „ihnen gegenüber positiv eingestellte Arbeitgeber“ treffen können.

Arbeiten und Leben in Deutschland

Unter der Telefonnummer 030/1815-111 „Arbeiten und Leben in Deutschland“ gibt es Infos zur Jobsuche, Arbeit, persönliche Beratung auf Deutsch und Englisch.

IHK Forsa-Kompetenzcenter

IHK Forsa bietet ein Kompetenzcenter für 77 der 80 IHKs zur Beratung und Bewertung ausländischer Berufsqualifikationen.

Dass in den Arbeitsmarkt im kommenden Jahr Bewegung kommen wird, darüber sind sich Experten schon länger einig – auch wenn die Arbeitsmarkt-Pressekonferenz von Bundesagentur-Chef Frank-Jürgen Weise am Dienstag noch von großer Zufriedenheit geprägt war. Die Arbeitslosenzahl von 2,633 Millionen, die er vom Podium im Medientrakt des Bundesagentur-Komplexes verkündete, war für sich genommen schon keine große Sensation mehr, sondern nur ein weiteres Rekordtief in einer langen Serie von Tiefstwerten.

Die von Weise verkündete November-Arbeitslosenzahl dürfte denn auch nach jahrelanger Rekordjagd die Talsohle auf dem deutschen Arbeitsmarkt markieren. Tiefer dürfte die Arbeitslosenzahl, da sind sich fast alle Experten einige, auf absehbare Zeit kaum mehr sinken. Jeder künftige Jobaufschwung wird wahrscheinlich am November 2015 gemessen werden.

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