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29.01.2015

11:07 Uhr

Kinderreport vom Deutschen Kinderhilfswerk

Mehr Mitsprache für die Kleinen

VonLaura Waßermann

Kinder wollen mitreden und in der Politik Gehör finden. Das zeigt der Report 2015 des Kinderhilfswerks. Im internationalen Vergleich schneidet Deutschland dabei vor allem in einem Punkt schlecht ab.

Kinder im Alter von 10 bis 17 Jahren fordern größere Partizipation an der Bundespolitik. Das zeigt der Kinderreport 2015. dpa

Kinder wollen mitreden

Kinder im Alter von 10 bis 17 Jahren fordern größere Partizipation an der Bundespolitik. Das zeigt der Kinderreport 2015.

Düsseldorf„Ich hab' ein Haus, ein kunterbuntes Haus, ein Äffchen und ein Pferd, die schauen dort zum Fenster raus.“ Pippi Langstrumpf macht sich die Welt, wie es ihr gefällt. Dass das nicht allen Kindern weltweit sowie in Deutschland so geht, zeigt der Kinderreport 2015 vom Deutschen Kinderhilfswerk (DKHW). Besonders schlecht abgeschnitten haben die Bereiche Mitbestimmung in der Gesellschaft und die allgemeine Rechtslage von Kindern. Es wurden mehr als 1000 Personen befragt, altersübergreifend. Die Bewertung erfolgte in Schulnoten, die für den Bericht in repräsentative Mittelwerte umgewandelt worden sind.

Kinderreport 2015

Informationen für Kinder

Die Informationsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen zum Thema Kinderrechte als einem Kernelement der UN-Kinderrechtskonvention sehen die Befragten sehr unterschiedlich. Hier werden der Familie, Vereinen/Kinderrechtsorganisationen sowie der Schule von den Kindern und Jugendlichen eher gute Noten gegeben: zwischen 2,5 und 2,8. Medien, Jugendtreffs/Schülerclubs, öffentliche Ämter und Kitas fallen deutlich ab (3,0 bis 4,0). Bei den Erwachsenen liegt mit der Note 2,4 ebenfalls die Familie an erster Stelle, hier folgen Jugendtreffs/Schülerclubs, die Schule, Medien und Vereine/Kinderrechtsorganisationen. Auf den letzten Plätzen liegen auch hier öffentliche Ämter und Kitas.

Mitbestimmung

Bei den Mitbestimmungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen gehen die Umfragewerte sehr weit auseinander. Während die befragten Kinder und Jugendlichen die Mitbestimmung in der Familie positiv sehen, fallen die Mitbestimmungsmöglichkeiten in der Schule, im Wohnumfeld und in der Kita schon deutlich ab. Die Mitbestimmungsmöglichkeiten in der Kommune allgemein und vor allem in der Bundespolitik werden als sehr schlecht angesehen. Ein ähnliches Bild ergibt auch die Erwachsenenbefragung. Hier erreicht ebenfalls die Familie den besten Wert, gefolgt von der Schule, dem Wohnumfeld und der Kita. Die letzten Plätze belegen auch hier die Kommune allgemein und die Bundespolitik.

Kinderarmut

Bei den Maßnahmen gegen Kinderarmut präferieren die Kinder und Jugendlichen kostenloses Essen, Bücher, Lehrmittel und Aktivitäten in Kita und Schule sowie einen kostenlosen Zugang zu Kultur- und Freizeiteinrichtungen. Als weitere wichtige Maßnahmen werden mehr Sozialarbeiter in Schulen und Kitas und höhere Einkommen genannt. Unterstützung erhalten durch die Umfrage auch die Forderungen nach mehr Kindergeld und nach einer Erhöhung der Sozialgeld-Regelsätze. Staatliche Eingriffe in die Erziehungshoheit der Eltern werden dahingehend kritischer gesehen. Hier lag der Durchschnittswert bei Kindern und Jugendlichen bei 3,0 und bei den Erwachsenen bei 3,2. Gleichzeitig wünschen sich die Kinder und Jugendlichen mehr Aufklärung über Kinderarmut in den Medien. Als wichtig wird von ihnen auch angesehen, dass arme und reiche Kinder mehr Zeit miteinander verbringen.

Spiel und Freizeit

Bei den Freizeitaktivitäten rangieren Freundinnen und Freunde ganz klar an erster Stelle. Hier geben 74 Prozent der Kinder und Jugendlichen an, mit diesen viel Zeit zu verbringen. Auf dem zweiten Platz liegen Familie und das Internet. Auch das Lernen für Schule oder Ausbildung nimmt mit 62 Prozent breiten Raum ein. Sport, Lesen und „Chillen“ sowie Fernsehen mit 50 Prozent folgen auf den Plätzen. Deutliche Unterschiede gibt es hier in einigen Bereichen zwischen Mädchen und Jungen, beispielsweise beim Sport und beim Lesen. Das gilt auch für den Bereich Computer-/Konsolenspielen: Nur 35 Prozent der Mädchen, aber 62 Prozent der Jungen verbringen damit viel Zeit. Die Angaben der Kinder und Jugendlichen decken sich an vielen Stellen mit denen der Erwachsenen. Auch diese geben an, dass ihre Kinder am meisten Zeit mit ihren Freundinnen und Freunden verbringen. Nach Einschätzung der Eltern folgen das Lernen für Schule oder Ausbildung und die Zeit mit der Familie.

Medien

Das Internet mit 67 Prozent und Fernsehen mit 50 sind die Medien, mit denen Kinder und Jugendlichen die meiste Zeit verbringen. Dabei nehmen sie gerade bei der Internetnutzung die Chancen und Risiken wahr: 92 Prozent finden dort Sachen, die Spaß machen. Zugleich geben 86 Prozent an, im Internet Informationen zu finden, die sie interessieren und 71 Prozent sind der Auffassung, dass sie sich im Internet altersgerecht informieren können. Gleichzeitig fühlen sich nur 5 Prozent der Kinder und Jugendlichen sicher vor problematischen Inhalten wie Gewalt oder Pornografie. Nur 9 Prozent sind der Ansicht, dass sie im Internet sicher vor Übergriffen von Erwachsenen oder Gleichaltrigen sind. Erwachsene sehen das ähnlich, wenn auch etwas kritischer: 85 Prozent sind der Ansicht, dass ihre Kinder im Internet Informationen finden, die sie interessieren, 74 Prozent geben an, dass Kinder dort unterhaltsame Angebote für ihre Altersgruppe finden, 66 Prozent sind der Ansicht, dass sich Kinder im Internet altersgerecht informieren können. Gleichzeitig sehen nur 4 Prozent Kinder und Jugendliche sicher vor problematischen Inhalten wie Gewalt oder Pornografie. Und nur 3 Prozent sind der Ansicht, dass Kinder und Jugendliche im Internet sicher vor Übergriffen von Erwachsenen oder Gleichaltrigen sind. Auch beim Fernsehen wird die Gefahr problematischer Inhalte gesehen: Nur 11 Prozent der Kinder und Jugendlichen fühlen sich hier ausreichend vor Gewalt oder Pornografie geschützt, von den Eltern stimmen nur 7 Prozent dieser Aussage zu.

Die Noten zur Mitbestimmung von Kindern gehen weit auseinander: Während sie die Mitsprache in der Familie positiv sehen, fällt die Bewertung in der Schule, den Kommunen und im Wohnumfeld deutlich ab. Vor allem empfinden Kinder und Erwachsene Ignoranz von Seiten der Bundesregierung, was politische Entscheidungen angeht. Die Note 5,1 verdeutlicht: Hier fühlen sich Kinder missverstanden beziehungsweise nicht beachtet. Thomas Krüger, DKHW-Präsident meint, dass die Kompetenzen von jungen Menschen für eine selbstbestimmte Positionierung – auch bezüglich der Mediennutzung – gefördert werden müssten. „Denn nur so können Kinder ihr Recht auf demokratische Teilhabe an der Informationsgesellschaft wirklich in die Tat umsetzen.“

Hier decken sich übrigens die Umfragewerte aus der Elternbefragung weitestgehend mit denen der Kinder, wobei die Eltern der Mitbestimmung in Familie und Politik geringfügig bessere Noten geben. Jetzt stellt sich die Frage: Welcher Eindruck stimmt? Stichwort Mitbestimmung.

Neben der generellen Betrachtung der Mitbestimmung, beleuchtet das Kinderhilfswerk auch die Maßnahmen, um dies zu verbessern. In dem Report heißt es, die Kinder in Deutschland hätten ein großes Bedürfnis, sich mehr zu beteiligen. Dafür sehen die Autoren mehrere Wege, das auch zu tun. Beispielsweise sollen Schülervertreter einen größeren Einfluss sowie mehr Unterstützung von Eltern und Lehrern erhalten. „Auch eine eher abstrakte Aktion wie die Aufnahme der Kinderrechte ins Grundgesetz wird als Begünstigung der Beteiligungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen gesehen.“ Bei Eltern hingegen existiere weniger Vorstellungsgabe bezüglich konkreter Veränderungen.

Krüger: „Kinderrechte sind kein Gedöns, sie gehören ins Zentrum der politischen Aufmerksamkeit.“ Damit meint er unter anderem, dass die Betrachtung von Kinderrechten im Grundgesetz verbessert werden sollte. Verabschiedet wurden die Rechte von Kindern und Jugendlichen nämlich von der Uno, der Organisation der Vereinten Nationen; im selben Zug wie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte im Jahr 1948. In Deutschland richtungsgebend für Kinderrechte sind die entsprechenden Absätze im achten Sozialgesetzbuch (SGB VIII) und im Jugendgerichtsgesetz.

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Kinder zu erziehen ist keine Leichtigkeit. Eine Studie zeigt: Eltern geraten dabei zunehmend unter Druck. Doch nicht der Spagat zwischen Familie und Job ist schuld – sondern die Eltern selbst: Sie wollen perfekt sein.

In der Politik angekommen, ist Krügers Tenor zumindest. Die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags Claudia Roth, folgert aus der Uno-Festlegung, dass Kinder in anderen Ländern mehr Rechte hätten als die in Deutschland. „Es muss unser Ziel sein, Kindern ein Recht auf Fürsorge, Bildung, bestmögliche Entwicklung und individuelle Förderung zu garantieren. Dafür brauchen Kinder eine starke Stimme. Es wird Zeit, dass sich der Bundestag in Gänze endlich als solche versteht.“ Der Schutz von Kinderrechten gehöre schließlich zur Nachhaltigkeitspolitik im „Wortsinne“, so die Grünen-Politikerin.

Für den Kinderreport 2015 wurden insgesamt 1.020 Personen gefragt. Darunter waren Kinder und Jugendliche zwischen 10 bis 17 Jahren sowie Eltern von Kindern des gleichen Alters. Abgesehen von Recht und Mitbestimmung standen noch die Themen Kinderarmut, Medien sowie Spiel und Freizeit auf der Agenda.

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