Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.09.2015

15:38 Uhr

Kassen machen Gröhe Druck

Erhebliche regionale Unterschiede bei Klinikpreisen

Die Kosten für Behandlungen im Krankenhaus können von Bundesland zu Bundesland stark variieren. Ohne Grund, meinen die Krankenkassen. Sie fordern Gesundheitsminister Gröhe auf, seine Krankenhausreform nicht abzuschwächen.

Die Preise für Behandlungen in deutschen Krankenhäusern unterscheiden sich regional zum Teil erheblich. dpa

Krankenpflege im Krankenhaus

Die Preise für Behandlungen in deutschen Krankenhäusern unterscheiden sich regional zum Teil erheblich.

BerlinDie Preise für Behandlungen in deutschen Krankenhäusern unterscheiden sich regional zum Teil erheblich. Für ein und dieselbe Operation bekommen die Kliniken in Rheinland-Pfalz und im Saarland deutlich mehr Geld als der Durchschnitt und vor allem als die am geringsten vergüteten Kliniken in Hessen. Die Spanne reicht von 3177 Euro in Hessen bis zu 3393 Euro in Rheinland-Pfalz. Das geht aus einer Übersicht der Techniker Krankenkasse (TK) hervor. Der Durchschnitt der sogenannten Landesbasisfallwerte beträgt danach rund 3215 Euro.

Der AOK-Bundesverband appellierte an Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), seine Reform der Kliniklandschaft nicht verwässern zu lassen. Der kommissarische Vorstand des Krankenkassenverbands, Martin Litsch, sagte, für die Krankenhäuser in Deutschland könne die Krankenhausreform mehr Effizienz und Wirtschaftlichkeit bedeuten. Dies sei auch die einzige Rechtfertigung für die milliardenschweren Mehrausgaben. Am Montag werden im Gesundheitsausschuss Experten zu den Reformplänen angehört.

Kommentar zu Gröhes Klinikreform: Vor allem teuer

Kommentar zu Gröhes Klinikreform

Vor allem teuer

Die Krankenhausreform von Gesundheitsminister Hermann Gröhe wird den Strukturwandel der Kliniklandschaft zu mehr Effizienz und Qualität nicht bringen – aber dafür mehr Geld kosten als erwartet, meint Peter Thelen.

Gröhe stellt in seinem Gesetzentwurf den Qualitätsaspekt in den Mittelpunkt. Häuser mit anhaltend schlechten Leistungen müssen Abschläge in Kauf nehmen. Gute Leistungen sollen mit Zuschlägen honoriert werden. Gröhe will, dass Kliniken, die ständig Abschläge hinnehmen müssen, von sich aus auf bestimmte Operationen verzichten und sich auf das konzentrieren, was sie besonders gut können.

Litsch sagte: „Wir brauchen einen höheren Spezialisierungsgrad und damit auch eine bessere Versorgung im Sinne einer höheren Qualität.“ Operationen sollten immer von Ärzten ausgeführt werden, die hierfür ein großes Maß an Kompetenz und Erfahrung mitbrächten. Er wies die Darstellung der DKG zurück, hier handle es sich um ein Spargesetz. Das Ministerium gehe bis 2020 von 5,3 Milliarden Euro Mehrausgaben aus, die AOK von mehr als 6,5 Milliarden.

Das Preisniveau für Krankenhausbehandlungen lässt sich an den Landesbasisfallwerten für 2015 ablesen. Diese Werte sind Grundlage für die Vergütung der Krankenhausleistungen. Die Landeswerte bewegen sich in etwa in einem Korridor um den Bundeswert mit Abweichungen von 2,5 Prozent nach oben und 1,25 Prozent nach unten.

Der Bundesbasisfallwert wurde von gesetzlicher und privater Krankenversicherung sowie der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) für dieses Jahr mit 3231,20 Euro festgelegt. Eine 2,5-prozentige Abweichung nach oben liegt bei 3312 Euro, eine 1,25-prozentige Abweichung nach unten bei 3190,81 Euro. Neun der 16 Bundesländer liegen genau an diesem unteren Rand des Korridors.

Die Pflegepläne der Regierung

Reform in zwei Schritten

Die Bundesregierung will die Pflege in Deutschland in zwei Schritten reformieren. Hier die wesentlichen Kernpunkte kurz zusammengefasst:

Anpassung an Preisentwicklung

Die gut 2,5 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland sollen ab 2015 um bis zu vier Prozent erhöhte Leistungen bekommen.

Betreuung

Mehr Menschen sollen sich mit Demenzkranken, Behinderten oder psychisch Kranken beschäftigen. In Heimen sind neben Fachkräften dafür etwa 24 000 nachqualifizierte Kräfte im Einsatz. Künftig sollen es 45.000 sein.

Kurzzeit- und Verhinderungspflege

Flexibler und großzügiger sollen Hilfen gewährt werden für bis zu vier Wochen Heimaufenthalt eines zu Hause gepflegten Menschen pro Jahr sowie für vier Wochen ambulante Pflege etwa durch einen Dienst, wenn Angehörige Urlaub machen.

Rechtsanspruch auf Familienpflegezeit

Angehörige können sich für eine Pflegezeit bereits bis zu sechs Monate unbezahlt von der Arbeit freistellen lassen. Die Familienpflegezeit aber, in der man auf bis zu 15 Stunden reduzieren kann, ist für die Unternehmen freiwillig. Auch hier soll ein Rechtsanspruch her.

Lohnersatz bei Pflegeorganisation

Wer Pflege daheim organisieren muss, hat Recht auf zehn Tage Auszeit - künftig soll es dafür Lohnersatz ähnlich wie Kinderkrankengeld geben.

Vorsorgefonds

Von 2015 bis 2033 sollen steigende Milliardensummen in einen Fonds fließen. Wenn die Babyboomerjahrgänge 1959 bis 1967 verstärkt pflegebedürftig werden, sollen mit dem Geld Beitragssprünge vermieden werden.

Aisbildung

Die Ausbildung zu Alten- und Krankenpflegern soll einheitlich werden, so dass Altenpfleger später besser wechseln können und der Beruf attraktiver wird. Schulgeld soll entfallen.

Demenz

In Reformstufe 2 soll mit einer Großreform die Versicherung besser auf die zahlreicheren Demenzkranken eingestellt werden. Die heutigen drei Pflegestufen soll durch fünf weiter gefasste Pflegegrade ersetzt werden. Auch Einschränkungen im Wahrnehmen und Bewusstsein, die heute bei der Einstufung nach körperlicher Beeinträchtigung im Hintergrund sind, sollen stärker zählen.

Finanzen

Der Pflegebeitragssatz soll von 2,05 Prozent (Kinderlose: 2,3 Prozent) 2015 um 0,3 Punkte steigen. 0,2 sollen später für die geplante Großreform dazukommen. Unter Strich soll das sechs Milliarden Euro pro Jahr mehr bringen.

Das Preisniveau der einzelnen Länder: Rheinland-Pfalz 3393 Euro, Saarland 3283, Bayern 3255,50, Bremen 3250,59, Baden-Württemberg 3226,64, Bundesdurchschnitt 3214,63, Hamburg 3197, Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen jeweils mit 3190,81 Euro, Hessen mit 3176,96 Euro.

Die Kostendynamik im Krankenhausbereich werde beim Blick auf die Gesamtausgaben deutlich, so die TK. 2014 beliefen sich die Krankenhausausgaben der gesetzlichen Krankenkassen auf rund 68 Milliarden Euro. Im Jahr zuvor lagen die Ausgaben für die rund 2100 Kliniken noch bei rund 64 Milliarden Euro.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi verlangte eine gesetzliche Personalbemessung. „Die Bundesregierung zielt am Kern des Problems vorbei, wenn sie versucht, die Qualität der Krankenhausversorgung zu verbessern, ohne den dramatischen Personalmangel gesetzlich zu bekämpfen“, sagte Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler am Sonntag.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×