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04.04.2013

09:14 Uhr

Jobs trotz Rentenalter

Arbeiten bis zum Umfallen

VonMaike Freund, Stefan Kaufmann

Profiboxer mit 50, Unternehmer mit 74, Chef der Krupp-Stiftung mit 99. Immer mehr Senioren in Deutschland arbeiten. Ihre Beweggründe sind grundverschieden. Wir stellen prominente und weniger prominente Silver–Ager vor.

Es ist nicht leicht, den richtigen Moment zum Aufhören zu finden. Getty Images

Es ist nicht leicht, den richtigen Moment zum Aufhören zu finden.

DüsseldorfIm angelsächsischen Raum haben sie einen eigenen Namen: Dort heißen sie Silver Ager. Senioren, die im Rentenalter noch arbeiten. In Deutschland ist man sprachlich noch nicht so weit, auch so richtig erforscht wurde das Thema „Arbeiten im Alter“ noch nicht. Doch zunehmend rücken sie in den Mittelpunkt der Wissenschaft: Diejenigen, die nicht mehr arbeiten müssten, weil sie längst in Rente sein könnten – und die trotzdem noch im Arbeitsleben aktiv sind.

„Seit etwa 2000 nimmt generell die Zahl der Erwerbstätigen ab 55 Jahren zu und auch die Zahl derjenigen, die über das Alter von 65 hinaus arbeiten“, sagt Martin Gasche vom Munich Center for the Economics of Aging (MEA). 2011 gab es laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes und Berechnungen des MEA rund 760.000 Erwerbstätige zwischen 65 und 75 Jahren. Bis Dezember 2012 waren es allerdings nur 170 Senioren über 65 mit einem Minijob, teilt die Minijob-Zentrale in Bochum auf Anfrage mit.

Fakten zum neuen Armuts- und Reichtumsbericht

Schere geht auseinander

Der Graben zwischen Arm und Reich ist tiefer geworden. Auf die vermögensstärksten zehn Prozent der Haushalte entfielen 53 Prozent (Stand: 2008, neuere Zahlen liegen nicht vor) des gesamten Nettovermögens. 1998 lag die Quote bei 45 Prozent. Die untere Hälfte der Haushalte besaß zuletzt lediglich gut ein Prozent des Nettovermögens. 2003 waren es drei Prozent. Von 2007 bis 2012 hat sich das Gesamtvermögen der Haushalte trotz der Finanzkrise um weitere 1,4 Billionen Euro erhöht.

Der Staat ist ärmer geworden

Sein Nettovermögen schrumpfte zwischen Anfang 1992 und Anfang 2012 um über 800 Milliarden Euro, während es sich bei den privaten Haushalten um gut fünf Billionen Euro mehr als verdoppelte. Zu dieser Entwicklung trug die Privatisierungspolitik aller Regierungen in diesem Zeitraum bei. Die Erlöse aus dem Verkauf öffentlichen Tafelsilbers versickerten in den Haushalten.

Hauptgrund für Armut ist Arbeitslosigkeit

Die „Armutsgefährdungsschwelle“ liegt nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes bei 952 Euro im Monat. Je nach Datengrundlage gilt dies für 14 bis 16 Prozent der Bevölkerung. Hauptgrund für Armut ist Arbeitslosigkeit. Auch für Alleinerziehende ist das Risiko hoch.

Niedriglohngrenze liegt bei 9,15 Euro

Der Anteil der Beschäftigten im Niedriglohnsektor stieg und lag zuletzt zwischen 21 und 24 Prozent. Im Jahr 2010 waren 7,9 Millionen Arbeitnehmer betroffen. Die Niedriglohngrenze liegt bei 9,15 Euro pro Stunde.

Grundsicherung im Alter

Nur 2,6 Prozent der über 65-Jährigen sind derzeit auf Grundsicherung im Alter angewiesen.

Niedrigste Jugendarbeitslosigkeit

Die Arbeitslosigkeit sank im Berichtszeitraum auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen reduzierte sich zwischen 2007 und 2012 von 1,73 Millionen auf 1,03 Millionen oder um mehr als 40 Prozent. In der EU weist Deutschland aktuell die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit aus - begünstigt von der Hartz-IV-Gesetzgebung: Seit 2005 müssen Langzeitarbeitslose auch schlecht bezahlte Jobs annehmen. Die Ausweitung von Niedriglohnsektor und atypischer Beschäftigung (Zeitarbeit, Teilzeitarbeit, Minijobs) ging laut Bericht nicht zulasten von Normalarbeitsverhältnissen.

Anteil der erwerbsfähigen Hartz-IV-Empfänger schrumpft

Der Anteil der erwerbsfähigen Hartz-IV-Empfänger an der erwerbsfähigen Gesamtbevölkerung schrumpfte von 9,7 auf 8,2 Prozent. Gab es im Jahresdurchschnitt 2007 noch rund 5,3 Millionen Leistungsbezieher, waren es im Jahr 2012 (Januar bis September) nur rund 4,5 Millionen. Die Zahl der Hartz-IV-Kinder unter 15 Jahren sank von 1,89 auf 1,63 Millionen.

Fortschritte beim Bildungsniveau

Beim Bildungsniveau, das für die Chancen im Arbeitsleben mitentscheidet, gab es ebenfalls Fortschritte: Zwischen 2006 und 2010 sank die Zahl der Schüler ohne Abschluss von 8 auf 6,5 Prozent.

Für den Arbeitseifer gibt es Gründe: „Grundsätzlich lassen sich zwei Gruppen ausmachen: Diejenigen Rentner, die arbeiten wollen und diejenigen, die müssen“, sagt Gasche. „Das sind vor allem die mit höheren und die mit geringen Renten.“ Dabei sei dies kein deutsches, sondern ein europaweites Phänomen, sagt Gasche. Außerdem lasse sich beobachten, dass es die geringer Qualifizierten und die hoch Qualifizierten seien, die häufiger trotz Rentenalters noch arbeiten würden. Zwei weitere Faktoren seien wichtig, so Gasche: Zum einen müssen sich diejenigen, die trotz ihres hohen Alters noch arbeiten, fit fühlen. Zum anderen sei das Gefühl, trotz des Alters nicht zum alten Eisen zu gehören, ein Grund um weiterzuarbeiten.

Das Phänomen „Arbeiten im Alter“ ist auch dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) aufgefallen. „Es gibt so gut wie keine Forschung dazu, aber die Alltagserfahrung zeigt, dass es mehr Menschen sind, die mittlerweile aus finanziellen Gründen auch im Alter noch arbeiten müssen“, sagt DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. „Es fällt auf, dass ab dem Moment, in dem die Renten gesunken sind, die Zahl der Mini-Jobber gestiegen ist.“

Grundsätzlich hat der DGB nichts dagegen, wenn ältere Menschen nach Erreichen des Renteneintrittsalters freiwillig weiter arbeiten. „Wenn sie die Energie und Lust dazu haben“, sagt Buntenbach. „Es darf aber nicht dazu kommen, dass die Älteren die Arbeitsplätze besetzen, für die es auch jüngere Bewerber geben würde.“

Dazu gehört Andreas Sidon ganz bestimmt nicht. Der 50-Jährige zählt zu den ältesten noch aktiven Profiboxern der Welt, an diesem Samstag steigt er zu seinem nächsten Kampf in den Ring. „Arbeiten bis zum Umfallen“ – das trifft auf Sidon zu. Aber auch andere arbeiten bis ins hohe Alter. Handelsblatt Online stellt fünf prominente und weniger prominente Silver Ager vor.

Kommentare (20)

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Gast

04.04.2013, 09:37 Uhr

In Alltagsjobs ist es meist ja doch schon mit 50 komplett schluss. Wer in dem Alter noch fest angestellt ist, der darf sich sehr glücklich schätzen...je nach dem, wo man angestellt ist.

Rene

04.04.2013, 09:42 Uhr

Ich möchte auch gern über 67 hinaus arbeiten, auch wenn man damit der Arsch und Zahldepp der Nation ist. Fleiß ist dennoch eine positive Eigenschaft. Solidargemeinschaft belasten und schmarotzen, obowhl man gesunde Gliedmaßen hat, eine negative. Auch wenn man "Ansprüche" erworben hat und zu Recht den "Lebensabend" genießen könnte, führt derartiger Egoismus in einen moralischen Verfall einer Gesellschaft.

realist

04.04.2013, 09:55 Uhr

.......was sind das für Gründe, daß immer mehr Ältere beschäftigt sein wollen, oder sich beschäftigen lassen, um etwas Geld zusätzlich zu verdienen?
Es ist ganz tief in der menschlichen Seele zu finden. Es ist das sich breitgemachte Mißtrauen, und das nicht mehr vorhandene Vertrauen, das Wertvollster innerhalb der menschlichen Kommunikation. Der Mensch ist abgrundtief mißtrauisch und vertraut keinem mehr, nur noch sich selbst.
Selbst in der Zweiergemeinschaft der Ehe, gibt es kein Vertrauen mehr. Die Ehe ist ein Auslaufmodell geworden. Wenn man noch heiratet, dann nur aus Unerfahrenheit manchmal aus Dummheit. 16 Millionen Alleinlebende in der BRD sind der Beleg, daß Vertrauen und Mißtrauen bei diesen Personen die Oberhand gewonnen hat. Und es wird eher noch dramatischer mit Vertrauen und Mißtrauen. Was ist zu tun? Nun, ganz einfach. Frau/ Mann setzen nur noch auf sich selbst, um die wenigen Jahre hier auf Erden zurecht zu kommen. Sie arbeiten nur noch für ihre eigene Kasse. Eine schöne Beschehrung, aber so ist es

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