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08.09.2015

14:49 Uhr

Jahrestag des Vereins für Socialpolitik

Münster – das Mekka der Ökonomen

VonNorbert Häring

Der Ökonomen-Verband „Verein für Socialpolitik“ hat zur wichtigsten Tagung des Jahres geladen. Die Flüchtlingskrise macht das Thema der Tagung, Entwicklungsökonomie, ungeahnt aktuell und spannend.

Der „Verein für Socialpolitik“, der in der westfälischen Stadt tagt, will die Wirtschafts-Lehre vielfältiger gestalten. dpa

St. Lamberti in Münster

Der „Verein für Socialpolitik“, der in der westfälischen Stadt tagt, will die Wirtschafts-Lehre vielfältiger gestalten.

MünsterMünster in Westfalen ist derzeit das Mekka der deutschsprachigen Ökonomen. Über 800 sind zur Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik (VfS) in diese so aufgeräumt, wohlgeordnet und wohlhabend wirkende Stadt gepilgert. Das ist fast ein Viertel der Mitglieder des traditionsreichen Vereins. Hier herrscht eher produktiver Aufruhr als wohlgeordnete Ruhe. Abweichlerische Ökonomen, die sich vom „Mainstream“ ausgegrenzt fühlen, haben eine Parallelveranstaltung organisiert, auf der theoretische Blickwinkel diskutiert werden sollen, die es auf der Haupttagung nicht gebe.

Der Stachel sitzt. Auf einer Pressekonferenz kündigt die Vereinsvorsitzende Monika Schnitzer von der Universität München an, man werde im nächsten Jahr eine Diskussionsveranstaltung dazu abhalten, wie Ökonomie gelehrt werden sollte. Die Abweichler vom „Netzwerk für Plurale Ökonomik“ haben für November dazu gemeinsam mit anderen Ökonomengruppen, die dem Mainstream kritisch gegenüberstehen, eine Tagung zu genau diesem Thema in Berlin organisiert.

Achim Wambach, der designierte künftige Vereinsvorsitzende, betont, wohl mit Blick auf das, was in Berlin an Kritik zu hören sein wird: „Wir wollen in der Lehre stärker transportieren, wie breit das Fach ist. In der Öffentlichkeit wird das zu sehr auf Modelle reduziert.“ Aber man will nicht nur darstellen, wie toll alles ist, sondern sich durchaus der Kritik stellen. Die Kritiker würden sicherlich zu dem Panel zur ökonomischen Lehre eingeladen, kündigt Schnitzer an.

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Selbst eine Sonderveranstaltung zur Pluralen Ökonomik findet sich in Münster im Programm des Vereins. Sie wird bestritten von Dennis Snower, dem Präsidenten des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. Snower hat sich seit Ausbruch der Finanzkrise kritisch mit den Annahmen der Ökonomik über das Verhalten und die Motivation der Menschen auseinandergesetzt. Vor allem die Annahme, dass wir festgefügte Präferenzen haben, die unabhängig vom sozialen Umfeld sind, will er durch etwas Realitätsnäheres ersetzen.

Doch die VfS-Führung sieht sich nicht in der Defensive. Voller Stolz weist Schnitzer darauf hin, dass das Oberthema der diesjährigen Tagung, die Entwicklungsökonomie „unglaublich aktuell und gesellschaftlich relevant“ sei. Denn die Flüchtlingsströme, die derzeit auftreten, seien ja auch durch Entwicklungsunterschiede bedingt.  Zu große Erwartungen hinsichtlich der Anwendbarkeit dessen, was auf der Tagung diskutiert wird, auf die Flüchtlingskrise, will Schnitzer allerdings nicht wecken. „Das ist eine wissenschaftliche Tagung. Hier geht es darum, was in Sachen Entwicklung funktioniert, nicht darum, konkrete Migrationszahlen zu diskutieren“, warnt sie.

Schnitzer schlägt stattdessen die Brücke zu einem anderen Anliegen der Vereinsführung. Die „Evaluierung“, also die wissenschaftliche Überprüfung der Wirksamkeit von Maßnahmen, die in der Entwicklungsökonomik schon lange etabliert ist, will der Verein auch in Deutschland stärker zur Norm machen. Zu diesem Zweck hat er „Leitlinien für Ex-post Wirkungsanalysen“ verabschiedet. Darin wird vieles gefordert, was eigentlich selbstverständlich sein sollte, aber bei Weitem noch nicht ist, etwa dass die Autoren Interessenkonflikte offenlegen sollen, und dass die Analysen ergebnisoffen, transparent und nachvollziehbar sein sollen.

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Dabei liefert der „Pluralitätsbeauftragte“ Snower mit der Forschungsrichtung, die er in seiner Session vorstellt durchaus einen Ansatzpunkt, der für die Flüchtlingsproblematik nützlich sein könnte. Dabei geht es um die soziale Bedingtheit von Präferenzen und um Identitäten. „Damit wir aus dem Flüchtlingsstrom etwas für Deutschland Positives machen, ist sehr wichtig, dass wir es schaffen, die Grenzen zu überspringen, die uns unsere Identität in Abgrenzung von Nichtdeutschen setzt“, betont Snower und fügt hinzu: „Auch umgekehrt, wie die Zuwanderer ihre Identität so erweitern können, dass sie sich Deutschland zugehörig fühlen, ist eine sehr wichtige Frage.“

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