Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.06.2012

08:20 Uhr

KIT-Präsident

Energiewende anspruchsvoller als Apollo-Flug

Die Dimension der Energiewende werde sträflich unterschätzt, warnt der Physiker Eberhard Umbach. Er hält die Aufgaben für „wesentlich anspruchsvoller als seinerzeit der Apollo-Flug zum Mond“.

Bei der Energiewende spielen auch fossile, aber sauberere Energien noch eine Rolle. Insbesondere Erdgas wird in knapp 20 Jahren der wichtigste Energieträger in Deutschland sein. dpa

Bei der Energiewende spielen auch fossile, aber sauberere Energien noch eine Rolle. Insbesondere Erdgas wird in knapp 20 Jahren der wichtigste Energieträger in Deutschland sein.

Karlsruhe„Beim Mondflug war die Technik schon vorhanden, sie musste nur noch umgesetzt werden. Für die Energiewende fehlen uns noch entscheidende wissenschaftliche Erkenntnisse“, sagte Umbach, der auch Präsident des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) ist, der Nachrichtenagentur dpa.

Für den vollständigen Umstieg auf erneuerbare Energien müssten zwei große technische Fragen geklärt werden: Die Speicherung von Energie aus Sonnenkollektoren und Windkrafträdern sowie intelligente Netze. „In beiden Fällen stehen wir erst am Anfang“, sagte Umbach. Standorte für die allseits gepriesenen Pumpspeicherkraftwerke etwa seien in Deutschland nahezu ausgereizt. „Der Speicherbedarf ist um Größenordnungen höher als die vorhandene Kapazität. Das kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein.“ Und bei der Entwicklung dezentraler, quasi autonomer Netze fehlten noch entscheidende Grundlagen. „Da müssen ganz neue Algorithmen entwickelt werden.“

Wie Netzagentur und Betreiber den Netzausbau stemmen

Ausbau ist zentrales Thema

Der Ausbau der Stromnetze ist ein zentrales Thema der Energiewende. In Zukunft muss verstärkt Strom transportiert werden, etwa von den Windkraftanlagen an der Nordsee zu den Verbrauchern in Süddeutschland. Die Planung des Stromnetzes der Zukunft ist ein komplizierter Prozess, an dem die Bundesnetzagentur und die vier großen Übertragungsnetzbetreiber beteiligt sind.

Am Dienstag informierte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) über den Stand des Ausbaus der Stromnetze.

Netzplanung

Die Planungen zum Netzausbau konzentrieren sich derzeit auf bestehende und künftig notwendige Stromautobahnen, die nötig sind, um Energie durchs Land zu transportieren. Dabei handelt es sich um das sogenannte Höchstspannungsnetz. Die vier Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz, Tennet, Amprion und TransnetBW haben den Bedarf an Leitungen für die nächsten zehn Jahre ermittelt.

Sie überreichten der Kanzlerin nun den Entwurf eines "nationalen Netzentwicklungsplans", mit dem das Netz für die Zukunft gerüstet werden soll. Der Plan soll am Mittwoch vorgestellt und danach öffentlich diskutiert werden.

Transporttrassen

Ist die grobe Planung des künftigen Netzes fertig, schlagen die Netzbetreiber dann im Detail vor, wo und wie das Netz verstärkt oder ausgebaut werden soll. Die Firmen müssen Korridore festlegen, in denen sie Stromtrassen verlegen wollen, und Alternativen vorstellen. Auch die erwartbaren Folgen für Mensch und Umwelt müssen aufgezeigt werden.

Die Netzbetreiber verfeinern dann immer weiter ihre Pläne - etwa bis auf die Ebene der Standorte einzelner Strommasten -, stellen diese öffentlich zur Diskussion und müssen sie zudem von der Bundesnetzagentur genehmigen lassen.

Stromleitungen

Bislang bestehen die Höchstspannungsnetze nach Angaben der Bundesnetzagentur ausschließlich aus Überlandleitungen. Diese sind vergleichsweise kostengünstig und einfach zu warten. Nachteil ist allerdings, dass sie das Landschaftsbild durch ihre Größe beeinträchtigen und Tiere verschrecken können.

Zudem sind sie witterungsanfällig. Derzeit wird auch die Verlegung unterirdischer Erdkabel erprobt. Diese sind zwar wetterunempfindlich und stören nicht in der Landschaft. Dafür ist das Verlegen aufwändig, Reparaturen kompliziert sowie die Kosten deutlich höher.

Hinzu komme die gesellschaftliche Herausforderung, neue Techniken durchzusetzen. Das Einrichten Runder Tische habe sich nur bedingt als erfolgreich erwiesen, sagte Umbach. „Alle reden von der Schwarmintelligenz, aber niemand hat bislang untersucht, wo man sie findet und wie sie genutzt werden kann.“

Um die Energiewende voranzubringen, müssten Forscher viel stärker als bisher fächerübergreifend zusammenarbeiten. Sie müssten sehr komplexe Systeme und Szenarien entwickeln, um wirklich alle Folgen der Reform im Blick zu haben. Die Politik neige dazu, unliebsame Details auszublenden, sagte Umbach und nannte als Beispiel die Elektromobilität. „Je mehr E-Autos fahren, desto mehr Benzinsteuer wird dem Staat entgehen. Wenn er weiterhin im gleichen Maße am Verkehr mitverdienen will, müsste er die Stromsteuer erhöhen.“ Die E-Mobilität werde zudem dazu führen, dass der Stromverbrauch - anders als von der Politik gefordert - steige.

Trotz der großen Aufgaben appellierte Umbach an die Politik, nicht nur anwendungsorientierte Programme zu fördern. Die Wissenschaft benötige auch die Freiheit für unabhängige Forschung. „Oft liegen die Lösungen auf einem ganz anderen Feld als allgemein angenommen.“

Stromnetz-Ausbau: Die Unternehmen können die Investitionen kaum stemmen

Stromnetz-Ausbau

Die Unternehmen können die Investitionen kaum stemmen

Das Betreiben der deutschen Stromnetze ist an sich ein lukratives Geschäft. Aber die immensem Investitionen, die jetzt anstehen, dürften die Unternehmen überfordern. Die Hintergründe des Dilemmas.

Von

dpa

Kommentare (39)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

arno.tilsner

02.06.2012, 08:59 Uhr

Wenn man später im Jahrhundert gute Geschäfte mit neuen Ideen machen will, die die ganze Welt weiter bringen, sollte man nicht zu spät kommen mit der Entwickluing ihrer Grundlagen. Wo sonst sollte das passieren, wenn nicht in Deutschland?

HeinzEngisch

02.06.2012, 09:25 Uhr

Wer die Grundlagen der Ökonomie verstanden hat (und hier empfiehlt sich nur die Österreichische Schule der Nationalökonomie), der weiß, dass Marktwirtschaft eine natürliche Ordnung ist, die von selbst entsteht, wenn man sie nur lässt und dass damit jeder Staatseingriff in diesen biologischen Organismus schädlich ist. In der Regel bewirkt jeder Eingriff des Staates in den Markt das genaue Gegenteil vom Bezweckten. Daher ist es nur logisch, dass die Subventionen gerade zur völligen Vernichtung der deutschen Solarbranche führen. Wer es theoretisch mag, sollte Mises und Hayek lesen. Wer es gerne unterhaltsam und leicht verständlich hat, dem lege ich "Das Kapital am Pranger" von Roland Baader als Einstiegslektüre ans Herz.

Account gelöscht!

02.06.2012, 09:51 Uhr

Jammern gehört zum Geschäft. Das größte Problem bei der Energiewende ist der Einfluss der Energiekonzerne.
Seit Jahren bietet sich Norwegen mit seinen Fjorden als Energiespeicher an, die Leitungen bis an die Deutsche Grenze würden die Norweger errichten.
Allein die Sabotage der Deutschen Energieunternehmen - keine Leitungen zum Anschluss nach Norden zu verlegen führt dazu, dass noch nichts geschehen ist.

Es ist halt auch schöner, den für den Netzausbau im Strompreis enthaltenen Betrag an die Aktionäre auszuschütten, als zweckmäßig zu verwendet - Veruntreuung in großem Stil. Und jetzt ist es leicht unter der wirtschaftsfreundlichen schwarz-geld Regierung für den gleichen Netzausbau wieder Geld vom Steuerzahler und von den Bürgern zu kassieren.

Es zeigt sich hier, wie zwingend der Eingriff des Staates in die Geschäfte der Quasimonopolisten gewesen wäre. Marktwirtschaft funktioniert bei Monopolen eben nicht!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×