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23.03.2012

12:39 Uhr

Joachim Gauck

Der Anti-Supermann

VonDietmar Neuerer

Mit Spannung war seine erste wichtige Rede erwartet worden. Doch Bundespräsident Gauck vermied es, nach seiner Vereidigung ein zentrales Thema in den Mittelpunkt zu stellen. Einmal wurde er aber energisch im Ton.

Gaucks Rede im Bundestag

Video: Gaucks Rede im Bundestag

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BerlinEines muss man Joachim Gauck schon lassen. Immer dann, wenn ein wichtiger Termin an ihn heranrückt, schlägt das Wetter um und liefert nur noch Sonnenschein. Das war bei seiner Wahl zum Bundespräsidenten so und das ist auch heute bei seiner Vereidigung in Bundestag und Bundesrat der Fall. Doch jetzt beginnt für das mit 72 Jahren bisher älteste Staatsoberhaupt bei Amtsantritt der Ernst des Lebens. Und der beginnt heute vor allem mit seiner ersten großen Rede.

Fünf Tage nach seiner Wahl war der 72-Jährige zuvor als elfter Präsident vereidigt worden. Der frühere evangelische Pastor und DDR-Bürgerrechtler sprach den Amtseid mit der Formel „So wahr mir Gott helfe“.

Gaucks beste Sprüche

Gauck über die Euro-Krise

Gauck rief dazu auf, auch in der Euro-Krise am europäischen Gedanken nicht zu zweifeln. „Das Ja zu Europa gilt es zu bewahren“. Gerade in Krisenzeiten sei die Neigung besonders ausgeprägt, sich in den Nationalstaat zu flüchten. „Gerade in der Krise heißt es deshalb: Wir wollen mehr Europa wagen.“
„Europa war für meine Generation Verheißung. Für meine Enkel ist Europa längst aktuelle Lebenswirklichkeit mit grenzüberschreitender Freiheit und den Chancen und Sorgen einer offenen Gesellschaft. Nicht nur für meine Enkel ist diese Lebenswirklichkeit ein Gewinn.“

Gaucks Appell an die Regierenden

„Erst redet offen und klar, dann kann verloren gegangenes Vertrauen wiedergewonnen werden.“

Gauck über Demokratie

Der Bundespräsident mahnte, die repräsentative Demokratie nicht generell infrage zu stellen. Die repräsentative Demokratie sei das einzige System, das Gemeinwohl- und Einzelinteressen ausgleichen könne. „Das Besondere des Systems ist nicht seine Vollkommenheit, sondern dass es sich um ein lernfähiges System handelt“, fügte Gauck hinzu.
Und die aktive Bürgergesellschaft bis hin zur digitalen Netzgemeinschaft ergänze das System und gleiche Mängel aus.

Gaucks Appell an die Regierten

„Seid nicht nur Konsumenten.“

Gauck über Freiheit

„Freiheit ist eine notwendige Bedingung für Gerechtigkeit.“ Umgekehrt sei Gerechtigkeit aber auch „Grundlage für die Freiheit“.

Gauck über Integration und Gesellschaft

„Wir leben inzwischen in einem Staat, in dem neben die ganz selbstverständliche deutschsprachige und christliche Tradition Religionen wie der Islam getreten sind, auch andere Sprachen, andere Traditionen und Kulturen.
Der Staat definiere sich immer mehr durch die Zugehörigkeit seiner Bürger zu einer politischen und ethischen Wertegemeinschaft. Der Bundespräsident warnte davor, in Fragen des Zusammenlebens sich „von Ängsten, Ressentiments und negativen Projektionen“ leiten zu lassen.

Gauck über (Selbst-)Vertrauen und Mut

„Ich bitte Sie alle, mutig und immer wieder damit zu beginnen, Vertrauen in sich selbst zu setzen“.
Gauck erinnerte an ein Zitat des indischen Pazifisten Mahatma Gandhi (1869-1948), wonach nur ein Mensch mit Selbstvertrauen Fortschritt machen und Erfolge haben könne. Dann fügte er hinzu: „Ob wir den Kindern und Enkeln dieses Landes Geld oder Gut vererben werden, das wissen wir nicht. Aber dass es möglich ist, nicht den Ängsten zu folgen, sondern den Mut zu wählen, davon haben wir nicht nur geträumt. Das haben wir gelebt und gezeigt.“

Gauck über aktive Bürger

Gauck sprach sich für die Stärkung der aktiven Bürgergesellschaft aus. Engagierte Bürger unterstützten die parlamentarische Demokratie und „gleichen Mängel aus“. Es seien gerade diese Bürger, die sich Demokratiefeinden und Extremisten entgegenstellen, sagte er. Zudem betonte Gauck die Notwendigkeit des Ehrenamtes.

Gauck zu Rechtsextremisten

„Euer Hass ist unser Ansporn. Wir lassen unser Land nicht im Stich“.
„Wir schenken euch auch nicht unsere Angst“.
„Ihr werdet Vergangenheit sein, und unsere Demokratie wird leben.“ Mit Blick auf die deutsche Geschichte nannte Gauck Deutschland ein „Land des Demokratiewunders“.

Gaucks Appell an die Deutschen

„Nur ein Mensch mit Selbstvertrauen kann Fortschritte machen und Erfolge haben - dies gilt für einen Menschen wie für ein Land.“
„Ob wir den Kindern und Enkeln dieses Landes Geld oder Gut vererben werden, das wissen wir nicht. Aber dass es möglich ist, nicht den Ängsten zu folgen, sondern den Mut zu wählen, davon haben wir nicht nur geträumt. Das haben wir gelebt und gezeigt.“

Gauck über die 68-Generation

Im Westdeutschland der Nachkriegszeit sei der Umgang mit dem Nationalsozialismus zunächst defizitär geblieben, sagte Gauck. „Erst die 68er-Generation hat das nachhaltig geändert.“ Trotz aller Irrwege habe sie die historische Schuld ins kollektive Bewusstsein gerückt.

Gauck über Sport

„Wir brauchen den Sport in einer demokratischen Gesellschaft. Er ist ein wesentlicher Baustein.“ So hat Gauck vor einem Jahr im „Deutschlandfunk“ seine grundsätzliche Haltung zum Sport beschrieben.
Als Sportler könne man viel für das Leben lernen, und wenn da auch noch politisches Interesse dazu komme, „dann ist das ein großes Geschenk für die Gesellschaft“. Das hat Gauck in Berlin vor einer Woche bei seinem letzten öffentlichen Auftritt als Bürger Gauck vor jungen Eishockeyspielern gesagt, die sich eingesetzt haben für die von ihm angeführte Aktion „Für Zivilcourage - Gegen Diskriminierung im Sport.“
„Männer“, hat er hinzugesetzt, „ich verstehe nichts vom Eishockey, aber das was sie machen ist toll.“

Gauck selbst hatte schon bei seiner Wahl die hohen Erwartungen an ihn gedämpft, indem er ausdrückte, was eigentlich allen hätte bereits klar sein müssen, ohne das es explizit erwähnt würde, nämlich dass er, wie er es sagte, „kein Heilsbringer, kein Heiliger, kein Engel“ sei. Aber die Welt tickt nicht so, das weiß auch Gauck. Doch er hält den Druck aus und trägt die Verantwortung, die jetzt auf ihm lastet mit präsidialer Gelassenheit. So hat er sich in der Vergangenheit präsentiert und ist auf Tuchfühlung mit dem Volk gegangen. Und so praktiziert er es auch heute. Gauck bleibt seiner Linie treu. Dass er sich der Volks-Aufgabe besonders verpflichtet fühlt, ist auch bei seiner Vereidigung nicht zu überhören. Gauck spricht zwar zu den Gästen im Reichstag, er wählt dabei aber ausdrücklich die Anrede-Formel „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger“. Mehr nicht.

Video

Gauck legt Eid ab

Video: Gauck als Bundespräsident vereidigt

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Dann fragt er, wie „unser Land“ künftig aussehen solle vor dem Hintergrund der Bedingungen, die die Welt gesetzt hat, die aber auch wir mit bewirkt haben. Er zählt auf, womit die Bürger tagtäglich konfrontiert sind: mit dem Gegensatz Arm/Reich, mit der Globalisierung und ihren Folgen, mit ethnischen Konflikten oder mit einem Nahost-Konflikt, dessen weitere Entwicklung nicht absehbar sei. Und dann ist Gauck bei seinem Lieblingsthema angekommen – der Freiheit. Und er erkennt an, dass sich angesichts der nicht einfachen Weltumstände die Bürger zu Recht fragten, was das für eine Freiheit sei, in der sie leben. Diesen Ängsten will er Rechnung tragen, aber nicht etwa, wie er sagt, indem er der Verunsicherung Vorschub leiste. „Ich will meine Erinnerung als Kraftquelle nutzen, um uns zu motivieren“, verspricht er.

Dann folgt ein politischer Exkurs, ein Ausflug in die deutsch-deutsche Vergangenheit, in der Gauck wichtige Entwicklungsschritte der Bundesrepublik skizziert. Er preist die Nachkriegszeit, als aus Deutschland dank seiner schnell einsetzenden wirtschaftlichen Prosperität ein „Land des Demokratiewunders“ wurde. In dem Revanchismus „nie mehrheitsfähig“ geworden sei. Vielmehr habe es stabile demokratische Strukturen gegeben. Großes Lob zollt Gauck auch der 1968er Generation, die entscheidend mit bewirkt habe, dass die Defizite bei der Aufarbeitung der Vergangenheit größtenteils beseitigt worden seien.

Kommentare (13)

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Realist

23.03.2012, 12:54 Uhr

"Mehr Europa wagen"?! Wenn man sich die Entwicklung der EU anschaut oder genauer gesagt die Bevormundung durch die EU-Gremien, die Beschneidung der Rechte der EU-Bürger, den Vereinheitlichungswahn und die Verstösse sowohl gegen EU-Verträge und nationale Gesetze/Verfassungen und Herr Gauck andererseits die DDR als negatives Besipiel anführt, dass sich nicht wiederholen darf/soll, ist das für mich ein gravierender Widerspruch.

Ich empfehle Herrn Gauck sich die Rettungsorgie genuaer anzuschauen und insbesondere den ESM-Vertrag zu studieren und hoffe inständig, dass er dann zu einer anderen Auffassung gelangt und die Bürger/innen Deutschlands dann durch Unterschriftsverweigerung schützt.

Man kann gegen Wulff sagen was man will, aber er hatte schon deutlich gemacht, dass er dieses Rettungsfass ohne Boden nicht weiter gutheißen würde.

Auch die Medien sollten nun endlich anfangen die Bürger/innen über den ESM-Vertrag aufzuklären. Veröffentlichen Sie doch endlich die skandalösen Regelungen. Warum halten sich hier sämtliche deutsche Medien so zurück?

Account gelöscht!

23.03.2012, 12:57 Uhr

Schade, ich würde mir einen Bundespräsidenten wünschen, der wirklich Akzente setzt und umfassende Diskussionen in der Gesellschaft initiert. Herr Gauck nimmt nur Bezug auf Selbstverständlichkeiten, erzählt aus der Geschichte und abstrakte Freiheit. Aber wenn man der Presse und den Politikern glauben schenken darf, wünschte sich die Mehrheit Herrn Gauck. Vielleicht ist der Demografische Wandel schuld daran, daß die Menschen sich einen netten Großvater als Geschichtenerzähler wünschen, der keine Entwicklung und kritische Diskussion mehr anstößt. Bei jedem Auftritt gibt zu Protokoll, daß er kein Übermensch sei und wir nicht zu viel erwarten sollen. Tu ich auch nicht. Es sei ihm gegönnt, seine Pension mit den Bezügen als Präsident aufzustocken.

alex

23.03.2012, 12:58 Uhr

Gauck ist ein weltfremder schwaetzer, der alles an seiner DDR-vergangenheit festmacht (Freiheit, bla,bla,bla).
Das amt ist auch nicht mehr zeitgemaess, schafft es ab und verkauft das schloss an den meist bietenden!

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