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05.11.2011

15:00 Uhr

Kämpfer für Europa

Schäuble und die endlosen Krisentage

VonStephan-Andreas Casdorff
Quelle:Tagesspiegel

Auch er, der Finanzminister und Europakämpfer, ist überrascht, von dem was in Athen passiert, dass Papandreou alles aufs Spiel setzen will. Das sagt Wolfgang Schäuble. Und seine Miene sagt nichts anderes.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat anstrengende Wochen hinter sich. dpa

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat anstrengende Wochen hinter sich.

Diese Stille in seinem Zimmer. Und so aufgeräumt ist es. Keine Akten liegen herum, als warteten sie dringend darauf, gelesen zu werden. Ein paar Papiere auf dem Schreibtisch, der Konferenztisch ist leer. Die Stühle stehen gerade. Alles hat seine Ordnung. Alles ist in Ordnung, möchte man meinen. Und er ist Herr der Situation.

Ist er auch Herr der Lage? Wolfgang Schäuble wirkt, man mag es kaum schreiben, tiefenentspannt. Er trägt Hemd ohne Krawatte, die Haare sind gestutzt, die randlose Brille, die er seit geraumer Zeit hat, ist sauber. Keine Fingerabdrücke darauf, keine verschmierte Sicht, das sieht man gegen das Licht. Guter Durchblick, fällt einem automatisch ein, aber wahrscheinlich auch, weil es gut wäre, wenn es so wäre.

Schäuble lächelt. Sogar freundlich. Was angesichts dieser Gesamtsituation durchaus überrascht und heiter stimmt.

Die Ergebnisse des Euro-Gipfels

Neues Griechenland-Paket

Griechenland wird ein neues Hilfspaket von 100 Milliarden Euro bekommen. Es soll bis Jahresende endgültig ausverhandelt sein. Im Juli hatten die Regierungen der Euroländer ursprünglich 109 Milliarden Euro öffentliche Hilfe beschlossen. Diese war aber nie abschließend auf den Weg gebracht worden. Nun kommen allerdings zusätzliche Garantien in Höhe von 30 Milliarden Euro als Beitrag des öffentlichen Sektors für den Schuldenschnitt hinzu.

Schuldenschnitt

Die Privatgläubiger wie Banken und Versicherungen werden stärker am neuen Griechenland-Paket beteiligt als bisher angenommen. Bereits im Juli hatte die Eurozone beschlossen, die Privatgläubiger mit einem freiwilligen Abschlag auf griechische Staatsanleihen von 21 Prozent ins Boot zu holen. Nun sind es 50 Prozent.

Rettungsfonds EFSF

Die Schlagkraft des Rettungsfonds EFSF wird mit einem sogenannten Hebel auf eine Billion Euro vervielfacht. Derzeit kann der Fonds 440 Milliarden Euro Kredite vergeben. Der EFSF wird nun teilweise das Risiko eines Zahlungsausfalls für Schuldtitel gefährdeter Euro-Staaten übernehmen. Er bietet quasi eine Art Teilkaskoversicherung, wenn Schuldenstaaten neue Anleihen ausgeben. Zudem soll ein neuer Sondertopf geschaffen werden, an dem sich der Internationale Währungsfonds IWF beteiligt. Dieser Fonds investiert in Anleihen, die der EFSF ebenfalls zum Teil absichert. Dabei könnten ausländische Investoren wie Staatsfonds aus China mitmachen.

Mehr Kapital für Banken

Führenden Banken Europas müssen sich gut 106 Milliarden Euro frisches Kapital besorgen. Nur so kann die Branche nach Berechnungen der Europäischen Bankenaufsicht (EBA) den Schuldenerlass zu verkraften. Deutsche Banken brauchen frisches Kernkapital in Höhe von 5,18 Milliarden Euro. Beschluss des Gipfels aller 27 EU-Staaten vom Mittwoch.

Stärkere Aufsicht

Die Wirtschafts- und Haushaltspolitik der 17 Eurostaaten wird stärker beaufsichtigt. Zweimal im Jahr wird es Gipfeltreffen der Euroländer geben, um Strategien festzulegen. Die Gipfel der Eurozone sollen auf Dauer einen eigenen Chef bekommen. Zunächst nimmt der ständige EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy das Amt wahr.

Dabei ist die Lage da, hätte der alte Konrad Adenauer gesagt, der erste Kanzler der Republik West, wie man hinzufügen muss. Inzwischen ist Deutschland wieder beisammen, beide Teile, beide Staaten wachsen zusammen, und was sich Adenauer vielleicht erträumt hat, was dessen Nachfolger Ludwig Erhard vielleicht mal erkaufen wollte – das also hat dieser Mann, der da vor einem sitzt, als Architekt der deutschen Einheit gemacht. Ein harter, zäher, gewiefter Unterhändler. Schäuble hat Adenauer auch noch gekannt. Und sieht sich jetzt gefordert, mit allem, was er gesehen, erlebt, gelernt hat, die zweite Grundfeste Adenauers zu sichern: Europas Einigung.

Ja, bald gehört auch Schäuble zum Gründungsmythos der geeinten Republik. So oder so wird Schäuble dazugehören, ob er bleibt oder geht, in der Regierung oder im Bundestag. Es wird sein letztes großes Amt sein, das des Bundesministers der Finanzen, wenn nicht alles täuscht. Immerhin ist er 69 und sitzt im Rollstuhl. Allerdings weiß man bei einem wie ihm nie, seine Wechselfälle des Lebens sind gewaltig. So, wie man auch nicht immer weiß, was er wirklich will. Manchmal, das ist sein großes Geheimnis, weiß er es selbst nicht. Da gerinnt dann nachträglich zur Strategie, was vorher keine war. Aber eines weiß inzwischen doch wohl bald jeder in der Republik: dass er das, was er gerade macht, gut machen will, besser als jeder andere vor ihm. Das ist die Eitelkeit, die er sich erlaubt.

Kommentare (7)

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Baier

05.11.2011, 15:47 Uhr

die Überschrift hiesse besser "Klempner für Europa", wenn man die bisherigen Chaosaktivitäten aller Beteiligten betrachtet. Und am Ende werden sie es schaffen, dass Europa zerstritten ist, der Euro auseinanderfällt und dann doch auf die bösen "Märkte" schimpfen.

Voltaire

05.11.2011, 19:36 Uhr

Jonathan Swift, Gullivers Reisen

Drittes Kapitel

„Am meisten Spaß machten mir die Seiltänzer, die ihre Kunst auf einem dünnen weißen, etwa zwei Fuß langen und zwölf Zoll über dem Boden gespannten Faden vorführen. Ich bitte den Leser um Geduld, wenn ich mir die Freiheit nehme, hierüber etwas ausführlicher zu berichten.

Diese Kunst wird nur von solchen Leuten ausgeführt, die als Kandidaten für eins der hohen Hofämter in Frage kommen. Sie werden darin schon von Kind an trainiert, und es sind keineswegs immer sehr vornehme oder feingebildete Leute. Wird eines der Hofämter frei – entweder dadurch, daß der Betreffende stirbt oder (was oft genug vorkommt) in Ungnade fällt -, dann flehen fünf oder sechs dieser Kandidaten den Kaiser an, sich vor Seiner Majestät und dem Hof als Seiltänzer produzieren zu dürfen. Wer, ohne herunterzufallen, am höchsten springt, erhält das Amt. Sehr oft wird selbst den höchsten Ministern befohlen, ihre Geschicklichkeit zu zeigen und dem Kaiser zu beweisen, daß sie ihre Sprungfähigkeit nicht verloren haben. Flimnap, der Finanzminister, gilt allgemein als der beste Springer, weil er auf dem straff gespannten Seil mindestens einen Zoll höher springt als alle anderen Herren des Reiches.“

Wäre interessant zu erfahren, was Dr. W. Schäuble für das Amt des Bundesfinanzministers qualifiziert?

Account gelöscht!

05.11.2011, 21:57 Uhr

Hr. Schäuble muss seine Ruhe finden und wird am Ende die richtige Entscheidung treffen. Ansonsten waer er Teil einer Versagensmaschine, und das will doch keiner von uns braven Michels. Vielleicht kennt er den gesamten Schuldenumfang, das Oberrumgezocke aller Banken mit ihren so verschleierten Mechanismen, und wir stehen kurz vor dem
ganz grossen Sprung ?. Vertraut der CDU/CSU.....

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