Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

17.04.2013

11:35 Uhr

Kinderbetreuung

Kita verzweifelt gesucht

VonMaike Freund

Damit Frauen früher in den Beruf zurück können, haben Eltern vom Sommer an einen Rechtsanspruch auf die Betreuung von Kindern unter drei Jahren. Doch die Suche ist eine Tortur: Eine Mutter erzählt von der absurden Jagd.

Die Kita-Platz-Suche gestaltet sich schwer. Getty Images

Die Kita-Platz-Suche gestaltet sich schwer.

DüsseldorfGerade kam wieder eine Absage. Die dritte. Alle Nachfragen haben nichts genutzt. Jetzt bleiben für Tina Tischler (34) und ihre Tochter Marie (Name geändert) nur noch die städtischen Kitas. Diese Woche verteilt die Stadt Köln zwar ihre Plätze. „Doch die Chancen auf einen Betreuungsplatz für meine einjährige Tochter stehen schlecht“, sagt Tischler. Das habe man ihr beim Jugendamt gesagt. Denn Marie ist im August geboren.

Das bedeutet: Tischler konnte ihre Tochter erst im Hochsommer auf die Warteliste für einen Kita-Platz setzen. Doch das heißt auch: Die Januar-bis-Juli-Geborenen stehen schon drauf. Und da die städtischen Kita-Plätze auch nach auch nach Wartezeit vergeben werden, muss Tischler zittern. Täglich müssten die Zu- oder Absagen kommen.

Zehn Dinge, mit denen Frauen ihre Karriere riskieren

Lieber Spaß als Macht

Fragt man eine Frau: Was ist Ihnen an ihrem Job wichtig? Lautet die Antwort nicht, mein Firmenwagen, das üppige Gehalt oder der leistungsabhängige Bonus. Nein! Frauen wollen hauptsächlich Spaß an der Arbeit. Während 49 Prozent der Frauen sich ein freundliches Arbeitsumfeld wünschen und 44 Prozent Wert auf vielfältige Arbeitsaufgaben legen, sind nur 16 Prozent auf Prestige und 9 Prozent auf eine rasche Beförderung aus.

Keine Ellenbogenmentalität

Gerade in größeren Abteilungen müssen sich Mitarbeiter häufig gegen ihre Kollegen durchsetzen, um sich Gehör und Respekt beim Chef zu verschaffen. Doch gerade dieser interne Konkurrenzkampf gefällt vor allem Frauen nicht. Eine Umfrage von TNS Emnid und der Axa-Versicherung zeigt, dass über ein Drittel aller Frauen Angst vor dem Konkurrenzkampf mit Kollegen haben. Nur 15 Prozent ihrer männlichen Mitstreiter sorgen sich darum.

Übersteigerter Teamgeist

Teamfähigkeit gilt als einer der wichtigsten Soft-Skills und gerade Frauen bevorzugen diese Form des Arbeitens. Ein Experiment an der Universität Lyon hat gezeigt, dass Männer vor allem dann Teamarbeit nutzen, wenn sie in dem geprüften Bereich nicht so leistungsfähig sind. Frauen arbeiten generell lieber im Team, unabhängig davon wie stark sie selbst auf dem jeweiligen Gebiet sind. Eine durchaus positive Fähigkeit, solange die eigene Leistung nicht vom Können des Teams überschattet wird.

Falsche Studienwahl

Die karriererelevanten Studienfächer sind nach wie vor Wirtschaftswissenschaften, Jura und Ingenieurswissenschaften. Während bei den Wirtschaftswissenschaften im Wintersemester 2010 immerhin 45 Prozent der deutschen Studierenden weiblich waren und bei Jura sogar über die Hälfte, sieht es im Bereich der Ingenieurswissenschaften weiterhin düster aus. Die Maschinenbaustudiengänge verzeichneten gerade einmal einen Frauenanteil von neun Prozent. Bei Elektrotechnik waren es sogar nur sechs Prozent.

Zu wenig Selbstbewusstsein

Frauen verkaufen sich häufig unter Wert und trauen sich selbst viel zu wenig zu. Eine Studie des Beratungsunternehmens Accenture zeigt, dass Frauen sich selbst beschuldigen, wenn es um die Gründe für ihre schlechten Aufstiegschancen geht. 28 Prozent der befragten Damen sagen, ihnen fehlten die nötigen Fertigkeiten für den nächsten Schritt auf der Karriereleiter.  

Chefinnen unerwünscht

Nicht nur Männer wollen keine Frauen als Chef, sogar die weiblichen Arbeitnehmer sind von Frauen in Führungspositionen wenig überzeugt. Nur drei Prozent wollen eine Chefin. Neunmal so viele finden es besser einen Mann als Chef zu haben. Das ergab eine repräsentative Umfrage der Meinungsforscher von Forsa.    

Rivalität unter Frauen

Damit in Zusammenhang könnte das Phänomen der Stutenbissigkeit stehen. Eine Studie der Universität Amsterdam belegt, dass Frauen zwar gut kooperieren können, aber nur so lange sie mit männlichen Kollegen zu tun haben. Sobald sie mit Frauen zusammenarbeiten sollen, ist es um den Teamgeist schlechter bestellt. Ein internationales Forscher Team setzte kürzlich sogar noch einen obendrauf. Sie fanden heraus, dass die Damen besonders schlecht miteinander können, wenn die jeweils andere bei den männlichen Kollegen gut ankommt. 

Über Geld spricht man nicht

Selbst Frauen in Führungspositionen verdienen immer noch deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen. Eine Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung unter 12.000 Akademikern zeigt die Unterschiede. Ein männlicher Abteilungsleiter verdient etwa 5000 Euro monatlich, sein weibliches Pendant gerademal 3800 Euro. Das hat unter anderem damit zu tun, dass Frauen bei Gehaltsverhandlungen mit weniger zufrieden sind und andere Faktoren wichtiger finden.

Familie oder Beruf? Familie!

Zugegeben, es ist nicht einfach Familie und Karriere miteinander in Einklang zu bringen. 72 Prozent der Mütter von minderjährigen Kindern halten dieses Unterfangen für schwierig. Und die Mütter sind es letztendlich auch, die in Sachen Karriere den Kürzeren ziehen. Dafür verantwortlich sind die traditionellen Vorstellungen von Familie, die sowohl Männer als auch Frauen immer noch mit sich herumtragen. Während 2010 nur etwa 5 Prozent der Väter mit minderjährigen Kindern in Teilzeit arbeiteten, waren es über 68 Prozent der Mütter.  

Der fehlende Wille

Zu all diesen Karrierehemmnissen kommt ein zentraler Punkt hinzu. Viele Frauen wollen überhaupt nicht aufsteigen. Das Beratungsunternehmen Accenture fand heraus, dass nur jede fünfte Frau ihre Karriere überhaupt vorantreiben will. Ganze 70 Prozent sind mit ihrer aktuellen Position im Unternehmen zufrieden.

Zu dritt wohnen die Tischlers in Köln Deutz. Tina Tischler hat vor allem in diesem Stadtteil nach Kitas gesucht, denn ab Spätsommer will sie wieder täglich zum Arbeiten nach Düsseldorf fahren. Ein Betreuungsplatz in einem anderen Stadtteil kommt für sie deshalb nicht in Frage, denn weder sie noch ihr Freund können vor dem Arbeiten noch durch halb Köln kurven, um Marie abzuliefern. Und so steigt der Druck noch weiter.

Familienpolitische Leistungen und ihre Folgen

195 Milliarden pro Jahr

Die Förderung von Familie und Ehe lässt sich der Staat viel kosten. Die Förderung setzt sich aus 160 Einzelmaßnahmen zusammen und kostet nach den aktuellsten Zahlen 195 Milliarden Euro pro Jahr.

Kindergeld

Für das Kindergeld zahlt der Staat jährlich gut 33 Milliarden Euro aus - hinzu kommen weitere drei Milliarden Euro steuerliche Familienförderung.

Ehegattensplitting

Der Einnahmeverlust des Staates durch das Ehegattensplitting beläuft sich auf jährlich gut 20 Milliarden Euro. Vom Splitting profitieren sowohl Paare mit und ohne Kinder. Ökonomen kritisieren, das Ehegattensplitting biete Müttern einen Anreiz, eher weniger oder gar nicht zu arbeiten. Tatsächlich ist die Erwerbstätigenquote der Frauen in Deutschland relativ niedrig, und die durchschnittliche Teilzeit umfasst weit weniger Stunden als in den meisten anderen Industrieländern.
Unter den 34 OECD-Staaten ist Deutschland das Land, das am stärksten auf Steuervergünstigungen setzt: Hier entfällt rund ein Drittel aller Familienleistungen darauf - im OECD-Schnitt sind es nur zehn Prozent.

Monetäre Leistungen

Kindererziehungszeiten in der Rentenversicherung kosten den Staat 11,5 Milliarden, das Bafög für Studenten 1,6 Milliarden.

Krankenversicherung

Die beitragsfreie Mitversicherung von Kindern und Jugendlichen bis 20 Jahren in der gesetzlichen Krankenversicherung kostet jährlich rund 15 Milliarden Euro. Die Summe wurde bisher vom Bund erstattet, weil es sich um „versicherungsfremde Leistungen“ handelt.
Die beitragsfreie Mitversicherung nichterwerbstätiger Ehegatten kostet weitere elf Milliarden Euro.

Elterngeld

2011 gab der Staat dafür 4,7 Milliarden Euro aus.

Kitas

Die Kinder- und Jugendhilfe kostete Bund, Länder und Gemeinden zuletzt rund 29 Milliarden Euro, fast 18 Milliarden davon entfielen auf die Kindertagesbetreuung.

Denn theoretisch könnte das passieren. Zwar gibt es ab dem 1. August 2013 einen Rechtanspruch für die Betreuung der ab Einjährige in einer Kindertageseinrichtung (U3). Alternativ können Städte oder Kommunen eine Kindertagespflege anbieten, also den Platz bei einer Tagesmutter. Doch ob das dann in einer der gewünschten Einrichtung oder bei der erwählten Tagesmutter, oder gar im gewünschten Stadtteil stattfinden wird, ist noch völlig unklar.

Mit dem Kita-Ausbau will das Ministeriums für Bildung und Familie unter Ministerin Kristina Schröder die Kinderbetreuung verbessern. Damit will sie nicht nur Kinder besser fördern, sondern vor allem Frauen den Wiedereinstieg in den Beruf schneller ermöglichen.

Das Ministerium hatte den deutschlandweiten Platzbedarf durch eine Befragung genau bemessen, 2007 kam dabei die 35-Prozent-Quote heraus. Seitdem wurde diese Quote - nach erneuten Eltern-Interviews - nach oben angeglichen. Inzwischen liegt sie bei 39 Prozent.

Kommentare (24)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Pro-d

17.04.2013, 11:42 Uhr

Tja, die privat stinkreichen Südeuropäer sind da mehr um ihre Kinder bemüht. Dort gibt es noch reiche Bürger und das staatliche Krebsgeschwür hält man auf Sparflamme.

Rotwein und Knoblauch macht wohl doch schlau

Peter_G

17.04.2013, 12:01 Uhr

Staatswirtschaft

Das ist Staatswirtschaft wie sie leibt und lebt: der Staat ersetzt private Leistungen, verspricht, den Bedarf zu decken, und tut es dann nicht. Das ist häufig der Fall, wenn der Staat sagt, "wir spielen jetzt Markt".

Ich würde eine Regelung bevorzugen, die
a) die Kommunen anweist, ausreichend Räume/Grundstücke u.ä. für Kitas auszuweisen;
b) den Familien ausreichend Geld gibt für einen Kita-Platz, so sie ihn denn wollen, und
c) Kita-Plätze nur für die ganz Armen oder Erziehungsunfähigen entweder direkt zur Verfügung stellt oder direkt subventioniert.

Es werden private Kindergärten entstehen (aber vermutlich nicht für alle). Aber keiner kann sich beschweren, dass er nicht kriegt, was ihm zusteht.

Papa

17.04.2013, 12:10 Uhr

Liebe Kommentare-Schreiber,

so wie sich das alles liest, haben Sie keine Kinder, oder zumindest keine ganz kleinen Kinder, die hiervon betroffen sind. Also ersparen Sie uns allen Ihr unqualifizierten Kommentare.

Sie sind offenbar nicht betroffen. Ich schon. Und ich bin sehr froh, dass ich für meine beiden Kinder einen sehr guten Platz gefunden habe.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×