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01.05.2015

09:30 Uhr

Jeden Monat neue Mitglieder

AfD wächst und wächst – trotz Dauerstreit

VonDietmar Neuerer

Mit ihren Dauerquerelen verschreckt die AfD bürgerliche Wähler, aber nicht Mitglieder. Im Gegenteil: Nach einer internen Auswertung wächst die Partei sogar. Jeden Monat gewinnt sie neue Mitglieder hinzu.

Großes Interesse: Die Mitgliederzahlen der AfD steigen und steigen. Imago

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Großes Interesse: Die Mitgliederzahlen der AfD steigen und steigen.

BerlinTrotz Dauer-Querelen und Rückschlägen in der Wählergunst ist das Interesse an der Alternative für Deutschland (AfD) ungebrochen. Der Rücktritt von Hans-Olaf Henkel aus dem AfD-Bundesvorstand und der Streit in Parteispitze hätten sich nicht auf die Mitgliederstatistik ausgewirkt. „Wir verzeichnen nach wie vor einen Aufwärtstrend mit rund 100 Eintritten netto monatlich“, sagte Parteisprecher Christian Lüth dem Handelsblatt (Online-Ausgabe).

Lüth wies darauf hin, dass die Parteieintritte von den Kreisverbänden erfasst und dann „nach oben“ gemeldet würden, während die Austritte direkt über die Bundesgeschäftsstelle in Berlin liefen. „Das heißt, dass sich eine gewisse zeitliche Verzerrung ergibt.“ Am positiven Trend ändere dies aber nichts.

Laut einer internen Auswertung, die dem Handelsblatt vorliegt, zählte die AfD am 29. April 21.226 Mitglieder. Hinzu kommen sogenannte Förderer, die bei Bundesparteitagen allerdings nicht stimmberechtigt sind: Nicht selten sind dies Mitglieder anderer Parteien wie der CDU, die aber nicht offiziell wechseln wollen und stattdessen regelmäßig spenden. Die Partei hat derzeit 1.502 Förderer.

Die AfD – neue Volkspartei oder kurze Protestepisode?

Wie viel Union steckt in der AfD?

Es steckt einiges von der Union früherer Zeiten in der Alternative für Deutschland (AfD). Nur in der Europapolitik grenzt sich die AfD klar von dem ab, was Helmut Kohl zu seinen Kanzlerzeiten wichtig war. Die AfD besetzt aber andere zentrale Themen der Union wie Familie, Kriminalität und Zuwanderung. Die Warnungen der AfD vor einer Überlastung der Sozialsysteme durch Asylbewerber erinnern an die aufgeheizte Das-Boot-ist-voll-Debatte Anfang der 90er Jahre. Die AfD knüpft zudem an die konservative Gedankenwelt von Bundesministern wie Manfred Kanther (CDU) und Theo Waigel (CSU) an.

Kümmern sich CDU und CSU um solche Themen nicht mehr?

Doch. Auch heute sind das Schwerpunkte der Union. Doch die CSU war im Europa-Wahlkampf mit ihrer auf Ausländer gemünzten Parole „Wer betrügt, der fliegt“ und dem Herziehen über die EU-Kommission nicht erfolgreich. Und CDU und CSU bekamen unter Angela Merkel und Horst Seehofer bei der Bundestagswahl 41,5 Prozent - mit einer liberaleren Einstellung zu Homosexuellen, mit einer neuen Definition von Familie, aber ohne einen Law-and-Order-Mann als Bundesinnenminister. So machte die Union die Erfahrung, dass ein Kurs der Mitte mehr Stimmen bringt als das Beharren auf konservativen Positionen.

Was steckt noch in der AfD?

Die AfD setzt sich für mehr Basisdemokratie ein – und steht damit im Kontrast zur CDU. Einige ihrer Mitglieder stammen außerdem aus der Konkursmasse kleinerer rechter, liberaler und konservativer Parteien. Ehemalige Angehörige von NPD und DVU können dagegen nicht Mitglied der AfD werden. Im Osten wirbt die Partei um DDR-Nostalgiker, die zwar den Sozialismus nicht zurückhaben wollen, aber zum Beispiel Elemente des alten Bildungssystems gut finden.

Ist die AfD denn eine Gefahr für die Union?

Ja - auch wenn die CDU in Brandenburg und Thüringen trotz Stimmenverlusten an die AfD zulegen konnte. Erstens hat die Union durch ihren Wandel hin zu einer modernen, urbanen Partei eine Flanke an ihrem rechten Rand aufgemacht und könnte weiter Konservative, die in der Union keine Heimat mehr sehen, verlieren. Und zweitens wirbelt die AfD die Parteienlandschaft so durcheinander, dass die Machtoptionen für die Union schwinden. Eine Koalition mit der AfD schließt die CDU genauso aus wie mit der Linken, und auf die FDP kann sie nicht mehr zählen. Unabhängig davon, dass Schwarz-Grün im Bund ein Novum wäre, könnte es mit den Grünen knapp werden - wenn die AfD denn 2017 in den Bundestag einzöge. Bliebe ein Bündnis mit der SPD - das sollte aber aus Sicht beider Parteien kein Dauerzustand sein.

Wie wehrt sich die Union gegen die AfD?

Nicht einheitlich. CDU-Generalsekretär Peter Tauber sagt: „Wir wollen die Wähler zurückgewinnen.“ Fraktionschef Volker Kauder (CDU) will die AfD ignorieren und sich mit ihren Politikern nicht einmal in eine Talkshow setzen. Wolfgang Bosbach vom konservativen „Berliner Kreis“ der CDU hält das für falsch. Viele Unionspolitiker raten inzwischen, sich intensiv mit der AfD auseinanderzusetzen. Parteichefin und Kanzlerin Angela Merkel ging im Brandenburger Wahlkampf deutlich auf die Grenzkriminalität ein, nachdem die AfD bei der Sachsen-Wahl damit punktete. Koalitionen mit der AfD schließt sie aber aus.

Was macht die AfD attraktiv?

Die AfD stellt sich als Partei der braven Sparer und Steuerzahler dar, deren Wohlstand durch die Rettung maroder Banken und überschuldeter Euro-Länder gefährdet ist. Sie fordert, dass außer Flüchtlingen nur noch „qualifizierte und integrationswillige“ Ausländer nach Deutschland kommen dürfen und bemüht dafür gerne das Beispiel des Einwanderungslandes Kanada. Die AfD, die sich seit ihrem guten Abschneiden bei drei Landtagswahlen als „kleine Volkspartei„ bezeichnet, wettert gegen die in Deutschland inzwischen weit verbreitete Kultur der „politischen Korrektheit“. Ihrer Führungsriege gehören etliche Ex-Mitglieder von CDU und FDP an. Deshalb finden einige wertkonservative Wähler die Strategie der CDU, die AfD wie eine nicht-salonfähige Randgruppe zu behandeln, wenig glaubwürdig.

Droht der AfD das selbe Schicksal wie den Piraten?

Nein. „Eintagsfliege“, „Protestpartei“ – diese Etiketten wurden der AfD in den ersten Monaten oft aufgeklebt. Doch im Gegensatz zu den Piraten, die sich lange vor allem der Selbstzerfleischung widmeten, halten sich die internen Streitereien noch im Rahmen. Außerdem hat sich die AfD rasch von einer Ein-Thema-Partei (Eurorettung) zu einer gemausert, die verschiedene Politikfelder besetzt.

Zum Vergleich: Im Jahr ihrer Gründung vor zwei Jahren betrug die Mitgliederzahl bei der AfD 4.569 (Stand: 30. März 2013). Seitdem ging es fast kontinuierlich nach oben. So verzeichnete die Partei in der Zeit zwischen der Bundestagswahl am 22. September 2013 und der Europawahl am 25. Mai 2014 insgesamt 3.967 Eintritte. Nach dem Europawahlerfolg  gab es einen erneuten Schub.

Einen noch größeren Zustrom registrierte die AfD im Anschluss an die Landtagwahlen in Brandenburg und Thüringen am 14. September 2014. Unmittelbar nach dem Wahltag traten der Partei 1.000 Leute bei. Anfang Oktober vergangenen Jahres betrug der Mitgliederstand 19.885 Personen.

Die aktuelle Mitgliederauswertung zeigt auch, dass die AfD eine von Männern dominierte Partei ist. Zum Stichtag 29. April gehörten der Partei demnach 18.004 Männer und nur 3.222 Frauen an. Der Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, Manfred Güllner, hat für die ungleiche Geschlechterverteilung eine einfache Erklärung parat. „Die AfD wird von Männern präferiert, weil rechtsradikale Parteien schon immer Männerbünde waren“, sagte er kürzlich.

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