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28.10.2013

07:47 Uhr

Jauch-Kritik

„Sie können alle wunderbar entrüstet sein!“

VonChristian Bartels

In Günther Jauchs Talkshow über das abgehörte Kanzlerin-Handy waren zwar viereinhalb von fünf Gästen einer Meinung. Aber gerade deshalb war sie interessant.

Bei Günther Jauch waren sich diesmal fast alle einig. dpa

Bei Günther Jauch waren sich diesmal fast alle einig.

In Diskussionen über das Internet trifft das uralte Karl-Valentin-Diktum, wonach zwar schon alles gesagt worden ist, aber noch nicht von jedem, den Nagel so auf den Kopf wie in keinem anderen Themenfeld. Jeder hat eigene Erfahrungen und andere Einschätzungen, was sie bedeuten und was die Zukunft bringen wird. Daher entsteht in Diskussionsrunden selten ein fruchtbares Gespräch - erst recht, wenn sie im Fernsehen tagen.

Doch Günther Jauchs Sendung unter dem Titel "Handy-Alarm im Kanzleramt - machtlos gegen Amerikas Spitzel" am Sonntagabend zeigte, dass seit dem Bekanntwerden des amerikanischen Ausspähens von Angela Merkels Handy tatsächlich ein gemeinsames Problembewusstsein eine breite Basis hat. Dass von fünf Gästen etwa viereinhalb weitgehend einer Meinung waren, schadete insofern nichts.

Die Entwicklung der NSA-Spähaffäre in Deutschland

6.-7. Juni

„Guardian“ und „Washington Post“ berichten über das geheime Überwachungsprogramm „Prism“, mit dem der US-Geheimdienst NSA auf Serverdaten großer Internetkonzerne wie Google, Facebook oder Microsoft zugreife - und damit potenziell auch auf Daten deutscher Bürger. Quelle der Enthüllungen ist Snowden, der seitdem auf der Flucht vor der US-Justiz ist.

10.-11. Juni

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) warnt vor einer „möglichen Beeinträchtigung von Rechten deutscher Staatsangehöriger“.

19. Juni

Beim Besuch von US-Präsident Barack Obama in Berlin mahnt Merkel eine „Verhältnismäßigkeit“ der Mittel an. Obama versichert, die US-Geheimdienste würden nicht normale E-Mails „von deutschen, amerikanischen oder französischen Bürgern durchwühlen“.

30. Juni

Der „Spiegel“ berichtet, die NSA sammle in Deutschland monatlich rund 500 Millionen Daten aus Telefon- und Internetverbindungen von Bundesbürgern. Auch die EU werde gezielt ausspioniert.

7. Juli

Snowden beschuldigt den Bundesnachrichtendienst (BND) im "Spiegel", schon seit langem mit der NSA zusammenzuarbeiten.

12. Juli

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) spricht in Washington mit US-Regierungsvertretern. Oppositionspolitiker kritisieren dies als reine „Symbolpolitik“, eine Aufklärung fehle.

17. Juli

Der BND weist den Vorwurf zurück, dass die Bundeswehr seit Jahren Kenntnis von „Prism“ habe.

21. Juli

Der Verfassungsschutz räumt ein, das NSA-Schnüffelprogramm „XKeyscore“ einzusetzen - nur zu Testzwecken und in beschränktem Umfang. Das Programm soll in 30 Tagen bis zu 41 Milliarden Datensätze von Internet-Nutzern speichern können.

25. Juli

Kanzleramtschef Ronald Pofalla (CDU) weist Vorwürfe gegen deutsche Dienste im Parlamentarischen Kontrollgremium (PKG) zurück. Es seien im Zusammenhang mit einem Entführungsfall nur zwei Datensätze an die USA übermittelt worden. Union und FDP machen die frühere rot-grüne Bundesregierung dafür verantwortlich, dass nach dem 11. September 2001 die Geheimdienstzusammenarbeit mit den USA deutlich ausgeweitet wurde.

29. Juli

Der „Spiegel“ druckt ein Dokument Snowdens, wonach zwei Datensammelstellen („Sigads“) im Dezember 2012 etwa 500 Millionen Daten aus Deutschland abgegriffen hätten.

2. August

Eine Kooperationsvereinbarung von 1968 mit den britischen und US-Geheimdiensten wird außer Kraft gesetzt, wenige Tage später auch eine Vereinbarung mit Frankreich. Sie gewährte den West-Alliierten geheimdienstliche Sonderrechte zum Schutz ihrer Truppen.

3.-4. August

Der BND bestätigt, dass er Metadaten an die NSA übermittelt, personenbezogene Daten von Deutschen aber nur „im Einzelfall“. Die Kooperation diene der Auslandsaufklärung in Krisengebieten. Hinter den „Sigads“ vermutet er Datenerhebungsstellen in Bad Aibling und Afghanistan.

7. August

Laut Vize-Regierungssprecher Georg Streiter deutet vieles darauf hin, dass der BND selbst annähernd 500 Millionen Datensätze aus Deutschland an die NSA weitergab.

10. August

Der BND weist den Vorwurf zurück, mit den an die NSA übermittelten Daten Beihilfe zu gezielten Tötungen durch US-Drohnen zu leisten.

12. August

Pofalla erklärt die NSA-Affäre für beendet. Nach einer erneuten Aussage vor dem PKG hebt er mit Verweis auf schriftliche Versicherungen aus den USA und Großbritannien hervor, die Vorwürfe des flächendeckenden Ausspähens in Deutschland durch die Geheimdienste seien „vom Tisch“.

18. August

Die Bundeskanzlerin sieht im ZDF alle aufgeworfenen Fragen zur Spähaffäre als „geklärt“ an. Merkel verteidigte auch Pofalla gegen SPD-Vorwürfe der Verschleierung.

23. Oktober

Die Bundesregierung teilt mit, dass Merkels Mobiltelefon möglicherweise vom US-Geheimdienst überwacht wurde. Merkel habe in einem Telefonat mit Obama klargestellt, dass sie solche Praktiken „unmissverständlich missbilligt und als völlig inakzeptabel ansieht“.

Immerhin, ein ehemaliger amerikanischer Offizieller hatte sich zu Jauch gewagt: John Kornblum, US-Botschafter in Berlin von 1997 bis 2001, saß bleich und mit gequältem Blick im Studio, bezichtigte die NSA einer "Dummheit ersten Ranges" und, nachdem "Dummheit" als verniedlichender Begriff kritisiert worden war, auch des Rechtsbruchs. "Ich bin kein Freund, ich bin ein Partner", erwiderte Kornblum auf Fragen nach der deutsch-amerikanischen Freundschaft - ein Punkt, an dem weniger konsensfixierte Talkmaster als Jauch eingehakt hätten. "Sie können alle wunderbar entrüstet sein, wenn Sie wollen!", konzedierte der Ex-Botschafter den Deutschen.

Der amtierende Botschafter John B. Emerson habe weder ins Studio kommen, noch ein Statement abgeben wollen, ließ Jauch zwischendurch fallen. Kein Wunder, da im Studio auch "Spiegel"-Reporter Marcel Rosenbach saß, der nicht nur Kornblum mit kritischen Fragen zusetzte, sondern auch die aktuelle "Spiegel"-Titelgeschichte "Das Nest" vorstellte. Derzufolge dient die US-Botschaft neben dem Brandenburger Tor auch derzeit als Spionagezentrale zum Abhören des deutschen Regierungsviertels. Kornblum antwortete auf die Frage, ob auch zu seiner Zeit von der Botschaft aus spioniert worden war, vielsagend nur mit seiner "lebenslangen Verpflichtung, nicht darüber zu reden".

Kommentare (17)

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Leopold

28.10.2013, 08:21 Uhr

Die Träume der deutschen Politik. Ohne Bezug zur Realität. Ob es die Freundschaft mit Amerika betrifft oder die Freunde in Europa. Jeder ist sich eben selbst der Nächste. Und Deutschland ist immer der Dumme!

Account gelöscht!

28.10.2013, 08:23 Uhr


Der stets nach Konsenz strebende Günther Jauch ist eine totale Fehlbesetzung der ARD Talkshow. Frau Anne Will oder Frau Maybrit Illner (ZDF) wären da viel agressiver und mit mehr Sachverstand herangegangen.
*
Günther Jauch sollte mit seinem stets harmlosen Gesichtsausdruck lieber den "Käpitän Blaubär" in der Sendung mir der Maus moderieren.

bevormundeter

28.10.2013, 08:40 Uhr

Was denken eigentlich alle hier in Deutschland? Dass WIR "Freunde" haben auf dieser Welt, im Sinne von Freunden!? Wohl eher nein! Wir sind, nach verlorenem Krieg, ein besetzter Feind gewesen, der als Puffer und als "Kriegsschuldbezahler" dienlich war und ist zwischen den dann immer mehr verfeindeten Blöcken, auf dessen Territorium ein kommendes Schlachtfeld billigend in Kauf genommen wurde - und werden würde. Wer das anders sieht, sollte seine rosa Verklärungsbrille und die über 67 jährige Propaganda seitens der Siegermächte einmal etwas genauer betrachten - dann würde jeder Friede Freude Eierkuchen Träumer in der Realität ankommen. Davon unabhängig sind in dieser globalen Welt selbstverständlich wirtschaftliche, kulturelle und soziale Aspekte zu berücksichtigen, welche beiden Parteien (Sieger und Besiegten) ein aufeinander gehen ermöglichen. Dass jedoch ein ehemaliger "Feind" auch nach dieser Zeit "misstrauisch beobachtet" wird, ist doch wohl mehr als logisch aus Sicht der "Alliierten", schließlich waren die da im letzten Jahrhundert ja zweimal die bösen, welche die ach so unschuldigen "Westmächte" attackiert haben. Vielleicht wachen jetzt all die Menschen in diesem unserem Lande auf, die glauben, dass wir in irgendwas als selbstständige und auf Augenhöhe agierende Partner der USA unterwegs sind oder sein werden. Guten Morgen in der realen Welt.....

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