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06.10.2015

08:43 Uhr

Kassem aus Syrien

„Deutschland ist ein Paradies“

VonMartin Tofern

Kassem Al-Doleme ist Anfang Juli vor dem Krieg in Syrien geflohen. Dort studierte er Internationales Recht. In Deutschland will er seinen Master machen und so schnell wie möglich arbeiten – trotz schlafloser Nächte.

Der syrische Student ist 27 Jahre alt und Anfang Juli nach Deutschland geflohen. Ulli Dackweiler

Kassem Al-Doleme

Der syrische Student ist 27 Jahre alt und Anfang Juli nach Deutschland geflohen.

Ich heiße Kassem Al-Doleme, bin 27 Jahre alt und bin Anfang Juli nach Deutschland geflohen. In meiner Heimatstadt Al-Hasakah im Nordosten Syriens waren die Kämpfe zwischen dem IS und kurdischen Truppen so heftig geworden, dass ich nicht mehr sicher war. Ich war 25 Tage unterwegs. Über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich bin ich nach Deutschland gekommen. In Passau wurden wir von der Polizei willkommen geheißen, das war in den anderen Ländern nicht so. Die Deutschen haben uns sogar etwas zu essen gegeben.

In meiner Heimatstadt habe ich an der Al-Furat-Universität Internationales Recht studiert. Meinen Professor dort habe ich immer bewundert, ich möchte deshalb auch einmal Professor werden. Deshalb würde ich hier in Deutschland gerne weiterstudieren und meinen Master in Internationalem Recht machen. Wenn alles gut geht, kann ich vielleicht schon im kommenden Jahr im Wintersemester damit anfangen. Klar, bis dahin muss ich erst einmal richtig Deutsch lernen.

Rekordzahlen zur Flüchtlingskrise

500.000

Mehr als 500.000 Menschen haben nach Angaben der EU-Grenzschutzagentur Frontex zwischen Januar und August dieses Jahres bereits die Europäische Union erreicht. Zum Vergleich: Im gesamten vergangenen Jahr waren es 280.000 Menschen.


Von den in der EU angekommenen Flüchtlingen haben dem UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) zufolge mehr als 411.000 das Mittelmeer überquert. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) nannte sogar die Zahl von mehr als 600.000 Bootsflüchtlingen. Mehr als 3100 kamen demnach bei der gefährlichen Überfahrt ums Leben.

466.000

So viele Flüchtlinge kamen der IOM zufolge in diesem Jahr bereits in Griechenland an.

137.000

Rund 137.000 Menschen landeten nach einer Überfahrt über das Mittelmeer in Italien.

200.000

Die ungarischen Behörden gaben die Zahl der seit Jahresbeginn in Ungarn angekommenen Flüchtlinge zuletzt mit 200.000 an. Die Schutzsuchenden kamen vor allem über die sogenannte Balkanroute ins Land.

160.000

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker hat vorgeschlagen, 160.000 Asylsuchende aus den Haupt-Ankunftsländern Griechenland, Ungarn und Italien auf die 28 EU-Mitgliedstaaten umzuverteilen. Juncker fordert eine verbindliche Quotenregelung für die künftige Flüchtlingsverteilung.

63.000

Rund 63.000 Flüchtlinge trafen seit Ende August am Münchner Hauptbahnhof ein - davon jeweils 20.000 an den beiden vergangenen Wochenenden.

1.000.000

Eine Million Flüchtlinge könnte Deutschland nach Aussage von Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) in diesem Jahr aufnehmen. Das Bundesinnenministerium geht offiziell weiterhin von 800.000 Asylbewerbern aus.

12.000.000

Offiziellen Schätzungen zufolge sind zwölf Millionen Syrer auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat. Davon gelten acht Millionen als im eigenen Land vertrieben, weitere vier Millionen flüchteten ins Ausland. Mehr als 250.000 Menschen wurden seit Ausbruch des Konflikts 2011 getötet.

Dem UNHCR zufolge sind die Hälfte der über das Mittelmeer kommenden Flüchtlinge Syrer. Die zweitgrößte Gruppe sind demnach Afghanen mit 13 Prozent, gefolgt von Eritreern mit acht Prozent. In Griechenland sind 70 Prozent der ankommenden Flüchtlinge Syrer und 19 Prozent Afghanen.

Ich kann oft nachts nicht schlafen, weil das Asylverfahren hier so lange dauert. Alle sind hier sehr freundlich und hilfsbereit, aber die Bürokratie ist chaotisch. Ich möchte so schnell wie möglich arbeiten dürfen und diesem Land, das mir geholfen hat, etwas zurückgeben. Ich könnte zum Beispiel als Dolmetscher arbeiten. Viele Flüchtlinge können ja kein Englisch, da könnte ich vielleicht nützlich sein.

Neulich war ich in Neuss auf dem Schützenfest, weil ich die Sitten und Gebräuche der Deutschen spannend finde. Das war sehr lustig. Ich war auch schon mal bei einem Gottesdienst in der Kirche, weil mich die Religion der Menschen hier interessiert. Ich will Deutschland einfach gründlich kennenlernen. Für mich ist dieses Land wie das Paradies.

Was Bürger für Flüchtlinge tun können

Wie erfahre ich, wo Hilfe benötigt wird?

Ein paar Telefonanrufe helfen in der Regel weiter: Die örtlichen Kirchengemeinden, das Rote Kreuz, Caritas oder Diakonisches Werk wissen normalerweise, wo es in der Nähe Flüchtlingsunterkünfte gibt und wer gerade Helfer sucht. Ansprechpartner auf der Verwaltungsebene ist meist das Ordnungsamt, da meist hier die Bereiche Asyl und Migration angesiedelt sind. In jedem Bundesland gibt es zudem einen Flüchtlingsrat, der Kontakte vermitteln und weiterhelfen kann.

Wie kann ich mich tatkräftig engagieren?

Neu ankommende Flüchtlinge sind auf zupackende Unterstützung angewiesen: Helfer können Flüchtlinge mit dem neuen Wohnumfeld vertraut machen, sie zu Behörden und zum Arzt begleiten, Deutschunterricht geben, Hausaufgabenbetreuung anbieten und Kontakte zu Sportvereinen und Freizeiteinrichtungen herstellen. Manche Flüchtlingseinrichtungen vermitteln "Patenschaften", um den Flüchtlingen feste Ansprechpartner für Alltagsfragen anzubieten. Sprachliche und berufliche Vorkenntnisse sind bei Helfern oft nicht so wichtig – was zählt, ist die Einsatzbereitschaft.

Werden Sachspenden benötigt?

Oftmals ja – wobei immer gilt: Zunächst direkt bei der Flüchtlingsunterkunft nachfragen, was gerade gebraucht wird. Nachfrage besteht oft nach Spielzeug, Kleidung, Hygiene- und Gesundheitsartikeln, Bustickets, Telefonkarten, Sanitäranlagen oder Möbeln. Auch Handwerkerleistungen sind gefragt.

Machen Geldspenden Sinn?

Viele Flüchtlingshilfe-Organisationen sind auf private Spenden angewiesen. Auf internationaler Ebene gibt es etwa das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR, in Deutschland gibt es Vereinigungen wie Pro Asyl und auf kommunaler Ebene gibt es eine Vielzahl von Projekten. Die Spenden können steuerlich als Sonderausgaben abgesetzt werden, wenn die Empfänger als gemeinnützig anerkannt sind. Flüchtlingshelfer regen an, etwa bei Jubiläumsfeiern oder Geburtstagen auf das Beschenktwerden zu verzichten und Gäste um Spenden für Flüchtlinge zu bitten.

Kann ich Flüchtlinge bei mir daheim aufnehmen?

In manchen Bundesländern ist das bereits erlaubt, in anderen nicht. Ansprechpartner vor Ort ist in der Regel das Ordnungsamt, an das entsprechende Angebote für Privatunterkünfte zu richten sind. Hilfe bei der Vermittlung leistet die private Internetseite www.fluechtlinge-willkommen.de. Flüchtlingshelfer berichten, dass die Behörden nicht immer auf solche Angebote reagieren - möglicherweise aus Überlastung oder aus logistischen Gründen, weil es für die Verwaltung einfacher ist, Flüchtlinge zentral an einem Ort unterzubringen. In solchen Fällen raten Flüchtlingshelfer: Nicht aufgeben, immer wieder nachfragen.

Wie kann ich Verständnis für Flüchtlinge wecken?

Der Schulunterricht ist ein guter Ort, auf die gegenwärtige Lage einzugehen. Das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR bietet umfassendes deutschsprachiges Unterrichtsmaterial und vermittelt Schulbesuche von Flüchtlingen. Ganz allgemein raten Flüchtlingshelfer: Treten Sie beherzt ein gegen fremdenfeindliche Sprüche in ihrer Umgebung, suchen Sie Kontakt mit Flüchtlingen.

Den Kontakt zu meiner Familie in Syrien halte ich über Whatsapp, wenn sie denn mal Internet haben. Aber das ist immer seltener der Fall. Meine Familie vermisse ich aber kaum, denn ich habe hier ja eine neue Familie gefunden: Mister Ulli und seine Frau Verena (Ulli Dackweiler ist Vorsitzender des Vereins „Meerbusch hilft“, der unter anderem auch Kassem betreut).

Aufgezeichnet von Martin Tofern

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