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11.12.2015

16:59 Uhr

Katarina Barley

Gabriels Neue

VonHeike Anger, Klaus Stratmann

Zwei Frauen haben schon vor Sigmar Gabriel kapituliert. Nun hat der SPD-Chef eine neue Generalsekretärin. Die kaum bekannte Katarina Barley steht vor einem der schwierigsten Jobs, den das politische Berlin zu bieten hat.

Erst seit zwei Jahren sitzt Katarina Barley für die SPD im Bundestag. dpa

Katarina Barley

Erst seit zwei Jahren sitzt Katarina Barley für die SPD im Bundestag.

BerlinDie Neue beweist Humor: Nachdem auf dem Parteitag der Versuch der SPD gescheitert war, ins digitale Zeitalter zu starten und die Wahlen zum Parteivorstand mit Tablets zu bestreiten, hatte der Zeitplan durch die Abstimmung mit Papierstimmzetteln extrem gelitten. „Ich habe die Hälfte meiner Vorstellungsrede gestrichen“, witzelte Barley daraufhin.

Sogleich gab sie eine Kostprobe, ob es ihr wohl gelingen könnte, die für das Amt nötige Zuspitzung abzuliefern. Die Bundeskanzlerin werde von der Union „gemobbt“, der Innenminister bekomme die Flüchtlingskrise nicht in den Griff, teilte sie aus. „Wenn eine Partei Antworten auf die Probleme finden könne, dann die SPD“, rief sie den 600 Delegierten zu. Diese wählten sie mit 93 Prozent der Stimmen zur neuen Generalsekretärin.

Noch Mitte Oktober hatte die Vorgängerin Yasmin Fahimi öffentlich damit gerechnet, dass Parteichef Sigmar Gabriel ihr eine zweite Amtszeit gewährt. Doch nur wenige Tage später sprach Gabriel die 47-jährige Barley an, ob sie Interesse an dem Posten habe. Zu dieser Zeit weilte die Abgeordnete gerade auf einer Auslandsreise in den USA. Erst kam eine SMS und dann telefonierte sie mit dem Parteivorsitzenden. Einen Tag Bedenkzeit erbat sich die Sozialdemokratin aus Rheinland-Pfalz – und musste dann „erst mal ein Stündchen die Überraschung verdauen.“ Barley dachte: „Wow! Was für eine Ehre!“

Die SPD-Führung

Sigmar Gabriel

Seit 2009 Parteichef, macht die SPD in regelmäßigen Abständen mit Alleingängen nervös. War im Sommer in der Krise, bekam beim Ja zur Vorratsdatenspeicherung reichlich Gegenwind. Punktete in der Flüchtlingskrise aber wieder. Hat Anspruch auf Kanzlerkandidatur 2017 angemeldet. Bei seiner Rede gab er sich staatsmännisch und warb für einen Kurs der Mitte. Die Linke goutierte das nicht. Die herbe Quittung: Nur 74,3 Prozent nach 83,6 Prozent vor zwei Jahren.

Hannelore Kraft

Landesmutter in Nordrhein-Westfalen, lange als Gabriel-Konkurrentin gehandelt, will von Bundespolitik aber nichts mehr wissen. Konzentriert sich voll auf die Landtagswahl 2017 an Rhein und Ruhr. In der Flüchtlingskrise wieder präsenter. Parteivize seit 2009, bei der letzten Parteitagswahl vor zwei Jahren 85,6 Prozent. Am Freitag fehlte sie wegen Fieber und Schüttelfrost. Geschadet hat es nicht: Sie kam auf 91,4 Prozent Zustimmung.

Aydan Özoguz

Seit 2011 SPD-Vize (Wahl 2013: 79,9 Prozent). Die Flüchtlingskrise wäre für die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung eigentlich die große Zeit, um Akzente zu setzen. Sie blieb bislang aber eher blass - auch als Parteivize. Geht mit ihrer zurückhaltenden Art im SPD-Gefüge etwas unter. Als einzige Migrantin unter den Vizes hat die Tochter türkischer Kaufleute in diesen Zeiten dennoch einen festen Platz. Der Lohn: 83,6 Prozent.

Thorsten Schäfer-Gümbel

Landes- und Fraktionschef der hessischen SPD, wird oft unterschätzt, müht sich um bundespolitisches Profil. „TSG“ kümmert sich auch um die internationalen SPD-Kontakte. Der Mann mit den dicken Brillengläsern - in der Jugend drohte er zu erblinden - ist glühender Bayern-Fan, trat aus Protest gegen die Hoeneß-Steueraffäre aber beim Rekordmeister aus. Bekam 2013 als Vize 88,9 Prozent. Schaffte das Resultat diesmal fast: 88,0 Prozent.

Olaf Scholz

Wird als kluger Verhandler in der SPD geschätzt, wie bei den Bund-Länder-Finanzen. Für den Fall, dass Gabriel irgendwann nicht mehr will oder darf, fällt stets auch sein Name. Hat bei den Delegierten aber oft einen eher schweren Stand. Vor zwei Jahren bekam er als Vize nur 67,3 Prozent. Das Nein seiner Hamburger zur Olympia-Bewerbung der Hansestadt war für Scholz ein Dämpfer. Der Parteitag leistete etwas Aufbauarbeit: 80,2 Prozent.

Manuela Schwesig

Seit 2009 Parteivize (Wahl 2013: 80,1 Prozent). Die Bundesfamilienministerin hat sich in der SPD einen guten Stand erarbeitet - gerade mit ihrem Thema Frauen und Familie. Früher intern mitunter belächelt, gilt sie heute als wichtige Figur im Parteiengefüge, mit Aussicht auf höhere Aufgaben. Mit SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann soll sie das Wahlprogramm für 2017 erarbeiten. Erwartet derzeit ihr zweites Kind. Die Delegierten bescherten ihr mit 92,2 Prozent das beste Ergebnis aller Vizes.

Ralf Stegner

Allzweckwaffe vom linken Flügel, SPD-Erklärbär auf allen Kanälen. Träumt seit Jahren davon, Generalsekretär zu werden - darf aber nicht, weil es nach dem Fahimi-Rückzug wieder eine Frau sein sollte. Der Kieler Landeschef erhielt 2013 bei seiner Wahl zum Vize 78,3 Prozent. Auch er kann sein Niveau in etwa halten: 77,3 Prozent.

Katarina Barley

Von Gabriel als Generalsekretärin ausgeguckt. Bislang in der Bundespolitik kaum in Erscheinung getreten. Sitzt seit 2013 im Bundestag, muss nun den nächsten Wahlkampf vorbereiten. Machte vor der Politik Karriere als Juristin. Kein Wadenbeißer-Typ, eher ruhig, zurückhaltend. Muss sich in der SPD erst noch einen Namen machen. Der Parteitag gibt ihr mit 93 Prozent eine großen Vertrauensvorschuss. Fast 20 Punkte mehr als ihr künftiger Chef Gabriel.

Doch Generalsekretärin der SPD unter einem Parteichef Gabriel – das ist wohl einer der schwierigsten Jobs, die das  politische Berlin zu bieten hat. Schon bei Andrea Nahles war immer wieder von Spannungen zwischen ihr und dem impulsiv agierenden Gabriel die Rede. Auch die Zusammenarbeit mit Fahimi lief von Beginn an alles andere als reibungslos. Nach zwei verschlissenen Generalsekretärinnen soll es nun bei Barley besser laufen. Es steht jedoch zu befürchten, dass die Strippen für den Wahlkampf 2017 jemand anderes ziehen wird – der im Berliner Politikbetrieb gewiefter unterwegs ist.

Gabriel und sie verbinde „eine ähnliche Art Humor, wir sind beide intuitive Menschen. In einigen Punkten sind wir aber auch verschieden“, beschrieb die designierte Generalsekretärin vor Amtsantritt bei der SPD-Parteizeitung „Vorwärts“ ihr Verhältnis zum Parteivorsitzenden. „Ich denke, wir ergänzen uns gut, wir respektieren uns“.

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