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26.01.2011

11:52 Uhr

Josef Wieland

„China gibt die Vorwürfe zurück“

VonDorit Marschall

Der Großteil der deutschen Führungskräfte erwartet, dass sich „eher östliche, asiatische Normen“ durchsetzen werden. Darüber sprach das Handelsblatt mit dem Wirtschaftsethiker Josef Wieland.

Josef Wieland leitet an der Hochschule Konstanz das Institut für Corporate Governance. Quelle: Pressefoto

Josef Wieland leitet an der Hochschule Konstanz das Institut für Corporate Governance.

Handelsblatt: Wie unterscheiden sich westliche und asiatische Wertvorstellungen?

Josef Wieland: Im Westen nimmt das Individuum eine sehr bedeutende Rolle ein, in Asien dagegen zählen die Familie und die Gruppe mehr. Aus diesen unterschiedlichen Konzepten resultiert eine unterschiedliche Bewertung, beispielsweise auf den Arbeitsmärkten. Während wir massive Überstunden als Problem empfinden, streben viele Chinesen genau das Gegenteil an, weil sie meinen, ihrer Familie ein möglichst hohes Einkommen zu schulden. Unsere Kritik an unmenschlichen Arbeitsbedingungen können die Chinesen daher oft gar nicht nachvollziehen.

Handelsblatt: Teilen Sie die Einschätzung der Führungskräfte, dass sich asiatische Normen durchsetzen werden?

Wieland: Wir können trotz der ökonomischen Stärke Asiens die Entwicklung weitaus gelassener sehen, die chinesischen Wertvorstellungen werden sich nicht durchsetzen. Die Asiaten haben überhaupt nicht vor, dem Westen ihre Normen überzustülpen. Ganz anders als der Westen, der das schon zu Zeiten der Kolonialisierung immer wieder versucht hat. Aber das ist der falsche Weg. Wir dürfen die Machtfrage – entweder die einen Werte oder die anderen – nicht stellen. Die können wir nur verlieren.

Handelsblatt: Aber ist sie überhaupt vermeidbar – und eine gemeinsame Wertvorstellung denkbar?

Wieland: Ja, aber nicht nach den altbekannten Definitionen. Wenn wir etwa unser Verständnis von Menschenrechten weiterhin für ein Universalrecht halten, als Kampfbegriff einsetzen und die Chinesen öffentlich an den Pranger stellen, werden wir keine Gemeinsamkeiten finden. Aber alle Zivilisationen haben eine Vorstellung von Humanität, ohne die jede Kultur instabil wäre. Darauf lässt sich aufbauen.

Handelsblatt: Das klingt abstrakt. Die Erfahrungen deutscher Unternehmen in China dagegen sind sehr eindeutig: nicht eingehaltene Verträge, geklautes Know-how. Sie bilden chinesische Topmanager aus. Was sagen die dazu?

Wieland: Sie geben diese Vorwürfe zu und dann in der Regel spiegelbildlich zurück – und zwar nicht aus strategischen Gründen, sondern weil sie es tatsächlich so wahrnehmen. Sie empfinden es beispielsweise als sehr unfair, dass Chinesen in westlichen Unternehmen häufig weniger Aufstiegschancen haben als westliche Expatriates in Asien. Die sehr kritischen Berichte über die Olympischen Spiele in China haben sie ebenfalls als erniedrigend wahrgenommen. Sie wollten der Welt zeigen, dass sie auf Augenhöhe sind, und hatten dafür Respekt erwartet.


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