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12.06.2012

15:06 Uhr

Kampf gegen den Stress

Von der Leyen will Firmenhandys nach Feierabend abschalten

Immer mehr Deutsche sind auch nach Feierabend für die Firma erreichbar. Stressbedingte Erkrankungen nehmen zu. Die Arbeitsministerin will nun gegensteuern - und fordert "glasklare Regeln". Das Echo ist nicht nur positiv.

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU): knallharter Strafenkatalog. dpa

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU): knallharter Strafenkatalog.

BerlinAngesichts zunehmender Stressbelastung von Arbeitnehmern hat Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) von Unternehmen klare Regeln zum Umgang mit Smartphones, Handys und Computern gefordert. "Das Arbeitsschutzgesetz verlangt mit seinem knallharten Strafenkatalog von jedem Chef, dass er Körper und Geist seiner Mitarbeiter aktiv schützt - werktags genauso wie am Wochenende", sagte die Ministerin der "Bild"-Zeitung.

In der Praxis bedeute dies, es müsse "glasklare Regeln" geben, zu welchen Uhrzeiten ein Mitarbeiter erreichbar sein müsse und wann er dafür einen Ruheausgleich bekomme, sagte von der Leyen. Dazu zähle auch, festzulegen, wann ein Mitarbeiter Mails checken müsse und wann es in Ordnung sei, dass er sich später darum kümmere. Die neue Technik stelle kein Problem für die Gesundheit dar, fügte von der Leyen hinzu: "Wir müssen nur lernen, vernünftig damit umzugehen", sagte sie.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund forderte von der Bundesregierung klare Regeln zur Erreichbarkeit von Arbeitnehmern in ihrer Freizeit. Das Arbeitsschutz-Gesetz müsse durch eine Anti-Stress-Verordnung ergänzt werden, sagte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Dem DGB-Index für Gute Arbeit zufolge müssten 60 Prozent der Arbeitnehmer auch in ihrer Freizeit erreichbar sein, 33 Prozent sogar oft oder sehr oft.
Die ständige Erreichbarkeit führe zu "erheblichen Problemen für die Gesundheit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, aber auch für die Wirtschaft selbst", sagte Buntenbach. So sei die Zahl psychischer Erkrankungen in den vergangenen Jahren "geradezu explodiert": "Seit 1994 sind die Fehlzeiten aufgrund psychischer Leiden um 80 Prozent gestiegen. Arbeitsbedingte psychische Erkrankungen sind der Hauptgrund für Erwerbsminderung."

Wie Sie ein charmantes „Nein“ sagen können

1. Erbeten Sie sich Bedenkzeit.

Sagen Sie nicht sofort zu, sondern erbeten Sie sich eine gewissen Bedenkzeit. So können Sie in Ruhe nachdenken, wie wichtig Ihnen die Sache ist. Vor allem aber wirkt dieses Nein nicht mehr so hart, wenn Sie es etwas verzögert aussprechen.

2. Spielen Sie mit der Stimme.

Wenn Sie aus irgendwelchen Gründen doch sofort antworten wollen, gibt es folgende Möglichkeit: Sprechen Sie nicht sofort ein Nein aus, sondern seufzen Sie ein bedenkliches „Hmmm“ zuvor. Hiermit signalisieren Sie, dass Sie es sich nicht leicht gemacht haben.

3. Sagen Sie das Nein in einem höflichen Ton.

Weder rechtfertigend, noch aggressiv sollte es herüberkommen. Höflich, aber klar in der Stimme.

4. Sprechen Sie Ihr Gegenüber am besten persönlich und mit Blickkontakt an.

Es wirkt freundlicher und ist auch verbindlicher. „Herr XY, es ist schade, dass ...“

5. Beginnen Sie positiv.

Sie erreichen mehr Verständnis, wenn der Satz mit etwas Positivem beginnt. „Ich würde wirklich gerne, aber ...“ oder „Ich wäre gerne eingesprungen, aber leider ...“

6. Signalisieren Sie Wertschätzung.

Bringen Sie zum Ausdruck, dass es Sie freut, dass man an Sie gedacht hat, aber ...

7. Bringen Sie ein gewisses Bedauern zum Ausdruck.

„Es tut mir leid, das ist jetzt wirklich schade ...“

8. Sie können auch ganz offen sein.

Sagen Sie dem Gegenüber, Sie sind gerade dabei, Ihre Verpflichtungen zu reduzieren, weil Sie sich zu sehr im Hamsterrad befinden. Und im Moment arbeiten Sie daran, dass die Verpflichtungen weniger werden und haben entschlossen, derzeit nichts Neues mehr hinzuzunehmen.

9. Sie können sich über „Prinzipien“ helfen.

In dem Moment, wenn Sie etwas prinzipiell nicht machen, fühlt sich Ihr Gegenüber nicht persönlich abgelehnt.

10. Bringen Sie Verständnis ins Spiel.

„Deine Bitte ist gut nachvollziehbar und ich kann das auch gut verstehen. Desto mehr finde ich es schade ...“

Buntenbach forderte "mehr Beratung, Kontrolle und im Zweifel auch Sanktionen für die Arbeitgeber". Nur so könne sich die Erkenntnis flächendeckend durchsetzen, dass Unternehmen die Gesundheit der Beschäftigten besser schützen müssen. "Wohlklingende Appelle" der Bundesarbeitsministerin reichten dafür aber nicht aus. Eine Anti-Stress-Verordnung müsse deshalb die klaren Regeln definieren, die auch von der Leyen gefordert habe.

Die Arbeitgeber reagierten zurückhaltend. "Kein Arbeitnehmer ist verpflichtet, mehr zu leisten, als er vertraglich schuldet", sagte ein Sprecher der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Umgekehrt solle Leistungsbereitschaft aber nicht zwangsweise eingeschränkt werden.

Acht Schritte zu mehr Zeitsouveränität

Begeben Sie sich unter die Glocke.

Arbeiten Sie eine Stunde täglich konzentriert am „Wichtigsten“, bevor Sie E-Mails zulassen oder sonstige Kommunikationsmittel. Kein Telefon, gar nichts. Eine Stunde konzentriert. In dieser Stunde können Sie extrem viel erreichen. Manche machen ja in einer halben Stunde das, was andere in acht Stunden erreichen.

Bringen Sie den inneren Automaten zum Schweigen.

„Geht nicht!“, wird Ihnen jetzt Ihr innerer Automat sagen. Ich höre es förmlich, wie er sagt: „Das geht nicht, das geht nicht.“ Ich höre es so häufig. Unser Automat beherrscht uns schon so stark, dass wir gar nicht mehr merken, wie wir unser Hamsterrad selbst drehen und beschleunigen. Ganz einfach. Wenn Sie stundenlang im ach so wichtigen Meeting sitzen, geht es da, dass Sie mal zwei, drei Stunden keine E-Mails checken, dass Sie mal zwei, drei Stunden telefonisch nicht erreichbar sind? Es ist nur der innere Automat, der glaubt, wir müssten zuerst E-Mails angucken. Es ist der Automatismus, es ist das Hamsterrad. Selbst wenn Sie es nur zwei- bis dreimal in der Woche schaffen, den Tag mit einer Stunde konzentrierter Arbeit zu beginnen, versichere ich Ihnen, dass Ihre Produktivität steigt; genauso wie Ihre Zufriedenheit und Ihr Wohlgefühl.

Tipp 1: Bringt mich das, was ich gerade tue, wirklich an mein Ziel?

Es kann passieren, dass Sie diese Frage manchmal in ganz komische Situationen bringt, vor allem wenn Sie gerade einer Alibitätigkeit nachgehen, die Sie nur ablenkt. Wenn Sie natürlich angestellt sind und gezwungen sind, solche Dinge zu tun, arbeiten Sie es ab, aber kehren Sie schnell zu dem zurück, was Sie wirklich ans Ziel bringt. Es geht gar nicht darum, die Ziele zu erreichen, es geht um das Gefühl, Produktives zu bewegen - gehen Sie raus aus dem Hamsterrad und machen Sie nicht alles automatisch!

Tipp 2: Verplanen Sie niemals Ihre komplette Zeit.

Egal, wie genau Sie planen, es wird immer etwas dazwischenkommen. Der Anruf, die Tür geht auf, etc. Also schaffen Sie sich „Pufferzeiten“ für eine reale Zeitplanung - Sie sollten also je nach individueller Situation ca. 10 bis 20 Prozent Pufferzeit von vornherein einplanen.

Tipp 3: Wie Sie Zeitfenster realistisch einplanen.

Wenn wir einen Vorgang planen, unterschätzen wir oft den Zeitbedarf. Das Mitarbeitergespräch „geht doch nebenbei“ und das Meeting bereite ich „locker in 30 Minuten vor“. Denken Sie nicht nur an das fertige Ergebnis, sondern machen Sie sich auch den Weg bewusst. Gehen Sie gedanklich alle Schritte durch, alle Details, die Sie beachten müssen, die Besorgungen, die im Vorfeld erledigt werden müssen. Beziehen Sie Überlegungen mit ein, wie viel Zeit diese Aufgabe in der Vergangenheit bereits in Anspruch genommen hat. Dadurch erhalten Sie eine realistische Einschätzung des Zeitbedarfs.

Tipp 4: Ertappen Sie Ihren inneren Schweinehund.

Sie kennen das wahrscheinlich auch: Eine Arbeit ist mühsam, unbequem oder ungeliebt und da tauchen plötzlich fünf neue Aufgaben auf, die doch auch sofort erledigt werden müssen. Hier passiert nichts Anderes, als dass der Schweinehund Ihren inneren Dialog übernimmt und Ihnen ins Ohr flüstert: „Hallo, da gibt es noch eine Alibitätigkeit, so kannst du vielleicht noch um die unangenehme Sache herumkommen.“ Erkennen Sie, wenn der Schweinehund den Dialog übernimmt. Von vielen Teilnehmern höre ich, dann wenn Sie keine Lust auf die anstehende Arbeit haben, wird noch kurz der Maileingang überprüft. Vielleicht naht hier ja die Rettung. Machen Sie Schluss mit diesen Ablenkungsaufgaben!

Tipp 5: Zack und weg.

Wenn in den letzten Tagen (Wochen) einiges in den Rückstand geriet, lassen wir uns manchmal von unserem schlechten Gewissen leiten. Und wir meinen dann, die liegen gebliebenen Aufgaben besonders sorgfältig erledigen zu müssen. Wenn Sie das tun, benötigen Sie mehr Zeit und geraten natürlich mit den neuen Aufgaben schon wieder in den Rückstand. Und so geht der Kreislauf, den Sie ja nicht wollen, gleich wieder weiter. Gewöhnen Sie sich bei diesen „Alltagsaufgaben“ an „Zack und weg!“.

Tipp 6: Pünktlichkeit in Meetings.

Es ist enorm, wie viel Zeit wir häufig mit Meetings verlieren. Ich meine nicht das Meeting selbst (dass diese manchmal nicht produktiv sind, ist ein eigenes Thema), sondern der Start und das Ende. Viele Meetings beginnen nicht pünktlich, fünf Personen warten auf einen und das geplante Ende scheint nur eine „angedachte Empfehlung“ zu sein. Sollten Sie Einfluss auf den Verlauf Ihrer Meetings haben, sorgen Sie für eine bessere Meetingkultur. Neben einem pünktlichen Start ist eben auch eine Agenda und deren Einhaltung erforderlich, um ein pünktliches Ende zu gewähren.

Tipp 7: Komprimierte E-Mail-Zeit.

Wenn Sie zulassen, dass E-Mails während des ganzen Tages auf Sie hereinprasseln, dann kann es sein, dass Sie dadurch sehr häufig abgelenkt werden und aus laufenden Arbeiten herausgerissen werden. Gewöhnen Sie sich an, Mails nur an einem festen Zeitpunkt pro Tag zu bearbeiten. Dieser kann täglich variieren, er muss ja nur individuell festgelegt werden. Aber vor allem, begrenzen Sie das Zeitfenster. Legen Sie fest, z.B. maximal eine Stunde an den Mails zu arbeiten. Sie werden dadurch wesentlich effizienter, denn wenn Sie wissen, dass die Zeit begrenzt ist, werden Sie systematischer und schneller mit der Bearbeitung vorangehen. Dies gilt allerdings nicht für Smartphones. Denn hier ist es eher praktisch, manche Mails auch von unterwegs schnell zu erledigen, wenn Sie Wartezeiten bei Terminen haben oder sich bei einer Fahrt auf dem Beifahrersitz befinden. Dann kann man die Zeit tagsüber oft wertvoll nutzen.

Tipp 8: E-Mails kürzen.

Dieser Tipp lässt sich bei großen Unternehmen oft nur schwer auf den gesamten Mailverkehr umsetzen, da hierfür eine Entscheidung „von oben“ fällig wäre. Sie können dies aber sehr gut mit den Menschen vereinbaren, mit denen Sie in häufigem Kontakt stehen. Und zwar Formulieren Sie kurze Nachrichten bzw. Antworten komplett in der Betreffzeile. Dadurch braucht Ihr Gegenüber die Mail gar nicht mehr zu öffnen. Enden Sie mit dem Kürzel „eom“ (end of message) und der andere weiß Bescheid. Dies sieht dann in der Betreffzeile folgendermaßen aus: „Danke für die Erledigung! (eom)“

Kommentare (66)

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Account gelöscht!

12.06.2012, 15:13 Uhr

Welches Kino ist das jetzt? Hab da noch ne Idee, Betreuungsgeld für gestresste Mitarbeiter. Wenn das nicht hilft, gibts noch die Pharmaindustrie.
Mehr als 48 Stunden muß niemand erreichbar sein, lt. AZO.
Aus die Maus, kein Mitarbeiter wird sich an "Anti-Stress-Verordnungen" halten (können), wenn er was erreichen will, er hält sich ja schon nicht an die AZO.
Pychoszenarien einer vielbeschäftigten Mutter und einer unterbeschäftigten Gewerkschaftsorganisation, die ihre Sekretäre selbst 80 Stunden die Woche arbeiten läßt?
Ein anderes Kino bitte!

Account gelöscht!

12.06.2012, 15:26 Uhr

Offensichtlich sieht sich Frau von der Leyen genötigt, täglich neue Beweise für die Verblödung der Politiker vorzulegen. Wie soll der Krempel kontrolliert werden? Man ist nicht in der Lage, die desaströsen Machenschaften bei den Paketdiensten mit Arbeitszeiten von 20 Stunden zu strafrechtlich zu verfolgen (obwohl öffentlich darüber berichtet wird) oder das Telefonieren mit dem Handy am Steuer zu unterbinden, aber neue Gesetze sollen folgen. Dieser Frau ist jedwede Realitätsnähe abhanden gekommen. Schade ist es nur, daß sich solcher Mob auf die Kosten der arbeitenden Bevölkerung in den Medien breitmachen kann.

Setzt das um, was Gesetz ist und schafft lautsprechende Politiker, die lediglich ihre Neurosen öffentlich ausleben, in die geschlossenen Anstalten. Frau von der Leyen ist in der politischen Landschaft so angebracht wie eine Ansammlung Ungeziefer in einer Brotfabrik.

Tabu

12.06.2012, 15:34 Uhr

als ob wir grad keine anderen Probleme hätten.
Aber die Ministerien wollen ihre Daseinsberechtigung
unter beweis stellen..Zur Zeit braucht sie aber keiner..
Dürfen eh ihre Gehälter in Geschenkpapier einwickeln..
Vom geschröpftem Steuerzahler..

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