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30.05.2014

17:14 Uhr

Junge Alternative

Die Möchtegern-Rebellen

VonTimo Steppat

Sie sind rückwärtsgewandt und stramm rechts: Die Jugendorganisation der AfD sorgt bei Facebook für Furore. Ein Landesverband kooperiert offenbar mit der Jungen Union. Ist die Junge Alternative ein rechter Testballon?

Mit skurrilen Aktionen sorgt die Junge Alternative vor allem in den sozialen Netzwerken für Furore. 90 Prozent der Mitglieder sind auch in der AfD.

Mit skurrilen Aktionen sorgt die Junge Alternative vor allem in den sozialen Netzwerken für Furore. 90 Prozent der Mitglieder sind auch in der AfD.

KölnNein, eigentlich hält Philipp Ritz nichts von Parteien, von Funktionären, von Politikern generell. „Es gibt immer einen Punkt, an dem sie korrupt werden, um ihre Macht zu sichern.“ Während Philipp Ritz das sagt, hat sich auf der Bühne seine Parteiführung versammelt. Es ist der Höhepunkt vom Wahlkampfauftakt der Alternative für Deutschland in Köln, das siegesgewisse Abschlussfoto für die Europawahl. Aus einer Kanone feuert Lametta, blaue Ballons steigen auf. Eigentlich müsste Philipp Ritz dort oben stehen, denn eigentlich ist er inzwischen selbst ein Parteifunktionär. Er bleibt abseits, etwa zehn Meter neben der Bühne. „Das Rampenlicht ist was für andere“, sagt er.

Seit Anfang Februar ist Philipp Ritz Bundesvorsitzender der Jungen Alternative, der Jugendorganisation der AfD. Ihn kennt fast niemand, ebenso wenig die Junge Alternative (kurz: JA). Aber viele haben die schrillen Bildmontagen gesehen, die Ritz und seine JA bei Facebook regelmäßig veröffentlichen.

Philipp Ritz, 32, schwarzer Anzug, rosafarbenes Hemd, akkurat gegelte Haare, steht auf dem Vorplatz des Kölner Doms, die Hände in den Taschen. Eine Jazz-Band spielt, gleich sprechen die Spitzenkandidaten. Ein Feuerwehrauto mit der Aufschrift „Eurowehr“ fährt auf die Domplatte. Gerade will er erklären, wieso er glaubt, dass es Deutschland ohne den Euro besser gehen würde, da kommt ein Parteifreund auf ihn zu. „Hast du die geilen Flyer gemacht?“ Philipp Ritz nickt. „Die sind echt der Hammer.“ Ritz lächelt stolz.

Wie die AfD-Jugendorganisation tickt

Organisation

Die Junge Alternative wurde im Juni 2013 gegründet. Sie hat 450 Mitglieder und inzwischen zehn Landesverbände. Im Februar 2014 bildete sich nach einigen Querelen ein neuer Vorstand. Vorsitzender ist Philipp Ritz, sein Stellvertreter ist Damian Lohr.

Plakate werden zu Aufregern

Auf einem Plakat der JA NRW ist der Präsident des Europäischen Parlaments Martin Schulz (SPD) mit gestrecktem Arm in Schwarz-Weiß zu sehen. „Keine Großreiche! Für niemanden!“ Schulz wollte eine Unterlassungserklärung erwirken. Aufgrund eines Plakats des Bundesverbands leitete Brandenburgs Justizminister Ermittlungen gegen die Jugendorganisation ein. „Selbstjustiz ist die neue Polizei – Die Politik schaut weg. Wir schauen hin!“, lautete der Text auf einem Plakat.

Programmatik

Die Jugendorganisation stimmt in Kernpunkten mit der Partei überein. Zusätzliche Schwerpunkte bilden die Themenbereiche Bildung, innere Sicherheit und Volksentscheide. Die JA will eine eigene Handschrift entwickeln und Thesen klarer als die Mutterpartei formulieren, heißt es.

Verbindung zu rechten Burschenschaften

Der zweite stellvertretende Vorsitzender der JA Benjamin Nolte musste zurücktreten. Er ist Mitglied einer rechtskonservativen Münchner Burschenschaft. Laut Medienberichten soll er zu einer Gruppe gehört haben, die sich geweigert hat, bei einer Versammlung von Verbindungen den Saal zu betreten, da ein dunkelhäutiger Burschenschaftler anwesend war. Diesem soll Nolte anschließend eine Banane überreicht haben.

Verhältnis zur AfD

Die AfD-Jugend ist kein offizieller Teil der Partei. Bisher gibt es keine Pläne, sie anzugliedern oder  anzuerkennen. Die JA bekräftigt aber, es gebe einen regen Austausch mit der Partei und ihrer Führung. 90 Prozent der JA-Mitglieder gehören auch der AfD an.

Alle paar Tage setzt sich Philipp Ritz an seinen Computer und bastelt mit Photoshop neue Themenplakate. Da ist dann etwa die Rückenansicht von fünf Frauen in knappen Bikinis zu sehen. „Gleichberechtigung statt Gleichmacherei“ steht darunter. „P(r)o Vielfalt in Europa.“ Damit hat es die Junge Alternative sogar als „Verlierer des Tages“ in die Bild-Zeitung geschafft. Aber: „Aufmerksamkeit ist Aufmerksamkeit“, sagt Philipp Ritz. „Das war nicht bloß ein Scherz.“ Mit dem Vorstand der JA hat er sich einige Gedanken gemacht. Die Frauen auf dem Bild haben unterschiedliche Hautfarben, Poformen, Haarschnitte. Das symbolisiert die Vielfalt in Europa, sagt er. Sexismus? „Naja“, Ritz wiegt den Kopf. „Die Frauen haben sich ja freiwillig fotografieren lassen.“

„Selbstjustiz ist die neue Polizei“

Als Ritz gerade ein paar Tage Vorsitzender war, hat er sich seine erste Facebook-Kampagne ausgedacht. Mitglieder der Jungen Alternative halten Schilder hoch, auf denen Sätze stehen wie „Ich bin kein Feminist, weil Hausfrau ein Beruf ist“ oder „Ich bin keine Feministin, weil ich selbst was in der Birne habe.“ Die Emma warf der JA vor, rückwärtsgewandt zu sein, antiemanzipatorisch. Sogar in Saudi-Arabien wurde über die Kampagne von Philipp Ritz berichtet: Junge Deutsche kämpfen gegen die Übermacht der Frauen, hieß es. Einige hundert Mal wurden die Bilder geteilt, fast 3000 Follower gewann die Junge Alternative bei Facebook hinzu. „Besser hätte es wirklich nicht laufen können“, sagt Ritz und fängt an zu kichern.

Kommentare (5)

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Account gelöscht!

30.05.2014, 17:47 Uhr

Ich bin schon etwas älter und finde es sehr gut was die junge Alternative macht. Das ist keineswegs rückwärtsgewandt, das ist die Zukunft für Deutschland. Haben leider noch nicht alle erkannt, aber das kommt schon noch. Die AfD ist Deutschlands letzte Möglichkeit.

Account gelöscht!

30.05.2014, 18:13 Uhr

"Sie sind rückwärtsgewandt und stramm rechts"

Das könnte auch direkt aus der Feder des Neuen Deutschlands von 1989 kommen. Kein Unterschied.

Das sich das einstmals ehrwürdige Handelsblatt zu so einer piefigen Diffamierungskampagne hergibt ist bezeichnend und traurig.

Aber ob der Leser für diese "Unterweisungen" auch Geld bezahlen möchte?

Account gelöscht!

30.05.2014, 18:38 Uhr

Man sollte auf diese medialen Störfeuer gar nicht reagieren.

Don't feed the Troll wäre hier angesagt.

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