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30.06.2015

14:11 Uhr

Keine Einigung

Fracking-Gesetz vorerst gescheitert

VonSilke Kersting, Klaus Stratmann

Das geplante Fracking-Gesetz ist vorerst gescheitert. Eigentlich sollte das Gesetzespaket vor Beginn der parlamentarischen Sommerpause stehen. Doch ein neuer Anlauf kann nun frühestens im September gestartet werden.

Umweltschützer und Einwohner protestieren in Saal (Mecklenburg-Vorpommern) gegen den Einsatz von Fracking. Die Koalition konnte sich nicht auf Regelungen zu der umstrittenen Fördermethode von Gas einigen. dpa

Protest gegen Fracking

Umweltschützer und Einwohner protestieren in Saal (Mecklenburg-Vorpommern) gegen den Einsatz von Fracking. Die Koalition konnte sich nicht auf Regelungen zu der umstrittenen Fördermethode von Gas einigen.

BerlinDie ablehnende Haltung der SPD-Fraktion zur geplanten Fracking-Gesetzgebung sorgt innerhalb der Regierungskoalition für Spannungen. Es sei ein „einmaliger Vorgang“, dass die SPD-Fraktion einem Gesetzentwurf die Zustimmung verweigere, obwohl dieser aus zwei SPD-geführten Ministern stamme, sagte Unions-Fraktionsvize Georg Nüßlein (CSU) dem Handelsblatt.

Mit der Verweigerungshaltung vergebe die SPD die Chance, auch für konventionelles Fracking, das in Deutschland seit Jahrzehnten praktiziert wird, strenge Umweltstandards zu definieren, kritisierte der Unionspolitiker.

Fracking: Segen oder Umweltverbrechen?

Erbitterter Streit

Neue Technologien sind oft umstritten. Doch beim Fracking geht der Streit weit über das normale Maß hinaus. Ist die Fördertechnik für Erdgas der Umweltfeind Nummer eins seit der Atomkraft? Oder doch nur eine missverstandene, aber vielversprechende Technologie?

Die Technik

Beim Fracking wird kilometertief in die Erde gebohrt - und dann noch einmal horizontal, zuweilen sechs Kilometer weit. In die Kanäle wird ein Chemiecocktail gepresst, der den Boden aufreißt. Sand in der Flüssigkeit sorgt dafür, dass sich die Risse nicht wieder schließen. Durch sie treten das Erdgas - oder andere Rohstoffe - aus, die dann wie üblich gefördert werden können.

Die Szenerie

Im kanadischen Dawson Creek stand erst ein Bohrturm, 50 Meter hoch. Danach kam das eigentliche Fracking: Sechs gewaltige Trucks stehen dicht nebeneinander und pumpen die Lauge in die Bohrlöcher, 100.000 Kubikmeter pro Bohrfeld. Man versteht sein eigenes Wort nicht, aber die Arbeiter schauen fast gelangweilt auf die Messinstrumente. Ihre Schichten sind hart, der Lohn sind 70.000 bis 140.000 Euro im Jahr. Sind sie weg, ist auch der Lärm weg. Dann soll das Gas 20, 30 Jahre leise aus der Erde in die Pipelines steigen.

Die Gegner

Don Vander Velde ist 68 Jahre alt. Sein ganzes Leben hat er auf dem Land in Alberta, Kanada, gelebt, das seiner Familie seit 1904 gehört. Seit einem Jahrzehnt wird in der Nähe gefrackt. „Manchmal bebt der Boden“, sagt der Farmer. „Und was für Chemikalien kommen da rein?“ Don ist beunruhigt, weil er Kinder, Enkelkinder und eine Urenkelin hat. Die kleine Aspen ist zehn Monate. „Ich bin alt, aber ich möchte nicht ihre Zukunft verspielen.“ Dabei habe er nichts gegen die Förderung. „Ich will auch Energie. Alberta braucht das Gas, so wie es uns Farmer braucht. Also fördert! Aber macht es sicher!“

Das Unternehmen

Encana ist ein Fracking-Riese und Kellen Foreman ist seit elf Jahren dabei. „Wir wollen Transparenz“, beteuert der 29-Jährige. Deshalb würden für Millionen Dollar Zehntausende Wasserproben untersucht. „Und bei nicht einer einzigen ist irgendwo in Kanada eine Verunreinigung des Trinkwassers nachgewiesen worden.“ Und die Erschütterungen? Nur mit feinen Instrumenten messbar. Er könne die Sorgen der Menschen völlig verstehen. „Aber es steckt eine Menge Wissenschaft hinter Fracking. Wir sind keine Cowboys, die da rausgehen und die Erde aufwühlen. Das ist Hochtechnologie.“

Die Politikerin

Hannelore Kraft ist 8000 Kilometer weit gereist, um sich selbst ein Bild zu machen. Mit rotem Overall und weißem Helm steht die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen im Matsch von Dawson Creek in der Wildnis Kanadas, spricht mit den Arbeitern, untersucht die Bohrköpfe und befühlt die Chemielauge, die verpresst wird. „Ich kann mir das im Münsterland nicht so recht vorstellen“, sagt sie. Kraft ist beeindruckt, das merkt man ihr an. Auch von der Offenheit der Arbeiter und der Bohrfirma - in den Augen vieler doch „die Bösen“. Aber kann die Technik auch in Deutschland eingesetzt werden, einem Land das mehr als doppelt so viele Einwohner wie Amerika auf einem Dreißigstel der Fläche hat? „Es ist noch nicht reif, das zu entscheiden. Aber ich kann mir das im dicht besiedelten NRW kaum vorstellen.“

Der Wissenschaftler

Uwe Schneidewind ist einer der wenigen Fracking-Experten in Deutschland. Der Professor und Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie sieht vier Punkte zur Beurteilung von Fracking: klimapolitisch („Unkonventionelle Kohlenstoffvorkommen möglichst nicht anrühren“), volkswirtschaftlich („Arbeitsplatzeffekt ist vorhanden, aber beschränkt“; „Gaspreis sinkt, aber in Europa nicht nachhaltig“), geostrategisch („Abhängigkeit von anderen sinkt, bleibt aber bestehen“) und ökologisch („selbst bei Lösung vieler Probleme in Europa nicht wirklich attraktiv“).

Die Filme

„Gasland“ war ein Welterfolg. Der Dokumentarfilm von Josh Fox aus dem Jahr 2010 wurde nicht nur für den Oscar nominiert, sondern er hat das Thema Fracking auch für die breite Öffentlichkeit erst auf die Tagesordnung gesetzt. In der Schlüsselszene wird ein Wasserhahn aufgedreht und das Wasser angezündet – es brennt. Scharfe Kritik kam von der Branche, aber auch durch einen Kollegen: In „FrackNation“ bezichtigt Filmemacher Phelim McAleer seinen Kollegen Fox, wissentlich ungenau gewesen zu sein. So habe es Berichte über entzündetes Leitungswasser lange vor Fracking gegeben. Inzwischen gibt es „Gasland II“. Als die Dokumentation im April auf dem New Yorker Tribeca-Filmfestival gezeigt wurde, wurden Fans von „FrackNation“, trotz Karten, nicht eingelassen.

„Es ist notwendig, sich für die Klärung der zentralen Fragen noch etwas Zeit zu nehmen. Es gilt Gründlichkeit vor Schnelligkeit“, sagte der umweltpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Matthias Miersch, der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.

Der Gesetzentwurf aus dem Bundesumweltministerium und aus dem Bundeswirtschaftsministerium sollte ursprünglich am kommenden Freitag im Bundestag behandelt werden. „Das Thema wurde lange genug diskutiert – wir brauchen jetzt ein Gesetz“, hatten Unionsvertreter noch vor dem endgültigen Scheitern der Gespräche gewarnt.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hatte bereits im November 2014 einen Gesetzentwurf vorgelegt. Dieser sieht vor, dass kommerzielles Fracking hierzulande zwar nur noch unter strengsten Auflagen möglich sein soll – wissenschaftliche Probebohrungen sollten aber erlaubt sein.

Kommentare (5)

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Herr Vitto Queri

30.06.2015, 14:41 Uhr

>> Fracking-Gesetz vorerst gescheitert >>

Die Amis fahren ihr verbrecherisches "Fracking" wegen Umweltzerstörung und Unrentabilität runter : die Deutschen Dilettanten wollen PROBEBOHRUNGEN erlauben..............?

Geht's noch ?

Herr Peter Brämswig

30.06.2015, 15:35 Uhr

Eigentlich ist es doch ganz einfach: Generelles Verbot von Fracking!!!!
Egal, in welcher Form, Tiefe usw.
Wir jagen uns noch selber in die Luft!

Herr Alexander Knoll

30.06.2015, 15:53 Uhr

Ich würde mich sehr freuen, wenn anstelle emotionaler Statements seitens der Politik und der Menschen fundierte und nachprüfbare Fakten auf dem Tisch liegen würden. Eine Technologie zu verteufeln ist einfach, ich würde aber gerne wissen ob die Informationen über die wir verfügen tatsächlich stimmen oder nur Stimmungsmache sind. Zur Zeit ist es eine wüste Gemengelage, Beweise für die eine oder andere Seite sind heute zumindest fragwürdig.

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