Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

14.02.2013

15:24 Uhr

Kirchenrechtler im Interview

„Seriöse Prognosen kann man nicht abgeben“

VonJan Mallien

Der angekündigte Rücktritt des Papstes schlägt hohe Wellen. Kirchenrechtler Stephan Haering spricht im Interview mit Handelsblatt Online über die Bilanz des Pontifikats und die menschliche neugierige Natur.

Gläubige beten nehmen in der St. Hedwigs-Kathedrale in Berlin für Papst Benedikt XVI. dpa

Gläubige beten nehmen in der St. Hedwigs-Kathedrale in Berlin für Papst Benedikt XVI.

DüsseldorfHandelsblatt Online: Was hat Papst Benedikt XVI. in seiner Amtszeit erreicht?
Stephan Haering: Es ist sicher viel zu früh, eine umfassende Bilanz dieses Pontifikats, das ja noch bis 28. Februar dauert, ziehen zu wollen; dazu braucht es einen größeren zeitlichen Abstand. Man wird aber festhalten dürfen, dass Papst Benedikt XVI. in seiner Amtszeit den Dialog mit anderen christlichen Konfessionen und anderen Religionen, insbesondere den monotheistischen Religionen Judentum und Islam, intensiv fortgeführt und vertieft hat. Der Beitrag der Religionen für ein friedliches Miteinander der Menschheitsfamilie ist ihm ein großes Anliegen.

Stephan Haering ist Professor für Kirchenrecht an der LMU München.

Stephan Haering ist Professor für Kirchenrecht an der LMU München.

Gleichzeitig hat er die Einzigartigkeit der Person Jesu Christi und deren Heilsbedeutung klar hervorgehoben. Das zentrale Anliegen Papst Benedikts war wohl, besonders im Hinblick auf die Entchristlichung und weitgehende religiöse Gleichgültigkeit in der westlichen Welt, den Menschen die Botschaft nahezubringen, dass ein Leben mit Gott dem Leben der Menschen einen geweiteten Horizont gibt und es reich macht.

Dabei hat er ganz deutlich dargelegt, dass der Gottesglaube nichts Unvernünftiges, sondern gegenüber der Leugnung Gottes sogar die plausiblere Alternative einer Sichtweise auf die Welt und die menschliche Existenz ist. Wie weit es ihm gelungen ist, damit die Menschen zu erreichen, ist schwer einzuschätzen.

Sieht das Kirchenrecht einen Papst-Rücktritt überhaupt vor?
Im Gesetzbuch der katholischen Kirche (Codex Iuris Canonici, CIC) ist die Möglichkeit eines päpstlichen Amtsverzichts ausdrücklich vorgesehen. In can. 332 § 2 CIC heißt es: „Falls der Papst auf sein Amt verzichten sollte, ist zur Gültigkeit verlangt, daß der Verzicht frei geschieht und hinreichend kundgemacht, nicht jedoch, dass er von irgendwem angenommen wird.“

Von dieser ausdrücklich festgeschriebenen Möglichkeit macht Benedikt XVI. Gebrauch, wenn er am 28. Februar das Amt des Papstes aufgibt.

Die möglichen Papst-Kandidaten

Joao Braz de Aviz, Brasilien, 65 Jahre

Er brachte frischen Wind in den Vatikan, als er 2011 zum Präfekten der Kongregation für die Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens gewählt wurde. Er befürwortet die Hinwendung zu den Armen, wie sie die lateinamerikanische Befreiungstheologie anstrebt, tendiert aber nicht zu den extremeren Ausprägungen dieser Lehre. Ein Nachteil für ihn dürfte sein, dass er relativ unbekannt ist.

Timothy Dolan, USA, 62 Jahre

Er ist die Stimme der US-amerikanischen Katholiken, seit er 2009 zum Erzbischof von New York ernannt wurde. Sein Humor und sein Schwung haben den Vatikan beeindruckt, dem es häufig an beidem mangelt. Die Kardinäle stehen einem Papst aus einer Supermacht jedoch skeptisch gegenüber, außerdem könnte seine kumpelhafte Art für einige zu amerikanisch sein.

Marc Ouellet, Kanada, 68 Jahre

Als Leiter der Bischofskongregation ist er so etwas wie der Personalchef im Vatikan. Er sagte einmal, Papst zu werden "wäre ein Alptraum". Obwohl er innerhalb der Kurie gut vernetzt ist, könnte der weitverbreitete Säkularismus in seiner Heimatprovinz Quebec gegen ihn sprechen.

Gianfranco Ravasi, Italien, 70 Jahre

Er ist seit 2007 der Kulturminister des Vatikan und vertritt die Kirche in der Welt der Kunst, der Wissenschaft, der Kultur und gegenüber Atheisten. Dieser Lebenslauf könnte ihm schaden, falls die Kardinäle beschließen, dass sie einen erfahrenen Seelsorger als Papst wollen und nicht schon wieder einen Professor.

Leonardo Sandri, Argentinien, 69 Jahre

Er kam als Kind italienischer Eltern in Buenos Aires zur Welt und ist damit ein echter transatlantischer Brückenbauer. Von 2000 bis 2007 hatte er den dritthöchsten Posten der Kirche als Stabschef des Vatikan inne. Er besitzt allerdings keine seelsorgerische Erfahrung und als Aufseher der Kirchen im Osten hat er nicht viel Macht in Rom.

Odilo Pedro Scherer, Brasilien, 63 Jahre

Er gilt als stärkster Kandidat aus Lateinamerika. Der Erzbischof von Sao Paolo, der größten Diözese im größten südamerikanischen Land, zählt in seiner Heimat zu den Konservativen, würde andernorts aber als gemäßigt durchgehen. Das rasante Wachstum der protestantischen Kirchen in Brasilien könnte gegen ihn sprechen.

Christoph Schönenborn, Österreich, 67 Jahre

Er ist ein früherer Student von Papst Benedikt, aber stärker als dieser von der Seelsorge geprägt. Der Erzbischof von Wien gilt als Anwärter auf das Amt des Papstes, seit er in den 90er Jahren den Katechismus herausgegeben hat. Er ist allerdings bei einigen Priestern in Österreich sehr unbeliebt.

Angelo Scola, Italien, 71 Jahre

Sein Posten als Erzbischof von Mailand gilt als Sprungbrett für das Amt des Papstes. Viele Italiener setzen auf den Bioethik-Experten. Als Chef der Stiftung zur Förderung des Verständnisses zwischen Muslimen und Christen kennt er auch den Islam. Er ist allerdings nicht sonderlich beredt, was ihm schaden dürfte, falls die Kardinäle einen Charismatiker an der Spitze der Kirche sehen wollen.

Luis Tagle, Philippinen, 55 Jahre

Sein Charisma wird oft mit der Ausstrahlung von Papst Johannes Paul verglichen. Er gilt auch als Vertrauter Benedikt, nachdem er mit ihm in der Internationalen Theologenkommission zusammengearbeitet hat. Er verfügt über viele Anhänger, wurde aber erst 2012 zum Kardinal ernannt - und jüngeren Kandidaten steht das Konklave meist skeptisch gegenüber.

Peter Turkson, Ghana, 64 Jahre

Er gilt als aussichtsreichster Kandidat aus Afrika. Als Leiter des vatikanischen Büros für Frieden und Gerechtigkeit ist er das soziale Gewissen der Kirche und plädiert für eine globale Finanzreform. Bei einer vatikanischen Synode zeigte er ein muslimkritisches Video und erregte damit Zweifel daran, wie er zum Islam steht.

Wann gab es zuletzt einen freiwilligen Papst-Rücktritt und unter welchen Umständen?

Es gibt ein historisches Beispiel für den Rücktritt des Papstes. Im Jahr 1294 ist Papst Cölestin V. nach einem kurzen, nur wenige Monate dauernden Pontifikat, zurückgetreten. In seinem Fall hat zum Rücktrittsentschluss wohl vor allem beigetragen, dass er sich den Anforderungen des Amtes im Hinblick auf die umfassenden Aufgaben der Leitung der Gesamtkirche nicht gewachsen fühlte. Er war auf diese große Aufgabe zu wenig vorbereitet.

Wer sind die Favoriten für die Benedikt-Nachfolge?

Über „Favoriten“ der Nachfolge wird jetzt viel spekuliert. Das ist wohl auch angesichts der menschlichen Natur nicht weiter verwunderlich. Aber es bleibt letztlich Spekulation. Seriöse Einschätzungen und Prognosen kann man nicht abgeben.

Stephan Haering ist Professor für Kirchenrecht an der LMU München.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Tabu

15.02.2013, 15:21 Uhr

Sein Bruder hat es bei der Wahl wehmütig kundgetan.
Er sagte:unsere Planung war dahingehend,die letzten
verbliebenen Jahre zusammen zu ziehen und uns
über Bücher und Schriften zu beugen.
Ratzinger ist mehr der Akademiker,der Professor,
der Lehrer als der Menschenfischer.
Da hat es sein Vorgänger zum Kultstatus gebracht.
Die verbleibende Zeit,sei ihm von Herzen gegönnt.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×