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25.03.2012

14:20 Uhr

Jürgen Stark

„Das Vertrauen in die EZB geht verloren“

VonMarietta Kurm-Engels, Gabor Steingart, Christian Vits

Der frühere Chefvolkswirt der EZB beklagt, dass sich die Notenbanken in einen Teufelskreis begeben hätten. Im Interview erklärt Jürgen Stark, warum sein Rücktritt zu spät kam und die Inflationsrate bald steigen könnte.

Jürgen Stark war von Juni 2006 bis ende 2011 Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB). dpa

Jürgen Stark war von Juni 2006 bis ende 2011 Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB).

Handelsblatt: Herr Stark, wie weit dürfen Zentralbanken bei der Krisenbewältigung Ihrer Ansicht nach gehen?
Jürgen Stark: Die Zentralbanken müssen eine Rolle spielen in dieser Krise, und ich glaube, diese Rolle haben sie gespielt, als die Krise akut war. Rasches Handeln, Zinssenkungen, solange die Preisstabilität nicht gefährdet ist, und substituierend für den nicht funktionierenden Interbankenmarkt eintreten. Das ist geschehen. Nur, für jede solche Maßnahme gilt: Sie darf nur so lange zur Anwendung kommen, wie das dringend notwendig ist. Es darf aber nicht zu einer Perpetuierung dieses Einsatzes kommen – und diese Perpetuierung sieht man derzeit. Wenn ich die geldpolitischen Bedingungen global betrachte, sind sie heute lockerer als auf dem Höhepunkt der Krise nach Lehman.

Die Notenbanken sind zum neuen Heilsbringer der Politiker geworden.

Es ist eine Erwartungshaltung gegenüber den Zentralbanken entstanden, die sie zum Teil selbst geschürt haben, indem sie sagten, wir stehen bereit, wir retten alle. In dieser Erwartungshaltung sind immer neue Forderungen auf die Notenbanken zugekommen. Im Grunde sollen sie alles tun: Nicht nur Preisstabilität gewährleisten, sondern auch die Arbeitslosigkeit gering halten, die Zinsstruktur über das Fristenspektrum steuern, die notwendigen Bilanzanpassungen mildern. Es ist eine multifunktionale Aufgabe, die den Zentralbanken plötzlich zugewiesen wird – und das gefährdet ihren eigentlichen Auftrag.

Die Europäische Zentralbank hat den Banken im Dezember und Februar mehr als eine Billion Euro für drei Jahre zum günstigen Leitzins zur Verfügung gestellt. Haben Sie für die Einführung der Maßnahme gestimmt?

EZB-Präsident Mario Draghi hat das Thema geöffnet und gesagt, dass ich diesem Vorgehen zugestimmt habe. Ich habe zugestimmt, aber unter anderen Bedingungen, nämlich ohne Zinssenkung im Dezember.

Sind diese Billionensummen, die da zum Einsatz kommen, eigentlich noch beherrschbar?

Wir haben ein Bilanzvolumen der Europäischen Zentralbank von mehr als drei Billionen Euro. Das ist eine enorme Aufblähung. Das heißt, die Bilanz hat sich seit 2007 mehr als verdreifacht und beläuft sich nun auf immerhin etwa 30 Prozent der Wirtschaftsleistung des Euro-Gebiets. Aber es geht nicht alleine um das Volumen.

Worum noch?

Durch diese Dreijahresverpflichtung ist ein Stück Flexibilität der EZB verloren gegangen. Diese langfristigen Kredite ersetzen Operationen mit kurzer Frist. Damit hat sich das, was kurzfristig an Liquiditätssteuerung möglich ist, auf weniger als zehn Prozent der insgesamt bereitgestellten Kredite reduziert. Allerdings gibt es eine Opting-out-Klausel, das heißt, die Möglichkeit, die langfristigen Dreijahreskredite bereits nach Ablauf eines Jahres zurückzuzahlen.

Glauben Sie denn, dass diese Ausstiegsklausel eine Bank wahrnimmt?

Ich weiß es nicht. Die Europäische Zentralbank hat ja auch aktiv für die Teilnahme an dieser Operation geworben. Es sei kein Stigma für die Banken, sich mit dem günstigen Geld zu versorgen.

Ist das nicht eine Subventionierung des Finanzsektors?

Es ist die Ermöglichung sogenannter Carry Trades. Das bedeutet, die Banken erhalten Kredit zu einem Zins von einem Prozent und können in einigen Ländern Staatspapiere kaufen, die mit viereinhalb bis fünf Prozent verzinst werden.

Im Klartext: Das ist der todsichere Profit, eine Einladung an die Banken zum Geldverdienen.

Ja natürlich, sie könnten aber auch die Realwirtschaft finanzieren. Es schreibt ihnen keiner vor, wie sie das Geld verwenden.

Sind wir in eine Staatsfinanzierung eingestiegen?

Wir befinden uns in einem Teufelskreis.

Kommentare (56)

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Dr.NorbertLeineweber

25.03.2012, 14:55 Uhr

Das Interview von Dr. Stark müsste eigentlich jeder Bürger auswendig lernen. Danach wird er gelernt haben, wie die Politik die EZB unterhöhlt und zu einer Finanzierung von Budgetdefiziten (und Leistungsbilanzdefiziten) gemacht hat. Zu meiner Zeit der Promotion vor 25 Jahren hatte ich gelernt und gelehrt, dass es der Supergau ist, wenn die Notenbank eines Landes eine Abteilung des Finanzministeriums ist und die Budgetdefizite finanziert. Dann erfolgte der explizite Hinweis, dass dies bei der Bundesbank nicht möglich sei. Die monierte Politik gäbe es ausnahmslos in ökonomischen Bananenrepbliken in Afrika und Südamerika. Nun, wir haben Afrika (z.B. Simbabwe) und Südamerika nun den Rang abgelaufen. Wir sind in der ökonomischen Bananenrepublik angelangt. Wahrheitgesgemäß hätte Stark noch sagen müssen, dass er vor lauter Bananen das Kotzen gekriegt hat. Nun, eine akademische Ausdrucksweise lässt das nicht zu. Dass unsere Angie nun die Bananen bekommt, die es damals in der DDR nicht gab, sagt eigentlich alles über unser dekadentes und abgewirtschaftete Parteiensystem. Die Bundeskanzlerin weiß nun, dass Sie ihren Amtseid gebrochen und dem deutschen Volk Schaden eingebrockt hat. Das ist die eigentliche Botschaft des Interviews. Es steht eindeutig zwischen den Zeilen dieses hervorragenden Statements. Stark, Weber und Weidmann gehören jeden Tag auf die erste Seite der Presse, bis Schäule die Fresse hält und Merkel vom Volk zum Rücktritt gezwungen wird. Ich war damals 5 Jahre Assistent an einem Lehrstuhl für Wirtschafts- und Finanzpolitik. Die Quellen zu den Bananenrepubliken finden sich unter dem Namen Joachim Jungfer, damls habil. Privatdozent.

GesunderBlick

25.03.2012, 15:22 Uhr

Wer versteht, was gerade passiert mit dem Euro und der EZB, dem wird sehr unwohl sein; für ein "politisches Projekt" wird der gesamte deutsche Wohlstand verzockt. Von allen(!) Blockparteien - es ist denen einfach wurscht. So wie den Nazis die Bevölkerung wurscht war, oder den Sozialisten im Osten die eigene Bevölkerung. Also haben wir wieder einen typische deutschen Willensfanatismus, der die Bevölkerung als Geisel nimmt und bedingungslos bis zum Ende der Katastrophe maschiert.
Und dann die zum großen Teil gleichgeschaltete Presse, die mithilft, die Bevölkerung in trügerischer Ruhe zu belassen. Das Bundesverfassungsgericht, die Instanz, die solche Katastrophen verhindern soll, versagt vollständig. Das haben sich die Väter des Grundgesetzes so nicht gedacht.
Die Claquere, die hier weiterhin für dieses "politische Projekt" trommeln laden Verantwortung auf sich, die sich nie werden abtragen können. Und diese verfluchten Visionen von den überholten Nationalstaaten schafft die Bedinungen, dass Europa vollständig zerstört wird.
Die Historiker werden diesen furchtbaren Irrtum aufschreiben!

Account gelöscht!

25.03.2012, 15:36 Uhr

Ich wuenschte, wir haetten Politiker mit der Denke wie Herr Stark sie hat und auch mit dem Mut diese oeffentlich kundzutun.

Aber der Satz klingt ja schon so, als ob Frau Merkel froh war Herrn Stark loszuhaben:

"Wie hat Bundeskanzlerin Angela Merkel auf Ihre Entscheidung regiert?

Verhalten. Mit dem Hinweis, sie wisse, dass es zwecklos sei, mich umstimmen zu wollen."

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