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21.05.2011

15:50 Uhr

Kernenergie

Merkel forciert Atom-Ausstieg bis 2022

In der Debatte um den Atomausstieg zeichnet sich das Aus für das letzte deutsche AKW innerhalb von rund zehn Jahren ab. Die Kanzlerin zeigt Sympathien für das CSU-Ausstiegsziel 2022. Von der FDP kommt Kritik.

Kanzlerin Angela Merkel und Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer sind sich einig: Bis 2012 soll der Atomausstieg gelingen. Quelle: dapd

Kanzlerin Angela Merkel und Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer sind sich einig: Bis 2012 soll der Atomausstieg gelingen.

AnderchKanzlerin Angela Merkel äußerte am Samstag Sympathie für den von der CSU beschlossenen Ausstieg bis 2022. "Ich finde, dass der Zeitraum, in der die CSU ihre Entscheidungsmöglichkeit sieht, ein richtiger Zeitraum ist", sagte die CDU-Vorsitzende. Sie machte bei der Vorstandsklausur der Schwesterpartei im oberbayerischen Kloster Andechs deutlich, dass auch die CDU ein festes Datum anstrebe: "Die Menschen wollen einen konkreten Endpunkt wissen und deshalb werden wir auch insgesamt über eine solchen konkreten Endpunkt sprechen." Erstmals sind seit diesem Wochenende wegen des AKW-Moratoriums sowie wegen Wartungsarbeiten insgesamt 13 von 17 Meilern vom Netz. Die Bundesnetzagentur nannte die Stromversorgung dennoch gesichert.

Pro Kernkraft: Sauber und günstig

Günstige Energiequelle

Ein rascher Ausstieg aus der Kernenergie vernichtet Vermögen. Ein Kernkraftwerk zu bauen, ist teuer. Ein neues Kraftwerk mit einer Leistung von 1600 Megawatt kostet rund 4,5 Milliarden Euro. Das ist mehr als doppelt so viel wie ein Kohlekraftwerk. Die bestehenden Kernkraftwerke in Deutschland sind alle komplett abgeschrieben, die Betreiber müssen also nur mit den vergleichsweise geringen Produktionskosten kalkulieren. Die eingesetzten Brennstäbe sind verglichen mit anderen Brennstoffen günstig. Die Produktion einer Megawattstunde kostet in einem Kernkraftwerk Branchenangaben zufolge rund 15 bis 20 Euro, in Kohle und Gaskraftwerken sind es 30 bis 40 Euro.

Wie hoch die Werte sind, die bei einer Laufzeitverkürzung oder einer Stilllegung der Anlagen vernichtet werden, lässt sich ermessen, wenn man den Gewinn betrachtet, der die beschlossene Verlängerung einbringt. Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) hatte

errechnet, dass sich die zusätzlichen Einnahmen auf 57 Milliarden Euro summieren, wenn der Strompreis langfristig etwa auf dem gegenwärtigen Niveau von etwa 50Euro je Megawattstunde bleibt.

Staat profitiert

Natürlich profitieren von der Laufzeitverlängerung zunächst Eon, RWE, EnBW und Vattenfall. Der Staat hat ja aber einen Weg gefunden, sich an den Gewinnen zu beteiligen. Bis 2016 erhebt der Staat die neue Brennelementesteuer,
die sich auf knapp 14Milliarden Euro summieren soll. Zudem sollen die Unternehmen bis dahin 1,4 Milliarden Euro in einen Fonds zur Förderung der erneuerbaren Energien einzahlen. Anschließend müssen die Unternehmen pro produzierter Megawattstunde neun Euro abführen, falls der Strompreis konstant bleibt. Steigt er, steigt auch die Abgabe. Nach den Schätzungen der LBBW würde der Staat – bei konstanten Strompreisen – rund 31 Milliarden Euro abschöpfen, bis das letzte Kernkraftwerk 2040 vom Netz ist. Also mehr als die Hälfte.

Niedriger Strompreis

Kernkraftwerke dämpfen den Strompreis. Die Stromproduzenten setzen natürlich zuerst ihre günstigsten Kraftwerke in Gang, um die Nachfrage zubefriedigen. Zuerst die Kernkraftwerke, dann die Braunkohleanlagen, dann die mit Steinkohle, zuletzt die mit Gas – und bei absoluten Stromspitzen sogar die mit Öl befeuerten. So erzielen sie die höchsten Renditen. Der Preis wird dabei an der Strombörse durch die Grenzkosten des teuersten Kraftwerks gesetzt, das ans Netz muss, um die Nachfrage zu decken. Werden vergleichsweise günstige
Kernkraftwerke aus dem Markt genommen, müssen die Produzenten auf teurere Anlagen zurückgreifen und die Preiskurve verschiebt sich nach oben. Der Effekt lässt sich schwer beziffern.
Das Prognos-Institut und das Energiewirtschaftliche Institut der Uni Köln (EWI) hatten im vergangenen Sommer in verschiedenen Szenarien aber nachgewiesen, dass längere Laufzeiten die Preise drücken.

Gut für den Klimaschutz

Die Atomlobby hat in den vergangenen Jahren ein überraschendes Argument bekommen: den Klimaschutz. Nicht nur Wind- und Solaranlagen erzeugen CO2-frei Strom, sondern auch Kernkraftwerke. Die Argumentation der Atombefürworter: Gehen Kernkraftwerke
vom Netz, müssen schmutzige Kohlekraftwerke länger laufen. Die deutschen Kernkraftwerkewürden der Umwelt deshalb rund 150 Millionen Tonnen CO2 jährlich ersparen, so viel wie der gesamte Pkw-Verkehr in Deutschland ausstößt. Weltweit sind es sogar 2,5 Milliarden
Tonnen CO2. Nach Einschätzung der Internationalen Energieagentur (IEA) lassen sich die Klimaschutzziele ohne die Kernenergie nicht erreichen.

Hohe Versorgungssicherheit

Für ein Land wie Deutschland, das auf den Import von Rohstoffen angewiesen ist, ist die Kernenergie ein Beitrag zur Versorgungssicherheit. Öl und Gas müssen aus politisch instabilen Regionen importiert werden – aus dem Nahen Osten oder aus Russland. Zwar muss auch Uran eingeführt werden, die Brennstäbe lassen sich aber länger lagern.

Energiemix

Kernenergie lässt sich nicht ohne weiteres durch Wind- oder Solarstrom ersetzen. Kernkraftwerke sind Grundlastkraftwerke, die konstant und stabil Strom liefern. Der Ertrag aus Wind- oder Solaranlagen schwankt dagegen abhängig von der Witterung stark. Im Jahr 2009 hatteKernenergie an den installierten Erzeugungskapazitäten nur einen Anteil von 13 Prozent. Zum Vergleich für die Unkalkulierbarkeit der Windenergie: Am 5. November 2010 liefen die Windräder in Deutschland auf Hochtouren. Knapp 25 000 Megawatt an Leistung waren in Betrieb. Innerhalb von zwei Tagen fiel der Ertrag aber schlagartig ab. Am 7. November waren es nur noch ein paar hundert Megawatt.

Ausstieg wäre Sonderweg

In Deutschland ist die Front gegen die Kernenergie traditionell höher als in anderen Staaten. Während die Bundesregierung im vergangenen Jahr mühevoll die Verlängerung der Laufzeiten durchgesetzt hat, haben andere Staaten sogar den Neubau angekündigt. Weltweit sind derzeit 170 Projekte mit rund 560 Reaktoren in der Planung. Zum Vergleich: Aktuell sind nur 440 Anlagen am Netz. Am größten ist die Fantasie in Asien. In China wird auf 20 Atombaustellen gebaut, für mehr als 30 liegen Baugenehmigungen vor. Auch Indien und Russland planen viele Projekte. Aber ebenso in Frankreich und Großbritannien werden Anlagen geplant. Zwar dürfte die Katastrophe in Japan die Pläne beeinflussen. Aber insbesondere die Schwellenländer werden sich wohl kaum beeindrucken lassen. China hat bereits angekündigt, unverdrossen auf neue Kernkraftwerke zu setzen.

Die Zeitspanne von einem Jahrzehnt hatte bereits CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe realistisch genannt. Das Bundeskabinett will sich am 6. Juni festlegen. Zuvor wird noch der Abschlussbericht der von Merkel eingesetzten Ethik-Kommission zur Atomfrage erwartet.

Schlarmann: Merkel handelt überstürzt

Die Unions-Mittelstandsvereinigung attackierte das Vorgehen von Merkel als überstürzt. Energie würde jetzt in Deutschland nicht nur teurer, sondern auch weniger umweltfreundlich, sagte der Vorsitzende Josef Schlarmann dem Magazin "Focus". Die Atomkraft werde durch Braunkohle, Gas aus Russland und Atomstrom aus Nachbarländern ersetzt.

Die Grünen warfen Merkel ein durchsichtiges Spiel vor: Ein Ausstieg 2022, zusammen möglichst mit einer Überprüfungsklausel, sei nur der Versuch, sich ein Hintertürchen offen zu halten, sagte Fraktionschef Jürgen Trittin. Mit entsprechendem Ausbau des Ökostroms sei der Ausstieg schon 2017 möglich. Dass derzeit nur vier AKW liefen, zeige, dass Warnungen vor einer Stromlücke Panikmache der Atombefürworter seien.

Contra Kernenergie: Risiken

Das Müllproblem

Bei der Stromproduktion in Kernkraftwerken fällt hochradioaktiver Abfall an, der über eine Million Jahre strahlt und deshalb sicher verwahrt werden muss. Weltweit gibt es noch keine Lösung für ein Endlager, bislang wird der Abfall daher überall nur provisorisch zwischengelagert. Enorme Akzeptanzprobleme erschweren in Deutschland seit Jahrzehnten die Suche nach einem geeigneten Endlager. Es ist noch nicht einmal unstreitig klar, welche Gesteinsformation für eine unterirdische, dauerhafte Lagerung in Betracht kommt. Ob ein Salzstock wie Gorleben oder aber Ton- und Schiefergestein die beste Lösung darstellen, muss sich erst noch zeigen. Die Anforderungen an ein Endlager sind enorm hoch.
Zentrales Problem: Das Lager muss definitiv wasserdicht sein und auf Hunderttausende Jahre bleiben. Niemand kann seriös entsprechende Voraussagen treffen. Zur Veranschaulichung: Die letzte Eiszeit in Norddeutschland liegt keine 20 000 Jahre zurück. Die geologische Sicherheit eines Endlagers muss also für das 50-fache der Zeit seit der letzten Eiszeit gewährleistet sein. Die menschliche Kultur lässt sich gerade einmal ein paar tausend Jahre zurückverfolgen, Sprachen ändern sich im Laufe weniger Jahrhunderte. Dennoch müssen spätere Generationen über Jahrtausende informiert und gewarnt werden – eine kaum zu bewältigende Herausforderung.

Das Havarierisiko

Die Befürworter der Kernkraft argumentieren, eine Kombination aus Erdbeben und Tsunami wie in Japan sei in Deutschland nicht vorstellbar. Das stimmt. Aber es sind andere äußere Einwirkungen denkbar. Vor zehn Jahren hätte niemand gedacht, dass Terroristen einmal gezielt große Passagiermaschinen einsetzen würden, um damit in die Türme des World Trade Centers zu fliegen. Auch Kernkraftwerke könnten Ziele von Terrorangriffen mit großen Passagiermaschinen werden. Keines der deutschen Kernkraftwerke ist dagegen gewappnet. Die deutschen Anlagen können äußerstenfalls dem Absturz eine Militärjets, also etwas eines Eurofighters, standhalten.
Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn eine A 380 Kurs nähme auf einen Reaktor. Die Betreiber haben versucht, das Risiko zu minimieren, in dem sie Reaktoren mit speziellen Nebelmaschinen ausgestattet haben. Sie sollen die Anlagen binnen kurzer Frist so stark einnebeln, dass sie schwerer zur Zielscheibe werden können. In Zeiten satellitengestützer Navigation ist das allerdings sinnlos. Ein Schutz gegen Terrorangriffe ist somit nicht gegeben. Die Betreiber wehren sich auch dagegen, diesen Schutz zu verbessern. Sie argumentieren, eine Verstärkung der Hülle in dem von Kernkraftkritikern geforderten Maße mache den Betrieb gerade älterer Meiler unrentabel.

Das Altersrisiko

Die deutschen Kernkraftwerke gehören zu den sichersten der Welt. Darauf weisen die Betreiber immer wieder hin. Tatsächlich schneiden sie bei diversen Rankings gut ab und weisen auch lange störungsfreie Betriebszeiten auf. Dennoch wären gerade die älteren Meiler heute nicht mehr genehmigungsfähig. Sie entsprechen nicht mehr dem letzten Stand der Technik. Nicht alles kann man nachrüsten, konstruktionsbedingte Schwächen sind oft nicht auszumerzen.

Atomkraft verstopft die Netze

Die Verlängerung der Kernkraftwerkslaufzeiten behindert den Wettbewerb. Weil die alten Meiler der vier großen Betreiber länger am Netz bleiben, haben neue Marktteilnehmer in den kommenden Jahren keine Chance. Viele Stadtwerke und Regionalversorger hatten auf den Atomausstieg gesetzt und wollten Milliarden in den Bau neuer, hocheffizienter Gas- oder Kohlekraftwerke stecken. Diese Investitionen entfallen wegen der Laufzeitverlängerung. Die Marktmacht der vier großen Betreiber, die mehr als zwei Drittel des Stroms in Deutschland erzeugen, bleibt ungebrochen. Dabei hatte es die Bundesregierung zu ihrem Ziel erklärt, den Wettbewerb auf dem Stromerzeugungsmarkt anzukurbeln.

Uran

Beim Uran ist Deutschland zu hundert Prozent auf Importe angewiesen. Die Vorkommen sind nicht unbegrenzt. Angesichts der ehrgeizigen Pläne von Ländern wie China beim Ausbau der Kernkraft gibt es einen Run auf Uran. In wenigen Jahrzehnten drohen Engpässe.

Militärische Nutzung

Unter dem Deckmantel friedlicher Atomprogramme versuchen Staaten immer wieder, Kernwaffenprojekte zu starten. Mit der Renaissance, die die Kernkraft in den vergangenen Jahren erfahren hat, sind unkalkulierbare Risiken verbunden. Die Transparenz westlicher Demokratien bei der zivilen Nutzung der Kernkraft ist längst nicht selbstverständlich. Es ist daher unverantwortlich, wenn sich Staaten wie Frankreich dafür starkmachen, Kernkraftwerke in aller Welt zu bauen.

Atomkraft ist teuer

Das Argument vom billigen Atomstrom, der das Strompreisniveau für alle Verbraucher senkt, ist nicht stichhaltig. In den abgeschriebenen Meilern lässt sich tatsächlich günstig Strom produzieren. Doch davon haben die Verbraucher nicht viel. Die Betreiber verkaufen den Strom zum Marktpreis. Und der wird bestimmt vom letzten Kraftwerk, das benötigt wird, um den aktuellen Stromverbrauch in Deutschland zu bedienen. Bei diesem letzten Kraftwerk handelt es sich in der Regel um ein Gas- oder Kohlekraftwerk. Es setzt den Preis für alle. Für die Kernkraftwerksbetreiber ergibt sich eine hohe Marge. Zudem spiegelt der Preis nicht die wirklichen Kosten wider: Der Rückbau der Anlagen taucht in keiner Kalkulation auf, Störfallrisiken sind nicht komplett versicherbar.

Kommentare (8)

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Account gelöscht!

21.05.2011, 20:05 Uhr

Propaganda-Tünche, um die eigentlichen Probleme zu verdecken und keiner greift Merkel dafür an!

MaWo

22.05.2011, 08:28 Uhr

Hallo,
unbeschadet der These Atonenergie "Ja" oder "Nein", stellt sich mir die Frage wie es möglich ist, dass ein beschlossener Ausstieg umgewandelt wurde in eine Laufzeitverlängerung und nun wieder in einen Ausstieg, sogar mit Angabe des Datums?
Von Intelligenz der Entscheidungsträger zeugt das nicht gerade.

Account gelöscht!

22.05.2011, 11:57 Uhr

Die deutsche Energiedebatte ist ein ideologisches Tollhaus - nahezu nichts, was da "argumentiert" wird, stimmt mit den Fakten und den naturwissenschaftlichen, technischen und wirtschaftswissenschaftlichen Erkenntnisständen überein. Eine massive Mitschuld hieran tragen die Medien, die sich in den letzten Jahren zu Sprachrohren der Inkompetenz entwickelt haben.

Beispiel 1: Die Klimalüge, die - wie der Artikel korrekt aufzeigt - sowohl von grünen Aktivisten und Zivilisationshassern als auch von den Kraftwerksbetreibern verbreitet wird, deren letztere sich dann wundern, warum ihnen jetzt die Politik mit "Zertifikaten" das Fell über die Ohren zieht. Warum wird die in der deutschen Presse niemals hinterfragt?

Beispiel 2: die Geschichtslüge. Im 18. und frühen 19. Jahrhundert war Europa voller Windräder. Aber dann verschwanden sie, und existierten zuletzt nur noch als Denkmäler oder umgebaut als Discos oder Restaurants. Warum werden unisono Windmühlen als Zukunftstechnologie dargestellt, obwohl sie allein deshalb aufgebaut werden, weil eine ideologisch aber auch durch Korruption getriebene Politik sie subventioniert? Warum wird ihr historisches Scheitern niemals thematisiert?

Beispiel 3: Die Fukushima-Lüge von der "Atomkatastrophe" - der vielleicht ersten "Katastrophe" in der Menschheitsgeschichte, deren Blutzoll gerade einmal aus zwei Dutzend Verletzten besteht, darunter genau zweien durch Strahlung. Und sonst? Ein Gebiet wurde vorübergehend evakuiert - so groß wie ein mittlerer deutscher Landkreis. Und - bevor ich`s vergesse - Sandaale aus der Provinz Fukushima sollen nicht gegessen werden, Spinat nicht, und ein paar andere Gemüse. Trinkwasser ist längst wieder freigegeben, sogar für Babynahrung.


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