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10.10.2016

19:54 Uhr

Kampf gegen den Terror

Ende einer Flucht im Leipziger Plattenbau

Elitepolizisten ist er entwischt. Nach zwei Tagen endet die Flucht des mutmaßlichen Terroristen Dschaber al-Bakr in einem Leipziger Plattenbau. Diesmal ist er schon von Landsleuten gefesselt, als Beamte ihn abholen.

Verdächtiger Syrer gefasst

Freude über engagierte Syrer bei Festnahme von Extremisten

Verdächtiger Syrer gefasst: Freude über engagierte Syrer bei Festnahme von Extremisten

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LeipzigVom Schirm der Sicherheitsbehörden verschwunden, der Polizei entwischt: Nach zwei Tagen europaweiter Fahndung ist Dschaber al-Bakr, ein syrischer Flüchtling unter Terrorverdacht, gefasst. Zu verdanken ist das dem mehrsprachigen Aufruf der Polizei bei Facebook und Twitter und drei beherzten Landsleuten. „Der Tatverdächtige ist uns in gefesseltem Zustand übergeben worden“, sagt der Präsident des sächsischen Landeskriminalamtes (LKA), Jörg Michaelis, am Montag in Dresden. Wenige Stunden zuvor haben Polizisten den 22-Jährigen, der ein Sprengstoffattentat vorbereitet haben soll, in einer Wohnung im Plattenbauviertel Leipzig-Paunsdorf abgeholt. Was war geschehen?

Kurz vor Mitternacht kommt ein Syrer in das Polizeirevier Südwest am anderen Ende der Stadt. Er zeigt ein Handyfoto von einem Mann in seiner Wohnung, den er und ein Freund für den gesuchten Dschaber al-Bakr halten, wie Mohammed A. bei RTL erzählt. Wenig später holen Polizisten den Gesuchten in der fast 20 Kilometer entfernten Hartriegelstraße 14 ab, noch bevor das SEK eintrifft.

Der Terrorverdächtige, dessen Festnahme zwei Tage zuvor in Chemnitz missglückte, leistet keinen Widerstand. Dschaber al-Bakr wird in die Polizeidirektion Leipzig gebracht. Die Ermittler sind sicher: Er ist es. Wo sich der Syrer seit Freitag aufgehalten hat, können sie bisher nicht sagen.

Auch zu den Umständen seiner Flucht aus dem DDR-Neubaugebiet in Chemnitz geben die Behörden keine Auskunft. Bis Freitag soll er sich dort noch in einer Wohnung aufgehalten haben. Als die am Samstag von Spezialeinsatzkräften gestürmt wird, ist sie leer. Und die Ermittler sind nicht sicher, ob er der Mann war, der zuvor aus dem Haus gekommen und nach einem Warnschuss geflüchtet war. Al-Bakr war im Februar 2015 über München nach Deutschland gekommen.

Wie Dschaber al-Bakr die Ermittler in Atem hielt

10. Januar 1994

Dschaber al-Bakr wird südlich von Damaskus geboren.

19. Februar 2015

Der Syrer reist nach Deutschland ein, wird in München registriert und zur Erstaufnahme in Chemnitz weitergeleitet.

10. März 2015

Al-Bakr zieht nach Eilenburg in Nordsachsen.

9. Juni 2015

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gibt dem direkt am 19. Februar gestellten Asylantrag von al-Bakr statt. Der Syrer erhält einen auf drei Jahre befristeten Aufenthaltstitel.

September 2016

Der Bundesnachrichtendienst und das Bundesamt für Verfassungsschutz werden auf den 22-Jährigen aufmerksam. Die Hinweise verdichten sich. Der Syrer recherchiert im Internet über die Herstellung von Sprengsätzen und beschafft – vermutlich mit einem 33-Jährigen Komplizen – die Grundstoffe dafür.

6. Oktober 2016

Das Bundesamt für Verfassungsschutz macht Al-Bakr als Schlüsselfigur eines geplanten Anschlages des Islamischen Staates in Deutschland aus. Er soll sich gegen Züge oder Berliner Flughäfen richten. Al-Bakr wird ab sofort rund um die Uhr observiert.

7. Oktober 2016

Al-Bakr will im Ein-Euro-Shop Heißkleber kaufen. Für die Ermittler ist das ein Signal, dass er eine Bombe fertigstellen will. Der Verfassungsschutz benachrichtigt die Polizei in Chemnitz über mutmaßliche terroristische Vorbereitungen in der sächsischen Stadt. Es bestehe der Verdacht, dass ein Sprengstoffgürtel kurz vor der Fertigstellung oder gar einsatzbereit sein könnte.

8. Oktober 2016

Die Polizei versucht, al-Bakr in der Wohnung eines Bekannten in Chemnitz festzunehmen. Ein Mann, möglicherweise al-Bakr, verlässt das Haus und flüchtet trotz Warnschuss. Der Syrer wird bundesweit zur Fahndung ausgeschrieben. Die Beamten stellen in der Wohnung 1,5 Kilo TATP-Sprengstoff sicher, der kontrolliert gesprengt wird. Der Mieter der Wohnung, Khalil A., wird als mutmaßlicher Mittäter festgenommen. Zwei weitere Festgenommene kommen wieder frei.

9. Oktober 2016

Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe zieht die Ermittlungen an sich. Die Polizei fahndet weiter bundesweit nach al-Bakr, auch auf Englisch und Arabisch. Al-Bakr kommt bis Leipzig. Er sucht unter Landsleuten nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Ein Syrer nimmt ihn auf, erkennt ihn aber und holt Freunde. Gemeinsam überwältigen und fesseln sie al-Bakr und übergeben ihn der Polizei.

10. Oktober 2016

Die Polizei nimmt den 22-Jährigen am frühen Morgen fest. Ein Gericht erlässt Haftbefehl wegen Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat. Laut Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) wurde ein großes Attentat verhindert. „Die Vorbereitungen in Chemnitz ähneln nach allem, was wir heute wissen, den Vorbereitungen zu den Anschlägen in Paris und Brüssel.“

12.Oktober 2016

Der Syrer wird erhängt in seiner Zelle in der Leipziger Justizvollzugsanstalt gefunden. Bundesinnenminister Thomas de Maizière fordert rasche und umfassende Aufklärung.

Wie Mohammed A. erzählt, hat der 22-Jährige ihn am Leipziger Hauptbahnhof gefragt, ob er bei ihm übernachten könne. Als er dann den Fahndungsaufruf im Internet sah, holte er einen Freund und sie fesselten Al-Bakr mit einem Stromkabel. Die Polizei habe am Telefon zunächst nicht verstanden, dass sie den Terrorverdächtigen haben. So wurde Mohammed A. losgeschickt, um ihren „Fang“ mit einem Foto zu beweisen.

Die Polizei hatte den Fahndungsaufruf am Samstag auch auf Englisch und Arabisch im Internet verbreitet. „Solche wie er müssen aus dem Verkehr gezogen werden“, sagt ein Nachbar aus dem Erdgeschoss am Morgen danach über Al-Bakr. Der Mann, selbst Syrer, kannte die Bewohner aus der obersten Etage vom Sehen. Der Einsatz in der Nacht hat die Menschen im Plattenbauviertel aufgeschreckt, obwohl Polizei dort häufiger präsent ist.

Der kreisende Helikopter um Mitternacht raubt nicht nur einer älteren Dame den Schlaf geraubt, sie wohnt im Block gegenüber. „Es ist eigentlich eine ruhige Wohngegend hier, Probleme gibt es meist nur mit Betrunkenen“, erzählt sie. Auch die Kinder des Syrers aus dem Erdgeschoss sind von dem Lärm aufgewacht. „Ich hab nachgeschaut, was los ist, und viel Polizei gesehen.“

Es sei schlimm, wenn ein Flüchtling Anschläge in Deutschland verüben wolle, meint der Asylbewerber. Solche Leute seien verrückt. „Ich bin froh, dass wir hier sein dürfen, in Sicherheit“, schiebt er noch in gebrochenem Deutsch hinterher.

Al-Bakr wollte sich freikaufen. „Wir haben gesagt, Du kannst uns so viel Geld geben wie Du willst, wir lassen Dich nicht frei“, erzählt Mohammed A. am Abend im Fernsehen. „Ich war total wütend auf ihn. So etwas akzeptiere ich nicht - gerade hier in Deutschland, dem Land, das uns die Türen geöffnet hat.“

„Wir sind froh, dass nicht alle Ausländer gleich sind“, sagt ein älteres Ehepaar im Vorbeigehen. Diese Syrer wären ein Gewinn für Deutschland, finden sie. Wie sie schauen Anwohner, die mit dem Hund unterwegs sind oder Müll entsorgen, über das rot-weiße Absperrband der Polizei. Zwei Männer im Nachbareingang beobachten vom Fenster aus, wie Ermittler ein- und ausgehen. An einem Fenster unter dem Dach von Hauseingang 14 hängt eine deutsche Fahne.

„Wir sind geschafft, aber überglücklich“, feiert die Polizei in einem Tweet gut sechs Stunden nach Mitternacht die Festnahme des als gefährlich eingestuften al-Bakr. Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) lobt den „mutigen und verantwortungsbewussten syrischen Mitbürger“, Innenminister Markus Ulbig (CDU) ist zurückhaltender. Die Syrer, die Dschaber al-Bakr den Ermittlern übergaben, gelten derzeit als Zeugen. Wie sie in Kontakt zu dem 22-Jährigen kamen, wird laut LKA noch untersucht. Unklar ist auch, wie sie zueinander stehen.

Von

dpa

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