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06.07.2016

16:58 Uhr

Kinderarmut

Deutschlands Schande

VonPeter Thelen

Viel zu viele politische Maßnahmen gegen Kinderarmut sind ein Flop. Denn die Zahl der armen Kinder steigt weiter. Es bleibt bleibt ein Generationenproblem, das vererbt wird. Und das ist ein Skandal. Eine Analyse.

In Deutschland gibt es wieder mehr arme Kinder.

Spielen und wohnen

In Deutschland gibt es wieder mehr arme Kinder.

Berlin2014 hat die Bertelsmann-Stiftung schon einmal auf den engen Zusammenhang zwischen der wachsenden Zahl Alleinerziehender und der recht hohen Kinderarmut in Deutschland hingewiesen. Ihr aktueller Report zum Thema belegt, dass sich die Lage der Alleinerziehenden sich eher noch verschlechtert hat. 41 Prozent waren 2014 von Armut bedroht. Im Report von 2014, der die Entwicklung bis 2012 untersucht hatte, waren es noch 39 Prozent. Warum muss uns das bekümmern?

Im internationalen Vergleich steht Deutschland bei dem Thema Kinderarmut doch gar nicht so schlecht da, wie es die regelmäßigen Alarmmeldungen der Sozialverbände oder auch der Bertelsmann-Stiftung glauben machen wollen. Nach einer Vergleichsstudie vom Kinderhilfswerk Unicef liegt Deutschland von 41 EU-Staaten und OECD-Ländern im Mittelfeld an 14. Stelle. In den vergangenen Jahren ist laut Unicef die „Kinderarmut“ insgesamt in Deutschland sogar eher gesunken, trotz der Zunahme der Probleme bei Alleinerziehenden.

Armut in Deutschland

Welche Daten zur Situation von Alleinerziehenden enthält die Studie?

Die Zahl der Alleinerziehenden steigt seit Jahren: Inzwischen ist jede fünfte Familie eine Ein-Eltern-Familie. 2,3 Millionen Kinder wachsen damit bei Alleinerziehenden auf, überwiegend bei der Mutter (89 Prozent). Von diesen Müttern sind 61 Prozent erwerbstätig. Weil sie sich neben dem Beruf meist ohne den Partner um Haushalt und Kinder kümmern müssen, arbeiten sie oft in Teilzeit (58 Prozent), dann im Schnitt mit 29,5 Wochenstunden rund fünf Stunden mehr als Mütter in Familien mit zwei Elternteilen. Dennoch sind Alleinerziehende besonders häufig armutsgefährdet.

Sind Ein-Eltern-Familien schlechter dran als Paarfamilien?

Ja, und zwar deutlich, wie gleich zwei Indikatoren zeigen. Sie sind etwa fünfmal häufiger von Sozialleistungen abhängig. Laut Studie erhielten im vergangenen Jahr 37,6 Prozent der Alleinerziehenden Hartz-IV-Leistungen, der Anteil der Paarhaushalte mit Kindern lag bei 7,3 Prozent. Die sogenannte Armutsrisikoquote zeigt die Unterschiede ebenso klar: 42 Prozent der Alleinerziehenden bezogen 2014 ein Einkommen, das weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens entsprach. Bei Paarfamilien lag die Quote bei 10,6 Prozent.

Welche Gründe sehen die Experten für das wachsende Risiko?

Als wichtige Ursache nennt die Bertelsmann-Stiftung ausbleibende Zahlungen des getrennt lebenden Elternteils: Drei von vier Kindern erhalten nicht, was ihnen zustehe. Die Hälfte bekommt gar nichts vom Unterhaltspflichtigen, obwohl es ihnen zusteht, ein weiteres Viertel zu wenig oder unregelmäßig Geld. Auch steuerlich seien Alleinerziehende trotz erhöhter Freibeträge noch immer nicht genauso gut gestellt wie Paare mit Kindern, kritisieren Verbände. Zu kurze Kita-Öffnungszeiten und wenig Flexibilität bei Arbeitgebern machen es Alleinerziehenden zusätzlich schwer auf dem Arbeitsmarkt.

Welche konkreten Verbesserungsvorschläge gibt es?

Fachleute halten eine Reform des Unterhaltsvorschusses für einen guten Hebel. Bislang springt der Staat bei ausbleibendem Unterhalt nur sechs Jahre lang und nur für Kinder unter zwölf Jahren ein. Zusätzlich brauche es bessere Durchsetzungsmöglichkeiten gegenüber den säumigen Väter oder Müttern. Grundsätzlich sei es wichtig, Alleinerziehende in der Familienpolitik stärker anzuerkennen - nur wer sie genauer in den Blick nehme könne Kinderarmut mit gezielten Maßnahmen wirksam bekämpfen, betonen die Experten.

Zudem: Der Armutsbegriff, der der Bertelsmann-Studie zugrunde liegt ist relativ. Danach gelten Familien als von Armut bedroht, wenn ihr verfügbares Einkommen 60 Prozent des mittleren Einkommens unterschreitet. Rein statistisch steigt die Armut also auch dann, wenn in einen Jahr die Zahl der Gutverdiener wächst. Und außerdem: Kinder haben vom Einkommen der Eltern in Deutschland unabhängig genau die gleichen Ansprüche auf Betreuung und Förderung in Kinderkrippe, Kindergarten und Schule.

Alles richtig. Trotzdem belegen alle Untersuchungen zu diesem Thema, dass Kinder aus Familien, die dauerhaft weniger als 60 Prozent des Durchschnitts zum Leben haben, geringere Chancen haben als andere, ein gutes und erfülltes Leben als Erwachsende zu führen. Das fängt beim rein Materiellen an. „Arme“ Kinder kommen häufiger hungrig und ungewaschen in den Kindergarten oder die Schule. Sie haben zu Hause kein eigenes Kinderzimmer und die Eltern können sich nicht leisten, sie modisch zu kleiden. Aktivitäten, die für Kinder aus wohlhabenden Elternhäusern selbstverständlich sind wie der Besuch eine Musikschule, die Mitgliedschaft in einem Sportverein oder der Besuch eines Museums oder Theaters, sind ihnen verschlossen.

Kommentare (11)

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Herr Tom Schmidt

06.07.2016, 17:22 Uhr

Ist das wirklich ein Skandal?

Eine Leistungsgesellschaft muss Leistung belohnen, das heißt aber auch das Nicht-Leistung eben nicht belohnt wird. Und hier öffnet sich schon die Schere.

Gleichzeitig haben wir den Effekt, dass sich vor allem die Hartz-IVler vermehren und die Akademiker kinderlos bleiben, schon performt ein größerer Anteil von Kindern nicht.

Ist in Deutschland die Situation schlechter als in anderen Ländern? Ich habe da so meine Zweifel. Wenn man die OECD heranzieht, dann muss man auch immer im Hinterkopf haben, dass die Länderstatistiken nicht nach denselben Regeln gemacht werden. Anders gesagt: in manchen Ländern ist mancher Akademiker, der bei uns nicht mal Pförtner werden würde! Geschweige denn, dass er die Ausbildung eines deutschen Handwerkmeisters hätte.

Und zu guter Letzt sollten wir das Thema Vererbung nicht nur an den schlechten Verhältnissen festmachen. Wenn man alle positiven Eigenschaften genetisch erben kann (z.B. können beide Boateng-Brüder gut Fußball spielen), warum dann plötzlich die schlechten nicht?

Wenn man dann nach Jahrzehnten einer offenen Gesellschaft eine Bilanz zieht, dann ist normal, dass sich gewisse Entmischungsprozesse zeigen. Das ist doch eben das Kennzeichen der Leistungsgesellschaft, diejenigen, die sich auch über Generationen anstrengen sind erfolgreich. In geschlossenen Gesellschaften bleiben auch schlaue unten, weil man sie nicht hochkommen läßt. Dann ist das was anderes.

Herr Riesener Jr.

06.07.2016, 17:22 Uhr

Herr Riesener Jr.

06.07.2016, 17:28 Uhr

Herr Schmidt, endlich mal einer, der das Wort "Leistung" in den Mund nimmt. Bzw. Leistungsgerechtigkeit. Die steht leider im Widerspruch zur sozialen Gerechtigkeit. Über letztere wird ständig geschrieben und es wird entsprechend Politik dafür gemacht. Man muss aber einen vernünftigen Kompromiss zwischen Leistungsgerechtigkeit und sozialer Gerechtigkeit finden!

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