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04.10.2011

14:46 Uhr

Jörg Asmussen

Künftiger EZB-Chefvolkswirt ist gnadenlos pragmatisch

VonAndreas Niesmann

Er gilt als Manager der Finanzkrise. Dabei hatte sich Jörg Asmussen einst für jene Finanzinstrumente eingesetzt, die die Krise erst ermöglichten. Diese Flexibilität ist seine größte Stärke – und Schwäche.

Jörg Asmussen dpa

Jörg Asmussen

DüsseldorfEs gibt Dinge im Leben, die holen einen irgendwann wieder ein. Das können Fotos von einem feuchtfröhlichen Abend sein, unbedachte Meinungsäußerungen im Internet oder die frühere Mitgliedschaft in einer politischen Gruppierung, die so gar nicht zum späteren Karriereweg passen will. „Jugendsünden“ heißt es meist lässlich, wenn eine solche Verfehlung im Nachhinein auftaucht.

Als Jörg Asmussen seine Jugendsünde beging, war er 39. Damals war der Karrierebeamte als Ministerialdirektor im Finanzministerium zuständig für die Abteilung Finanzmarktpolitik. Ein Thema lag ihm seinerzeit besonders am Herzen: Die Förderung des deutschen Marktes für forderungsbesicherte Wertpapiere, sogenannte Assed Backed Securities (ABS). In diesen Finanzprodukten stecken Zahlungsansprüche von Banken, zum Beispiel Häuserkredite, die verbrieft und weiterverkauft werden. Diese Verbriefungen von Krediten gelten als Hauptauslöser der Finanzkrise.

Am Dienstag gaben alle 27 EU-Finanzminster ihr Einverständnis für Asmussens nächsten Karriereschritt: er wird EZB-Chefvolkswirt und rückt an eine entscheidende Schaltstelle bei der Bekämpfung der Finanzkrise. Um so weniger will Asmussen an das erinnert werden, was er im Herbst 2006 in einem Aufsatz für die Fachzeitschrift für das Kreditwesen ZKW schrieb. Damals setzte er sich ausdrücklich für genau die komplizierten Finanzprodukte ein, die inzwischen als Teufelszeug erkannt worden sind.

Das Bundesfinanzministerium habe "moderne Kapitalmarktgesetze" auf den Weg gebracht, rühmte sich Asmussen in dem Artikel, und betonte: „Dabei war uns stets wichtig, dass sich auch der Markts für Assed Backed Securities (ABS) stärker als bislang entwickelt.“ 

In anderen EU-Mitgliedsstaaten sei der ABS-Markt längst zu einem prägenden Element geworden, analysierte Asmussen weiter. Der Bundesrepublik attestierte er Nachholbedarf, fand aber wohlwollende Worte für den bereits zurückgelegten Weg: „ Allmählich scheinen aber auch in Deutschland die gemeinsamen Bemühungen der Politik und der Kreditwirtschaft die erwartete Früchte zu tragen“, schrieb Asmussen. „Das deutsche Emissionsvolumen wächst und über ABS wird zudem ein steigender Beitrag – gerade im ersten Halbjahr 2006 – zur Finanzierung der mittelständischen Wirtschaft geleistet“, bilanzierte er zufrieden.

Die Instrumente der EZB

Veränderung des Leitzinses

Mit der Veränderung des Leitzinses reagiert die EZB in erster Linie auf die Inflation im Euro-Raum. Steigen die Preise deutlich, zieht die Notenbank die geldpolitischen Zügel in der Regel an. Höhere Zinsen verteuern aber auch Kredite. Daher können sie Gift sein für die lahmende Wirtschaft von Krisenländern wie Griechenland oder Portugal. Die EZB muss also die Inflation bekämpfen, ohne die Konjunktur in den 17 Mitgliedstaaten des Euro-Raums abzuwürgen. Die Zinspolitik ist normalerweise das herausragende Instrument der Notenbank. In Krisenzeiten greift sie aber auch zu unkonventionellen Maßnahmen.

Ankauf von Wertpapieren

Nach dem Ausbruch der Euro-Schuldenkrise 2010 hat die EZB die Notenpresse angeworfen, um im großen Stil Staatsanleihen von Euro-Krisenstaaten zu kaufen. Die Währungshüter reagieren damit auf steigende Renditen für Anleihen der Schuldensünder. Für Portugal, Irland, Griechenland und zuletzt auch für Spanien und Italien war es dadurch teurer geworden, sich frisches Geld zu besorgen. Nach dem Einschreiten der EZB sanken die Renditen. Die Notenbank hat derzeit Anleihen von Problemstaaten im Volumen von 156,5 Milliarden Euro in ihren Büchern stehen, die sie auf dem sogenannten Sekundärmarkt gekauft hat, also beispielsweise bei Banken. Die EZB lässt sich ihr Engagement verzinsen. Gehen die Länder pleite, bleibt sie aber zumindest auf Teilen ihrer Forderungen sitzen.

Liquidität

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise vor drei Jahren versorgt die EZB die Banken großzügiger mit Geld als sonst. Sie stellt ihnen Kredite mit verschiedenen Laufzeiten zur Verfügung. Zuletzt drehte die EZB den Geldhahn wieder weit auf, weil die Kreditinstitute zögern, sich gegenseitig Geld zu leihen. Banken konnten sich für sechs Monate zum Leitzins von 1,5 Prozent so viel Geld borgen wie sie wollten (Vollzuteilung). In „normalen Zeiten“ sind die Laufzeiten kürzer und es wird nur eine festgelegte Summe versteigert. Daneben vergibt die EZB Darlehen mit kürzerer Laufzeit und mit begrenzter oder voller Zuteilung. Kritiker werfen der Notenbank vor, den Markt mit Geld zu fluten und damit neuen Finanzspekulationen Vorschub zu leisten.

Intervention an Devisenmärkten

Starken Wechselkursschwankungen können die Notenbanken mit dem Kauf oder Verkauf von Devisen begegnen. Die EZB setzte dieses Instrument im Jahr 2000 ein, als der Euro gegenüber dem Dollar einen Schwächeanfall erlitt. Im Kampf gegen einen zu starken Franken, der die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Exportindustrie belastet, hatte die Schweizer Nationalbank SNB erstmals seit mehr als 30 Jahren eine Obergrenze für den Frankenkurs eingeführt, die sie unter allen Umständen verteidigen will, indem sie Franken auf den Markt wirft und damit Euro kauft. Bei massiven Attacken gegen eine Währung können allerdings auch Notenbanken in die Defensive geraten. So wettete der legendäre Hedge-Fonds-Gründer George Soros im Jahr 1992 erfolgreich gegen das britische Pfund und zwang die Bank of England in die Knie.

Kommunikation

EZB-Präsident Mario Draghi ist äußerste Aufmerksamkeit gewiss, wann immer er sich äußert. Manchmal reicht schon die Andeutung, dass die Notenbank aktiv werden könnte, um Spekulationen beispielsweise auf den Devisenmärkten zu beenden. Zugleich ist die EZB bemüht, die Märkte mit ihren Zinsentscheidungen nicht unnötig zu überraschen. Die EZB will - zumindest für Finanzprofis - berechenbar bleiben, damit nicht starke Wechselkurs- oder Aktienkursschwankungen das Vertrauen der Bürger in die Gemeinschaftswährung Euro erschüttern.

Gerade der letzte Satz darf durchaus auch als Klopfen auf die eigene Schulter verstanden werden, galt Asmussen doch in jenen Tagen als treibende Kraft hinter der Deregulierung der Finanzmärkte. Er war Gründungsmitglied im Beirat der True Sale International, einer Lobbyorganisation der deutschen Banken, die sich der Förderung des Verbriefungsmarktes in Deutschland verschrieben hat. Ausdrücklich lobt Asmussen vor diesem Hintergrund das damals in der Umsetzung befindliche Banken-Regelwerk Basel II: „Risikogerecht wird für viele Kreditinstitute die Eigenkapitalanforderung an ihre ABS-Bestände sinken und für sie der Erwerb von ABS zur Diversifizierung ihres Portfolios wesentlich erleichtert.“

Heute, mitten in der Finanzkrise, wirken diese Sätze geradezu naiv. Politiker und Regulierer suchen heute verzweifelt nach Wegen, um die Eigenkapitalanforderungen der Banken zu erhöhen. Auch Asmussen selbst wird in seinem neuen Job als Chefvolkswirt der EZB für härtere Eigenkapitalanforderungen eintreten müssen, wenn das europäische Bankensystem stabiler werden soll.

Die Rolle Rückwärts hat er längst vollzogen – nicht umsonst gilt Asmussen als großer Pragmatiker. Die Finanzmarktkrise sei so tief gewesen, dass keiner dieselbe Position wie vorher habe, gibt er sich in Zeitungsinterviews jüngeren Datums reumütig.

Kommentare (22)

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Pack

04.10.2011, 15:17 Uhr

Da wird der Böck zum Gärtner gemacht.

Diese unsäglichen Personalrochaden der sollten endlich unter Strafe gestellt werden.

LudwigStiegler

04.10.2011, 15:22 Uhr

Der Verfasser wärmt alte Kamellen auf, die schon in der Erstauflage nicht gestimmt haben. Er verkennt oder weiß einfach nicht, dass deutsche ABS-Strukturen nicht mit anderen vergleichbar sind. Deshalb wird in D auch längst wieder verbrieft, weil die Investoren wissen, dass sie Ausfälle nicht zu befürchten haben. Deutsche ABS setzen Qualitätsstandards und haben mit Subprime oder CDO² nichts zu tun. Dem Verfasser wäre ein Gespräch mit der tsi-international in Frankfurt, die letzte Woche gerade ihren Jahreskongress in Berlin hatte, dringend zu raten. Handelsblatt-Autoren sollten wissen, wovon sie reden. Ludwig Stiegler

Account gelöscht!

04.10.2011, 15:25 Uhr

Gnadenlos pragmatisch... besser hätte man es nicht ausdrücken können. Viel heiße Luft und mit Siebenmeilenstiefeln in Richtung deutscher Staatsbankrott. Die CDS für Bundies sind ja sehr eindeutig...

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