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23.09.2016

19:15 Uhr

Karl-Theodor zu Guttenberg

„Die Scham wird fortdauern“

„Nun bin ich in Selbstüberschätzung nicht ungeübt“, sagt Guttenberg – und hat die Lacher gleich auf seiner Seite. In Berlin blickt er auf das jähe Ende seiner politischen Karriere zurück. Und gibt Ratschläge.

Ex-Minister Karl Theodor zu Guttenberg hat bei seinem Auftritt in Berlin auch Selbstkritik geübt. dpa

Konferenz „Denk ich an Deutschland“

Ex-Minister Karl Theodor zu Guttenberg hat bei seinem Auftritt in Berlin auch Selbstkritik geübt.

BerlinKarl-Theodor zu Guttenberg (44) weiß, dass er in der alten Heimat noch viele Anhänger hat – und vielleicht genauso viele Kritiker. Mit Hipster-Brille, Bart und azurblauem Sakko, rhetorisch geschliffen und selbstkritisch bis zur Koketterie tritt der einstige Hoffnungsträger der CSU am Freitag in Berlin vor die Teilnehmer einer Konferenz. Viele bekannte Fernsehgesichter sitzen im Publikum. Bevor Guttenberg unter Applaus zum Rednerpult eilt, haben Politiker wie die stellvertretende CDU-Vorsitzende Julia Klöckner und der Grüne Anton Hofreiter hier über Zuwanderung, Asyl und Integration diskutiert.

In seiner Rede bespiegelt sich Guttenberg zunächst einmal ausführlich selbst – mit all seinen Schwächen. Er spricht von „Hybris“ und von „Eitelkeit“. Zeitweise gleicht sein Vortrag einer öffentlichen Psychoanalyse in eigener Sache.

„Ich habe lange gebraucht, um meine Eitelkeit zu überwinden“, sagt der frühere Bundesverteidigungsminister. Er erzählt, wie das damals war, in den ersten Monaten nach seinem unrühmlichen Ausscheiden aus dem Amt 2011. Der Skandal um seine in Teilen abgeschriebene Doktorarbeit und seinen anschließenden Rücktritt als Minister sei ihm sehr nahe gegangen, sagt er. Guttenberg, der heute in den USA lebt, spricht vom „abgründig selbst verursachten Sturz“.

Er räumt ein, er sei wohl sehr selbstbezogen gewesen: „Ich sah ein Land der maßlosen Kritiker, der Häme, der Selbstgerechtigkeit und des Nachtretens. Aber ich schämte mich auch und hatte plötzlich Angst – vordergründig vor den Menschen meiner Heimat, unbewusst wohl vor mir selbst.“ Kunstpause. Im großen Saal ist es ganz still. Er fährt fort: „Heute weiß ich, die Kritik war mehr als berechtigt. Die Scham wird fortdauern. Die Angst ist gewichen, sonst stünde ich heute nicht vor Ihnen.“

Etappen der Flüchtlingskrise

25. August 2015

Deutschland setzt das Dublin-Verfahren für Syrer aus. Das bedeutet, die Flüchtlinge werden nicht mehr in das Land zurückgeschickt, in dem sie zuerst EU-Boden betreten haben.

31. August 2015

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nennt die Bewältigung des Flüchtlingszuzugs eine „große nationale Aufgabe“ und beteuert: „Wir schaffen das.“

04. September 2015

Deutschland und Österreich entscheiden, Tausende Flüchtlinge und Migranten aufzunehmen, die in Ungarn gestrandet sind. Bei der Ankunft in Deutschland werden die Menschen bejubelt. CSU-Chef Horst Seehofer fühlt sich übergangen und warnt vor Überforderung.

23. September 2015

Die EU-Staats- und Regierungschefs beschließen, die Hilfen zu erhöhen und 160.000 Flüchtlinge auf die Mitgliedsländer zu verteilen. Eine große Entlastung für Deutschland bleibt aus.

15. Oktober 2015

Der Bundestag beschließt ein neues Asylrecht. In die Länder Albanien, Kosovo und Montenegro können Menschen nun leichter abgeschoben werden. Asylbewerber sollen möglichst nur Sachleistungen erhalten.

05. November 2015

Die Koalition verständigt sich auf besondere Aufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge mit geringen Bleibechancen. Zudem wird eine zweijährige Aussetzung des Familiennachzugs bei Flüchtlingen mit niedrigerem Schutzstatus beschlossen.

20. November 2015

Auf dem CSU-Parteitag in München lehnt Merkel die CSU-Forderung nach einer Obergrenze für die Zuwanderung strikt ab.

09. März 2016

Nach Slowenien, Kroatien und Serbien schließt auch Mazedonien seine Grenzen für Flüchtlinge und andere Migranten. Damit ist die Balkanroute faktisch dicht, über die 2015 mehr als eine Million Menschen nach Deutschland und Österreich gekommen waren.

18. März 2016

Die EU und die Türkei einigen sich darauf, Migranten, die illegal in Griechenland ankommen, in die Türkei zurückzuschicken. Im Gegenzug soll für jeden zurückgenommenen Syrer ein anderer Syrer legal und direkt von der Türkei aus in die EU kommen.

04. April 2016

Die Rückführung von Flüchtlingen und anderen Migranten von Griechenland in die Türkei sowie die Umsiedlung von Syrern aus der Türkei in die EU beginnt.

Diejenigen, die sich eine Rückkehr des ehemaligen Ministers in die Politik wünschen, können diese Worte, wenn sie wollen, als gutes Zeichen deuten. Doch Festlegen will sich Guttenberg nicht. Er sagt, seine Familie fühle sich in den USA sehr wohl. Auch beruflich könne er nicht klagen.

Schwächen konstatiert Guttenberg aber nicht nur bei sich selbst. Er seziert auch die heutigen Vertreter des politischen Establishments – in Deutschland und in seiner neuen Wahlheimat, den USA. Er sagt: „Die Flucht in Alternativlosigkeiten ist längst vom Rettungsanker ins Habituelle gewachsen.“ Eine kaum verschleierte Kritik am Regierungsstil der Bundeskanzlerin.

Der Satz „Wir schaffen das“ sei von Angela Merkel (CDU) in der Flüchtlingskrise wohl genauso „gut gemeint“ gewesen wie einst das „Yes we can“ von US-Präsident Barack Obama. Derartige Aufmunterungen könnten jedoch auch „ein latent wachsendes Misstrauen der Wählerschaft noch verstärken“, stellt er fest. Was wohl heißen soll: Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht.

Entscheidungen über Flüchtlinge: Massive Kritik an deutscher Asylbehörde

Entscheidungen über Flüchtlinge

Massive Kritik an deutscher Asylbehörde

Über den Umgang mit Flüchtlingen ist ein Streit entbrannt. Die Grünen kritisieren, Asyl-Bewerbern aus Problem-Staaten den vollen Schutzstatus nur „nach Lust und Laune“ zu gewähren. CSU und AfD fordern eine härtere Linie.

Der Aufstieg populistischer Bewegungen in den USA und in mehreren westlichen Demokratien „reflektiert die Defizite der Amtsträger“, führt der Gast aus Übersee weiter aus. Das reflexartige Attackieren der Populisten durch die „Platzhirsche“ sei „oft nur wenig intelligenter als die Parolen der Herausforderer selbst“. Punktuelle Selbstkritik sei da eine bessere Strategie.

Damit ist er wieder bei der Kanzlerin, die sich am vergangenen Montag erstmals selbstkritisch zu ihrer Flüchtlingspolitik geäußert hat. Und auch wenn Guttenberg die deutschen Politik an diesem sonnigen Septembertag eigentlich aus der Vogelperspektive betrachten will, merkt man – er ist noch ganz schön nahe dran.

Von

dpa

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