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25.01.2005

16:15 Uhr

Kanzler gedenkt der Opfer

60 Jahre nach Auschwitz ist das Leiden noch groß

Während Vertreter aus Wirtschaft und Politik 60 Jahre nach der Befreiung der Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz den Opfern gedenken, leiden die Zeitzeugen noch immer unter ihren schrecklichen Erinnerungen.

HB BERLIN. Am Ende seiner Rede bricht ihm fast die Stimme weg. „Wir leiden darunter“, sagt Kurt Julius Goldstein, einer der Überlebenden des Vernichtungslagers. Dem 90 Jahre alten Mann, der Hitlers Todesfabrik entkam, macht es zu schaffen, wenn Neonazis heute aufmarschieren dürfen und die Gesetze nichts dagegen ausrichten. Nach seiner Rede greift Goldstein nach dem Gehstock, den er neben das Pult gelegt hat, und setzt sich in die erste Reihe des Deutschen Theaters in Berlin. Dort zollt ihm Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) demonstrativ Beifall.

Die aktuelle Debatte zum NPD-Eklat in Sachsen hängt vielen bei der Gedenkfeier des Internationalen Auschwitz Komitees noch nach. Es ist vielleicht das letzte Mal, dass zu einem runden Jahrestag - vor 60 Jahren (27. Januar) wurde das Lager von der Roten Armee befreit - so viele Überlebende zu Wort kommen. Mucksmäuschenstill ist es, als Goldstein über die 8000 abgemagerten Überlebenden von Auschwitz und die Berge von Leichen, Gebissen und Brillen, die die Soldaten fanden, spricht. Den „größten Friedhof in der ganzen Welt“ nennt er das Vernichtungslager, das zur Symbolstätte des Holocaust geworden ist.

Kurze Zeit später ist es am Kanzler, die richtigen Worte zu finden. Zu Beginn wird er ungewohnt metaphorisch und spricht von der Gewissheit, dass sich in den Lagern das „Böse selbst“ gezeigt habe. „Vor allem aber: Die Nazideologie war menschengewollt und menschengemacht.“ Immer wieder hebt er die deutsche Verantwortung hervor. Die Erinnerung an den Nationalsozialismus und seine Verbrechen ist für Schröder eine „moralische Verpflichtung“. „Es stimmt: Die Verlockung des Verdrängens ist sehr groß. Doch wir werden ihr nicht erliegen.“

Passagenweise streift Schröder die aktuelle Debatte. „Dass es Antisemitismus immer noch gibt, das ist nicht zu leugnen“, sagt er. Ihn zu bekämpfen, sei Aufgabe der ganzen Gesellschaft. Den rechtsextremen Kräften, ihren „dumpfen Parolen und Schmierereien“ gelte die besondere Aufmerksamkeit von Polizei und Verfassungsschutz. „Aber die Auseinandersetzung mit Neonazis und Altnazis müssen wir alle miteinander politisch führen.“ Deutschland stellt sich seiner Vergangenheit, das ist der Tenor von Schröders Rede. Bevor er auf seinen Platz zurückkehrt, verneigt er sich kurz vor Goldstein - und damit symbolisch vor den Opfern des Holocausts.

Im Bühnen-Hintergrund hängen zwei Schwarz-Weiß-Fotos: Eines zeigt den eingezäunten Pfad, den ungarische Juden zur Gaskammer gehen mussten, auf dem anderen Bild von 1945 schauen junge Überlebende in die Kamera. Zwei davon, das Ehepaar Adam und Maria König, sitzen zwischen Bundesinnenminister Otto Schily und Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (beide SPD).

Alle Generationen sind bei der Gedenkfeier vertreten. Mit Petra Rosenberg, der Vorsitzenden des Berliner Landesverbandes der Sinti und Roma, kommt auch die Tochter eines Überlebenden zu Wort. Jugendliche aus Polen und Deutschland erzählen, wie sie das Auschwitz von heute erleben. Israel Singer, Vorsitzender des Jüdischen Weltkongresses, spricht davon, dass nicht nur Deutschland, sondern auch andere europäische Länder an der Kriegsmaschinerie beteiligt waren. Am Schluss erklingt Franz Schuberts „Frühlingsglaube“ - das Ende einer emotionalen Feier, bei der einige Tränen flossen.

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