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04.02.2016

17:26 Uhr

Karnevalsauftakt in Köln

„Jeder Zweite geht als Polizist“

VonAndreas Dörnfelder

Sieben Festnahmen in acht Stunden: Der Kölner Karneval ist so friedlich gestartet wie lange nicht. Das Sicherheitskonzept von Stadt und Polizei ging bislang auf. Der Aufwand ist jedoch gewaltig.

Feiern in Köln: Der Straßenkarneval hat unter hohen Sicherheitsvorkehrungen begonnen. dpa

Weiberfastnacht

Feiern in Köln: Der Straßenkarneval hat unter hohen Sicherheitsvorkehrungen begonnen.

Köln„Werde ich verstärkt? Muss ich laut reden?“ Die Sorgen des neuen Polizeipräsidenten Jürgen Mathies sind am Donnerstagnachmittag überschaubar. „Vor Ihnen steht eine Reihe von Mikrofonen. Da sprechen Sie einfach rein“, erklärt ihm die Pressesprecherin. Dann tritt Mathies vor die Schar aus rund 50 Journalisten und trägt die Zwischenbilanz des ersten Karnevalstages vor. „Sieben vorläufige Fest- und Gewahrsamnahmen, ein Raub und ein Verstoß gegen das Waffengesetz.“ Es sind Werte, die wohl jeder größere Jahrmarkt toppt.

Die heiße Phase des Kölner Karnevals startet so ruhig wie seit Jahren nicht. Ein Mann am Dom soll vor der Kathedrale eine bengalische Fackel gezündet haben. Ein anderer, als SEK-Beamter verkleideter Jeck trug eine angeblich täuschend echte Waffe. Die wurde sichergestellt. Ein 31-jähriger Algerier wurde nach einem mutmaßlichen Raub vorläufig festgenommen. Dabei soll er versucht haben, einen mit Heroin gefüllten Ballon zu schlucken. Er soll im Krankenhaus liegen. Und ein Sicherheitsdienst soll Asylbewerber als Ordner beschäftigt haben.

Karneval in Köln

Zwischen Bützje und Elektroschocker

Karneval in Köln: Zwischen Bützje und Elektroschocker

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Das strenge Sicherheitskonzept der Polizei, so sieht es gegen 16 Uhr aus, geht offenbar auf. 2500 Polizisten bewachen die Stadt, mehr als doppelt so viele als im vergangenen Jahr. Ihre Schichten dauern zwölf Stunden. Sie patrouillieren durch die Altstadt vom Dom bis zum Heumarkt, im Studentenviertel rund um den Zülpicher Platz und über die Ausgehmeile entlang der Kölner Ringe. Vor allem aber sichern sie den Platz vor dem Hauptbahnhof, an dem seit acht Uhr morgens ununterbrochen Tausende Party-Touristen ankommen.

Der ICE aus Hamburg, der Regionalexpress aus Düren oder die Rhein-Wupper-Bahn: Aus allen Waggons strömen verkleidete Frauen und Männer. Einige singen, manche tanzen, viele trinken Alkohol. Eine Gruppe Mädels in schwarz-weißen Kuh-Outfits bildet mit den Schwänzen der Kostüme eine Kette. „Bitte eine Schwanzlänge Abstand“, rufen sie und lachen. Es ist eine Anspielung auf Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker. Die hatte nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht auf Frauen empfohlen, von Männergruppen „eine Armlänge Abstand“ zu halten.

Maren Zachmann aus Mannheim ist mit vier Freundinnen nach Köln gereist. „Wir haben keine Angst, aber man hat Silvester im Hinterkopf“, sagt die junge Frau in ihrem schwarz-weißen Fell-Kostüm. Der Zug nach Hause geht um 18:42. „Im Dunkeln wollen wir lieber nicht in Köln bleiben.“

Das Karneval-ABC

Alaaf

Ruf der Kölner Karnevalisten. Bedeutet so viel wie „Köln über alles“. Soll erstmals ertönt sein, als Kölner Wutbürger im Mittelalter einen erzbischöflichen Festungsturm stürmten (heute sitzt dort Alice Schwarzers „Emma“-Redaktion). Der Ruf „Helau“ wird in Köln mit Düsseldorf assoziiert und deshalb nicht gern gehört.

Bütt

Tonnenförmiges Pult, an dem mehr oder weniger lustige Reden geschwungen werden. Nicht zu verwechseln mit Bützje, einem unverbindlichen Wangenkuss.

Carneval

Ursprüngliche Schreibweise von „Karneval“. Der Begriff setzt sich wahrscheinlich zusammen aus den beiden lateinischen Wörtern „carnis“ (Fleisch) und „levare“ (wegnehmen) und bezieht sich auf die Fastenzeit, in der man kein Fleisch essen durfte.

Dreigestirn

Regierendes Kölner Triumvirat aus Prinz, Bauer und Jungfrau. Die Jungfrau ist ein Mann.

Elfter Elfter

Am elften Elften um elf Uhr elf beginnt die neue Karnevalssession. Warum genau dann? Weiß man nicht.

Fasching

So wird der Karneval vor allem in Bayern bezeichnet. Für Rheinländer exotischer als Karneval in Rio.

Grass, Günter

Studierte in der Karnevalshochburg Düsseldorf und schrieb 1968 die Kurzgeschichte „Einer unserer Mitbürger: Prinz Karneval“. Darin geht es um einen Prinzen, der SA-Sturmführer gewesen ist. Angesichts der sehr viel später bekannt gewordenen Mitgliedschaft des Autors in der Waffen-SS nicht unpikant.

Herrensitzung

Karnevalssitzung für Männer mit Witzen über Frauen.

Indianer

Früher der Klassiker, heute ein Nischenkostüm.

Jeck

Kölsch für „Narr“.

Kamelle

Ursprünglich Karamellbonbons, die aber heute niemand mehr haben will. Das Narrenvolk ruft an Rosenmontag zwar „Kamelle!“, erwartet dafür aber mindestens Schokoladentafeln, Pralinen und Blumensträuße.

Lob der Torheit

Titel eines Buches des Humanisten Erasmus von Rotterdam (1466/69-1536). In der europäischen Geistesgeschichte bildet es die theoretische Grundlage für alle Arten von Spott, Parodie und Satire.

Motto

Spaß-Parole für jeweils eine Karnevalssession, häufig mit einer Anspielung auf aktuelle Entwicklungen. Als die Kölner 1849 auf eine „Reise nach Californien“ gingen, hatte gerade der kalifornische Goldrausch eingesetzt. 1870 hieß das Motto „Die Eröffnung des Suezkanals“ und 1885 „Held Carneval als Kolonisator“.

Narrhallamarsch

Musikstück der Mainzer Fastnacht.

Orden

Sollten einst höfische und militärische Ehrungen parodieren, wurden dann aber selbst zum Prestigeobjekt.

Prinz Karneval

Ursprünglich gab es keinen Karnevalsprinzen, sondern einen Karnevalskönig. Die preußische Polizei setzte 1824 jedoch durch, dass aus dem König Carneval ein Held Carneval und später ein Prinz wurde. Begründung: In Preußen gibt es nur einen König, und der sitzt in Berlin.

Querulantentum

Falls man durch Kamelle oder andere Wurfgeschosse beim Rosenmontagszug verletzt wird, hat man sich das selbst zuzuschreiben: Kamelle-Werfen sei in Köln „sozial üblich, allgemein anerkannt und erlaubt“, hat das örtliche Amtsgericht vor vier Jahren entschieden. Wer das Risiko nicht tragen wolle, könne ja zuhause bleiben.

Rosenmontag

Höhepunkt des Straßenkarnevals mit Umzügen, die gefühlte 24 Stunden im Fernsehen übertragen werden.

Session

Der Karnevalist spricht nicht von der neuen Saison, sondern von der Session.

Tusch

Zeigt den Teilnehmern einer Karnevalssitzung an, wann sie lachen müssen.

Uniform

Achtung: Die Prinzengarde trägt kein Kostüm, sondern Uniform.

Verweigerer

Nicht karnevalisierbarer Gegner des organisierten Frohsinns, der sich spätestens an Weiberfastnacht an die Nordsee oder ins örtliche Möbelzentrum verzieht. Sein Motto: „Der Trick ist, dass man sich verpisst, bis wieder Aschermittwoch ist.“

Weiberfastnacht

Beginn des Straßenkarnevals, immer donnerstags. Frauen übernehmen die Macht und schneiden Krawatten ab. Wirkt mittlerweile aus der Zeit gefallen.

Zoch

Wer nicht mal weiß, was der Zoch ist, dürfte zu jener Mehrheit der Bundesbürger zählen, die der Karneval kalt lässt.

Selina Schneider aus Haiger in Hessen und ihre sechs Freundinnen haben sich überhaupt keine Gedanken wegen der Übergriffe gemacht. „Ich lasse mich nicht einschüchtern. Dann hätten die anderen ja gewonnen“, sagt sie. Unter den Mädels in den Eisbärkostümen sind zufällig zwei Polizistinnen. Doch die Freundinnen hatten trotzdem Pech. „Einer von uns wurde im Zug hierher der Geldbeutel gestohlen.“

Antonia und ihre drei Freundinnen aus dem Siebengebirge haben lange überlegt, ob sie in diesem Jahr nach Köln reisen sollen. Am Bahnhof angekommen fühlen sich die jungen Frauen in den Rehkostümen sicher. „Jeder zweite hier ist ja ein Polizist.“

So wie Matthias. Er trägt Bär aber er ist nicht verkleidet. Der Polizist ist Teil einer Hundertschaft aus Berlin, die extra wegen Weiberfastnacht nach Köln beordert wurde. „So etwas habe ich noch nie erlebt. Normalerweise fahren wir zu Fußballspielen mit Gewaltpotenzial. Jetzt sind wir hier bei so einem Happyness-Event“, sagt der Polizeikommissar. Um 8.00 Uhr morgens begann für die Verstärkung aus der Hauptstadt der Dienst. Die Schicht werde wohl bis 23 Uhr dauern.

Bis zum Nachmittag hat Matthias, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will, nicht einmal eingegriffen. „Ich habe mit deutlich mehr Menschen gerechnet“, sagt der Polizist. Als er mit drei Kollegen an einer Kneipe in der Altstadt vorbeilief, rief ein Mann die Beamten rein. An der Tür erschien ein offensichtlich betrunkener Mann mit einer Platzwunde im Gesicht. Die Berliner brachten ihn nach draußen: „Das sieht schon älter aus. Ist schon eingetrocknet.“

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