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22.05.2012

13:21 Uhr

JU-Chef kontra Kanzlerin

„Als Christdemokrat in NRW fühlt man sich gedemütigt“

VonAndreas Niesmann

ExklusivSven Volmering, stellvertretender Landeschef der NRW-CDU und Vorsitzender der Jungen Union in Nordrhein-Westfalen, rechnet mit der Bundespartei ab. Der Rauswurf Norbert Röttgens sei ein „Schlag ins Kontor“ gewesen. Von der Kanzlerin fordert er einen inhaltlichen und personellen Erneuerungsprozess. Und auch die anderen Landesverbände bekommen im Interview mit Handelsblatt Online ihr Fett weg.

NRW-JU-Chef Sven Volmering: „Fassungslosigkeit und Ohnmacht“.

NRW-JU-Chef Sven Volmering: „Fassungslosigkeit und Ohnmacht“.

Handelsblatt Online: Herr Volmering, die Wahlniederlage, die sie selbst als „desaströs“ bezeichnet haben, ist jetzt eine Woche her. Haben sie den Schock inzwischen verdaut?

Sven Volmering: Nein, verdaut habe ich das in keinster Weise. Das war ein absoluter K.O.-Schlag, den ich in dieser Form nie für möglich gehalten hätte. Ich bin seit 1991 in der Jungen Union und hätte nie gedacht, dass wir mal ein Wahlergebnis von deutlich unter 30 Prozent in einem Flächenland einfahren. Aus meiner Sicht ist da mehr verloren gegangen als eine Landtagswahl.

Nämlich?

Ich glaube, dass diese Niederlage die ganze Union in ihren Grundfesten erschüttert hat. Das sieht man auch an der Stimmung in der Partei, die zwischen Lethargie, Frust, Wut und großer Ratlosigkeit schwankt.

Sie fordern eine schonungslose Analyse der Niederlage. Mit dem Abstand von einer Woche: Woran hat es gelegen?

Natürlich war es ein Fehler, dass sich Norbert Röttgen nicht klar zu Düsseldorf bekannt hat. Das hat er auch selbst gesagt. Das hat im Wahlkampf wie ein Mühlstein um unseren Hals gewirkt, den wir nicht mehr losgeworden sind. Wir sind danach überhaupt nicht mehr in die Offensive gekommen, was auch viele an der Basis gehemmt hat. Die Stimmung für einen Regierungswechsel konnte so nicht entstehen.

Norbert Röttgen hat die Konsequenzen gezogen und seinen Landesvorsitz niedergelegt. War danach der Rauswurf als Umweltminister durch die Kanzlerin noch nötig?

Die Stimmung in der Partei schwankt zwischen absoluter Zustimmung und vehementer Ablehnung dieses Schrittes. Menschlich und politisch nimmt das ganze inzwischen Züge eines Dramas an. Für mich ergeben sich zwei Fragen. Erstens: Wie gehen wir als Christdemokraten miteinander um? Zweitens: Welche Rolle spielt das Thema innerparteiliche Solidarität? Während des Wahlkampfes haben wir Querschläger aus anderen Bundesländern gegen den eigenen Kandidaten erlebt, die es in dieser Form noch nicht gegeben hat. Darüber werden wir noch reden müssen.

Das klingt einer Abrechnung mit anderen Landesverbänden…

Die Frage muss erlaubt sein, wie hier mit der NRW-CDU umgegangen wird. Wir sind der mit Abstand größte Landesverband innerhalb der CDU. Ohne uns kann die Bundespartei bei der nächsten Bundestagswahl nicht erfolgreich sein. Insofern war die Entlassung von Norbert Röttgen für uns ein Schlag ins Kontor. Bundesminister haben eine Signalfunktion. Es kann nicht sein, dass der Mitgliederstärkste Landesverband künftig so schlecht in der Bundesregierung repräsentiert ist. Diesen Zustand muss man nach der kommenden Bundestagswahl abstellen.

Seehofers ZDF-Rundumschlag gegen Röttgen

Röttgens Wahlniederlage - Offizielles Interview

„Ich glaube, wir sollten etwas nicht schönreden, was nicht schön ist. Das ist die bittere Wahrheit. Das war ein Desaster gestern.“

Röttgens Wahlniederlage - Nachgespräch

„Der Röttgen hat gegen die Frau Kraft mit einem Verhältnis 37 zu 34 begonnen. Und innerhalb von sechs Wochen ist das weggeschmolzen wie ein Eisbecher, der in der Sonne steht. Das ärgert mich.“

Lage von Schwarz-Gelb - Offizielles Interview

„Wir haben gewaltige Projekte. Denken Sie an die Energiewende, wo vieles noch nicht gelöst ist. An den Streit um das Betreuungsgeld innerhalb der Union. (...) Das waren alles Dinge, die nicht sehr professionell waren. (...) Das (die Wahlniederlage) war ein gemeinsamer Fehler der ganzen Koalition, CDU, CSU, FDP. (...) (W)ir müssen daraus Konsequenzen ziehen. Ich bin nicht mehr bereit, einfach zur Tagesordnung überzugehen. Wir müssen besser werden, auch in Berlin.“

Lage von Schwarz-Gelb - Nachgespräch

„Wir haben jetzt noch vier Ministerpräsidenten mit FDP-Beteiligung in Deutschland. (...) Wir haben noch sieben Ministerpräsidenten, wenn ich die großen Koalitionen dazutue. Die SPD hat acht. (...) Es zählt dazu jetzt die Europafrage. Das Wachstumspaket in Europa, die Stabilität des Euros, die Inflation, die am Horizont aufscheint, (...) der Schuldenabbau in Deutschland, Umsetzung des Fiskalpaktes. Dies alles wird doch seit Wochen hin und her und rauf und runter diskutiert. Das muss jetzt ein Ende haben. (...) Wissen Sie, was mir so wehtut - weil ich glaube, dass diese Union und die FDP wirklich ein Potenzial haben in Deutschland, um zu regieren. Und wir machen das einfach nicht so gut, dass wir die Zustimmung auch von der Bevölkerung erhalten. Es tut mir leid.“

Röttgens Kandidatur - Offizielles Interview

„Das (Desaster) hatte viele Ursachen in NRW selbst. Zum Beispiel, dass man sich nicht voll für dieses Land entschieden hat. Aber wir müssen Konsequenzen daraus ziehen, auch für unsere Arbeit in Berlin.“

Röttgens Kandidatur - Nachgespräch

„Das war ein ganz großer Fehler. (...) Ja, ich habe mit ihm gesprochen, persönlich und über die „Bild“-Zeitung. Und persönlich hat er mich dann abtropfen lassen. Die Kanzlerin war ja dabei. Im Gegenteil, er hat dann die Medien noch mit dem Argument versorgt, er hätte es uns beiden gezeigt. Und ich habe ihm gesagt: Lieber Herr Röttgen, das ist nicht ihre Privatentscheidung, ob Sie jetzt nach NRW gehen oder nicht. Das trifft die ganze Union. Und wenn Sie das nicht korrigieren, dann wird's uns hart treffen. Und genau so ist es gekommen. (...) Schauen Sie, wer alles aus der Politik davongelaufen ist, obwohl er für vier, fünf Jahre gewählt war. Das hat die Leute schon verstört. (...) Und dann geht ein Kandidat her für das Amt des Ministerpräsidenten und sagt: Ich laufe nicht davon, ich laufe gar nicht hin. Das nehmen die Leute nicht ab.“

Ihnen geht es um den Proporz?

Nicht nur. Es geht darum, wie wir miteinander umgehen. Und da fühlt man sich als Christdemokrat aus Nordrhein-Westfalen gedemütigt, das muss man deutlich sagen.

Gedemütigt?

Angela Merkel war bei vielen Wahlkampfveranstaltungen in Nordrhein-Westfalen mit dabei und hat Norbert Röttgen gelobt. Nach der Wahl wirft sie ihn raus. Das verstehen viele Mitglieder nicht. Viele verstehen auch die öffentliche Streiterei nach diesem Vorgang nicht. Das führt zu viel Fassungslosigkeit und Ohnmacht.

Kommentare (7)

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c788768

22.05.2012, 14:10 Uhr

"die CDU wirkt auf sie wie ein Streber"
zum glück haben die aber kompetenz und denken nach,
die CDU besitzt weder das eine, noch das andere.

"Wie wollen Sie denn die junge Generation wieder erreichen?"
Durch Bundestrojaner, Netzsperren, Kommunikationsüberwachung (mit screenshots vom desktop im 4min takt), Polizeiaufmärsche bei Demonstrationen, Verbot von Demonstrationen, Öffnungszeiten fürs Internet, mehr wendehälsen bei Themen.


"Eine Partei ist dann erfolgreich, wenn sie die Themen aufgreift, die die Menschen bewege."

aha, tja da wähle ich doch lieber Piraten, die bieten nämlich konstruktive! Lösungen an zu Themen die Menschen bewege bzw. bietet an dass jeder seine Ideen/Kompetenzen einbringen kann um Lösungen zu erarbeiten.

Georg.Dietlein

22.05.2012, 14:31 Uhr

Eine Partei, die sich das christliche Menschenbild zur Grundlage setzt, sollte glaubwürdiger, transparenter und ehrlicher werden. Der Autor trifft den Ton der Zeit. Er sollte Generalsekretär einer erneuerten CDU NRW werden.

Account gelöscht!

22.05.2012, 16:16 Uhr

wieso denken selbst jüngere politiker, alles was uns junge menschen bewegt, sei irgendwasmitfacebook und internet und so?
Dass das ganze vielleicht tiefere wünsche nach mehr freiheit und gerechtigkeit verkörpert, da kommt keiner drauf.
Die CDU trägt antiquiert und spießig schon im namen, konservativ gegen freiheitlich und big business gegen gerechtigkeit, dafür steht die CDU für den teil der jungen generation, der sie ganz sicher nicht wählen wird.

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