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02.09.2016

18:00 Uhr

Joachim Gauck über Flüchtlinge in Ausbildung

„Da muss noch mehr passieren“

VonCorinna Nohn
Quelle:Handelsblatt Live

Die Unternehmensinitiative „Wir zusammen“ hat es sich zum Ziel gesetzt, Flüchtlinge in die Arbeitswelt zu integrieren. Bundespräsident Gauck hat sich bei Thyssen-Krupp über die Fortschritte informiert – und fordert mehr.

Das Unternehmen ist Partner der Initiative „Wir zusammen“. Thyssen-Krupp

Bundespräsident Gauck trifft Thyssen-Krupp-Chef Hiesinger

Das Unternehmen ist Partner der Initiative „Wir zusammen“.

Joachim Gauck hat sich gerade die Geschichte von Efrem aus Eritrea angehört, der jetzt in Breitenberg bei Passau eine Schreinerlehre macht. Er hat sich von Veronika Hackl, Mitgründerin des Möbel-Start-ups „Franz der Bettenbauer“, mit einem saloppen „Servus“ begrüßen und erzählen lassen, wie der erste zum Lehrling auserkorene Flüchtling ausgewiesen wurde. Und dann nimmt das Staatsoberhaupt auch ein Stück geschliffenes Holz in die Hand und fragt bei Efrem nach, dem 26-Jährigen, der seit zwei Jahren auf seinen Asylbescheid wartet: Wie es aussehe mit der Bleibeperspektive? „Können Sie schon Deutsch?“ 

Bürokratiefallen, Abschiebegefahr, Sprachbarrieren – der Bundespräsident, menschennah und unverblümt, ist zwischen selbstgenähten Segeltuchtaschen und musterintegrierten Zuwanderern direkt mitten im Thema an diesem Freitagnachmittag. Eingeladen hat ihn die Unternehmensinitiative „Wir zusammen“, die fünf vorbildliche Integrationsprojekte in der Essener Zentrale des Dax-Konzerns Thyssen-Krupp vorstellt. 

Gauck, seine Lebensgefährtin Daniela Schadt und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) schlendern weiter, an der Seite von Konzernchef Heinrich Hiesinger. Ein paar Meter neben den Betten aus dem Bayerwald präsentiert Thyssen-Krupp seine Integrationsbemühungen. 

Gerade erst – am 1. September – haben 44 Flüchtlinge eine Ausbildung bei dem Stahlkonzern begonnen. Einer von ihnen, Inza B. aus der Elfenbeinküste, steht Gauck nun Rede und Antwort. Auch hier die Frage nach der Bleibeperspektive, und Gauck urteilt fachmännisch: „Bei der Elfenbeinküste sieht es natürlich schlechter aus.“ Ja, stimmt Hiesinger zu, „aber er wird zumindest solange die Ausbildung läuft, bleiben dürfen“, um dann noch darauf hinzuweisen, dass die Sache mit dem Aufenthaltsstatus eines der größten Probleme sei, mit denen integrationswillige Unternehmen zu kämpfen haben.

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Aber Hiesinger macht auch klar, dass das keine Ausrede sein kann: Sein Konzern hat sich vorgenommen, in den kommenden zwei Jahren 150 Praktikums- und 230 Ausbildungsplätze extra für Flüchtlinge zu schaffen. „Das müssen wir erst mal stemmen, dann sehen wir weiter.“ Aber klar, Integration ist nicht von heute auf morgen zu haben, „die Firmen müssen sich dauerhaft darauf einlassen“. Eine Vorlage für Gauck, der gleich nickt und sagt: „Da muss noch mehr passieren.“ 

Denn was ist überhaupt bislang passiert in Sachen Integration durch Arbeit? 36 Unternehmen waren es, die sich Anfang Februar zusammentaten und „Wir zusammen“ gründeten. Auf der Liste, angefangen von der Adam Opel AG über Hugo Boss, Rocket Internet und Telekom bis hin zu WMF stehen große Dax-Konzerne, aber auch bekannte Familienunternehmen. Mittlerweile sind es 116. Gemeinsames Ziel: Integrationsmodelle bündeln, gute Ideen teilen, Role Models vorstellen, voneinander lernen. 

Den Anstoß gab seinerzeit Ralph Dommermuth, Gründer und Chef der United Internet AG, der an diesem Nachmittag noch mal kurz Revue passieren lässt, was ihn damals auf die Idee brachte: Es war ein Abendessen Anfang des Jahres, mehrere Unternehmer saßen zu Gast bei der Kanzlerin zusammen, und jeder erzählte, was sein Konzern für Flüchtlinge tue. Der ein oder andere gab an, gerne etwas tun zu wollen, aber nicht zu wissen, was. 

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