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23.11.2015

14:25 Uhr

Kissinger über Helmut Schmidt

Staatschefs „agieren im Schatten der Vergänglichkeit“

Henry Kissinger und Helmut Schmidt blieben beim hanseatischen „Sie“, sagten einander aber „die Wahrheit“: Zur Trauerfeier erweist der Ex-US-Außenminister seinem Freund die letzte Ehre. Die bewegende Rede im Wortlaut.

Abschied von Helmut Schmidt

Kissinger: „Eine Welt ohne ihn ist eine sehr leere“

Abschied von Helmut Schmidt: Kissinger: „Eine Welt ohne ihn ist eine sehr leere“

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Im Jahre 2012 dankte ich Helmut für einen Artikel, den er mir geschickt hatte. Ein Schlüsselsatz in meinem Brief lautete: „Unsere lange Freundschaft ist ein Pfeiler in meinem Leben. Sechs Jahrzehnte lang haben wir beide über dieselben Probleme nachgedacht. In unserer Regierungszeit und in späteren Jahren, als wir uns noch öfter rund um die Welt trafen, um unsere Gedanken auszutauschen. Wir haben uns zuhause besucht, wir haben Reden aufeinander gehalten.

Es fiele mir schwer, Ihnen heute hier im Michel das Wesen dieser tiefen Freundschaft zu beschreiben. Auch nach 60 Jahren waren Helmut und ich nicht zum vertrauten „Du“ übergegangen. Helmut ist nie weiter gegangen als in seiner nüchternen Art zu konstatieren: Wir ... können uns aufeinander verlassen, weil keiner von uns dem anderen je etwas sagen würde, was nicht die absolute Wahrheit ist. Das war das Besondere an Helmut Schmidt. Er hat seinen Beruf als den eines praktizierenden Politikers angegeben. Nur sein Verständnis von Politik ging weit über das tägliche politische Handwerk hinaus. Er war breiter gebildet als die meisten Spitzenpolitiker der Nachkriegszeit.

Helmut Schmidts Bekenntnisse

Schmidt spricht...

In dem am Samstag im Verlag C. H. Beck erscheinenden Buch „Was ich noch sagen wollte“ gibt Altkanzler Helmut Schmidt (SPD) teils sehr persönliche Einblicke. Einige Zitate:

Quelle: dpa

über Loki

„Ich konnte mich in jeder Situation auf sie verlassen. Ich zögere nicht zu sagen: Loki war der Mensch in meinem Leben, der mir am wichtigsten war.“

(Schmidt über seine 2010 verstorbene Ehefrau Loki.)

über die RAF

„Für Loki und mich war klar: Im Falle einer Entführung lassen wir uns nicht austauschen.“

(Schmidt zur Gefahr, von RAF-Terroristen entführt zu werden – eine entsprechende Anweisung ließ er dem Kanzleramt übermitteln.)

über den Sohn

„Im Juni 1944 brachte Loki einen Sohn zur Welt, der nach acht Monaten an Gehirnhautentzündung starb. Der Feldpostbrief, in dem Loki mir vom Tod des Kindes berichtete, war verloren gegangen. Erst aus einem späteren Brief zog ich die Schlussfolgerung, dass der Junge gestorben sein musste. Es war ein schrecklicher Moment.“

(Schmidt zum Tod des Sohnes – er war zu dem Zeitpunkt an der Front.)

über seine Affäre

„In unserer 68 Jahre währenden Ehe hat es ein einziges Mal etwas gegeben, was ein Außenstehender eine Krise nennen könnte. Ich hatte eine Beziehung zu einer anderen Frau.“

(Schmidt zu seiner Affäre Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre - er musste Loki von einer Trennung abbringen.)

...über die Nazi-Zeit

„Die Heutigen wissen alles viel besser.“

(Schmidt zu Belehrungen wegen seiner Rolle in der Nazi-Zeit.)

über Politik

„Es zeichnet politische Führer wie Churchill, de Gaulle oder Adenauer aus, dass sie nicht nur die nächste Wahl, sondern auch das langfristig Notwendige im Blick haben. Der Trend, nur noch in Legislaturperioden zu denken, hat seither erheblich zugenommen.“

(Schmidt zu Veränderungen in der Politik.)

über Verstädterung

„Hier wächst, potenziert durch die sozialen Netzwerke, die Gefahr der Verführbarkeit. Je mehr Menschen auf einem Fleck zusammenwohnen, desto leichter sind sie massenpsychologisch zu beeinflussen - auch und gerade durch falsche Vorbilder.“

(Schmidt zu den Risiken der weltweit zunehmenden Verstädterung.)

über Erich Ollenhauer

„Er war ein anständiger Mensch, aber ein mittelmäßiger Politiker.“

(Schmidt über den früheren SPD-Chef Erich Ollenhauer, der die Partei von 1952 bis 1963 führte.)

über Kohl

„Ich möchte Kohl zugute halten, dass er im Grunde ein anständiger Politiker gewesen ist.“

(Schmidt zu Kohls Leistungen bei der Deutschen Einheit – er warnt davor, die CDU-Spendenaffäre überzubewerten.)

über den Westen

„Inzwischen haben die Schlafwandler den Ukraine-Konflikt auf das Feld der Ökonomie verlagert; gleichwohl ist die Gefahr eines großen Krieges nicht gebannt. (...) Das Machtgefüge der Welt ist insgesamt in Bewegung.“

(Schmidt zur Rolle des Westens im Ukraine/Russland-Konflikt)

über Gehälter

„Von zehn Jahren wäre keiner auf die Idee gekommen, dem Vorstandsvorsitzenden von VW 15 Millionen Euro Gehalt zu zahlen.“

(Schmidt zur Steigerung der Gehälter für Unternehmenschefs – er wirft den Gewerkschaften vor, dies nicht verhindert zu haben.)

Helmut lebte in einer Übergangszeit: zwischen Deutschlands Vergangenheit als besetztes und geteiltes Land und seiner Zukunft als die stärkste wirtschaftliche europäische Nation; zwischen Deutschlands geradezu zwanghafter Sorge um seine Sicherheit im Kalten Krieg und dem Willen, eine globale Wirtschaftsordnung mit aufzubauen. Zwischen der späten Hinwendung von Helmuts sozialdemokratischer Partei zum atlantischen Bündnis und der Suche nach einer ... Friedensordnung in Europa und in der Welt. Helmut sah sich in der Pflicht, sein Land aus dem Gestern in eine Welt zu führen, die Deutschland nie gekannt hatte.

Die wichtigsten Qualitäten eines Staatsmannes sind Visionen und Mut. Visionen, um der Stagnation entgegenzuwirken. Mut, um das Staatsschiff durch unbekannte Gewässer zu steuern. Helmut hätte diese beiden Eigenschaften nie für sich selbst reklamiert. Aber er hat sie verkörpert. … Machtvoll war sein Drang, das Wissen zu erwerben, das ihn dazu befähigen würde, die schicksalhaften Herausforderungen seiner Generation zu meistern. All dieses analytische Wissen war eingebunden in seine spirituellen Beziehungen zur Musik, insbesondere zu Bach und Mozart.

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Abschied von Helmut Schmidt

Der Altkanzler ist am 10. November 2015 im Alter von 96 Jahren in Hamburg gestorben. Das Handelsblatt blickt in einer Sonderausgabe zurück auf sein Leben und Wirken.

Lesen Sie unter anderem:
+ Was für ein Mensch! – Nachruf auf einen großen Deutschen.
Von Gabor Steingart
+ „Europa ist der unerlässliche Rahmen“ – Woran sich die deutsche Politik unter Schmidt auszurichten hatte.
Von Hans-Jürgen Jakobs
+ Der unbequeme Welterklärer – Erst im Alter wurde Schmidt zum bewunderten Klartextredner.
Von Sven Afhüppe
+ Einfach nur die Spur halten – Wo Schmidt im Vergleich mit Adenauer, Brandt, Schröder und Merkel steht.
Von Arnulf Baring

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Freundschaft war für Helmut eine Partnerschaft im Streben nach Wahrheit und Weisheit. Mit seinen Freunden pflegte er eine unaufhörliche Konversation. … Ich zitiere: „Wir haben alle mehr als einmal gegen unser Gewissen gehandelt, müssen also alle mit einem schlechten Gewissen leben. Diese allzu menschliche Schwäche gilt selbstverständlich auch für Politiker.“

Und dennoch geriet Helmut nicht oft in die Klemme zwischen den politisch gebotenen und den sittlichen Pflichten. Denn Helmuts Überzeugungen bestimmten sein Handeln immer. „Politik ohne Gewissen tendiert zum Kriminellen“, hat er gesagt. Sodann: „Ich sehe Politik als pragmatisches Handeln im Dienste moralischer Ziele.“

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