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26.02.2016

17:28 Uhr

Kölner Silvester-Übergriffe

Reker nennt Armlängen-Rat „unglücklich“

Die Kölner Oberbürgermeisterin zieht Bilanz ihrer ersten 100 Tage im Amt. Nach den Übergriffen in der Silvesternacht und zahlreicher Negativ-Schlagzeilen könne die Domstadt eine Imagekampagne vertragen, sagt Reker.

Reker äußerte sich zu ihren ersten 100 Tagen im Amt. dpa

Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker

Reker äußerte sich zu ihren ersten 100 Tagen im Amt.

KölnKölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker hat ihren umstrittenen „Armlängen“-Rat an Frauen nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht als „unglücklich“ bezeichnet. Die Äußerung auf einer Pressekonferenz wenige Tage nach der Silvester-Gewalt hätte sie sich sparen können, sagte die parteilose Stadtchefin am Freitag vor Journalisten in Köln.

Nach den massenhaften Übergriffen offenbar meist nordafrikanischer Männer auf Feiernde in der Kölner Silvesternacht hatte Reker am 6. Januar Frauen empfohlen, zu Fremden eine Distanz von mehr als einer Armlänge zu halten. Vor allem im Internet erntete die Oberbürgermeisterin für diesen Rat teils beißenden Spott. Reker führte dagegen ins Feld, ihre Äußerung sei aus dem Zusammenhang gerissen worden.

Reker zog am Freitag eine positive Bilanz ihrer ersten hundert Tage im Amt als Kölner Stadtoberhaupt. Die Kölner Silvesternacht sei Ausgangspunkt für schnelles Handeln gewesen, sagte die 59-Jährige, die kurz vor der OB-Wahl im vergangenen Oktober von einem Messerattentäter schwer verletzt worden war und ihr Amt erst im November antreten konnte.

Missbrauch in der Silvesternacht

Was ist über die Täter bekannt?

Bisher erstaunlich wenig. Zeugen und Opfer berichten - laut Polizei übereinstimmend - von Männern, die „dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum“ stammen. So hat es der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers auf der Pressekonferenz am Montag formuliert. Demnach soll eine Gruppe von Männern auf dem Domplatz gewesen sein, die meisten von ihnen zwischen 15 und 35. In kleineren Gruppen sollen sie Frauen umzingelt, sexuell belästigt und ausgeraubt haben, in einem Fall auch vergewaltigt. 90 Anzeigen gibt es bis Dienstagmittag. „Wir haben noch keine konkreten Täterhinweise“, sagt Heidemarie Wiehler von der Direktion Kriminalität.

Hatten sich die Männer vorab verabredet?

Die Polizei gibt auf diese Frage keine konkrete Antwort. Wenn aber so viele Taten nach einem so ähnlichem Muster verübt würden, liege die Vermutung nahe, dass die Täter in irgendeiner Form miteinander verbunden seien, sagt ein Polizeisprecher lediglich.

Wie war die Polizei aufgestellt?

Die Bundespolizei, die für den Bahnhof zuständig ist, war nach Angaben von Wolfgang Wurm, Präsident der Bundespolizeidirektion Sankt Augustin, mit 70 Kräften vor Ort. Die Kölner Polizei hatte im Bereich Hauptbahnhof und Dom rund 140 Beamte im Einsatz. Einige davon wurden aus anderen Teilen der Innenstadt zum Bahnhof geschickt, als dort die Lage eskalierte. „Für den Einsatz, den wir voraussehen konnten, waren wir sehr gut aufgestellt“, sagt Wurm. Wie sich der Einsatz dann tatsächlich entwickelt habe, sei eine „völlig neue Erfahrung“ und „für uns nicht absehbar“ gewesen: „Dafür hätten wir sicherlich ein wenig mehr Kräfte benötigt.“

Wie konnte es trotz Polizeipräsenz zu so vielen Straftaten kommen?

Von den sexuellen Übergriffen und Diebstählen erfuhr die Polizei Wurm zufolge größtenteils im Laufe der Silvesternacht durch die wachsende Zahl von Anzeigen. Die Taten selbst hätten die anwesenden Polizeibeamten nicht beobachtet, weil diese sich in einer riesigen und unübersichtlichen Menschenmenge abgespielt hätten. Festnahmen habe es keine gegeben, weil Zeugen und Opfer die Täter im Getümmel nicht wiedererkannt hätten.

Was will die Polizei künftig anders machen?

Vor allem im Hinblick auf den bevorstehenden Karneval kündigt die Polizei an, die Einsatzkräfte bei Großveranstaltungen weiter aufzustocken, auch mit Zivilbeamten. Polizeipräsident Albers zufolge soll auch geprüft werden, ob bestimmte Bereiche stärker mit Videokameras überwacht werden. Über weitere Maßnahmen wollen Polizei und Stadt gemeinsam nachdenken.

Nach den Vorfällen an Silvester sei die „größte institutionalisierte Zusammenarbeit“ zwischen Stadt und Polizei entwickelt worden, die es in Köln je gegeben habe. Als konkrete Maßnahmen nannte Reker unter anderem ein von Stadt und Polizei betriebenes Sicherheitsmobil, das künftig an unterschiedlichen Standorten Ausgangspunkt für gemeinsame Streifengänge sein werde.

Reker zeigte sich zudem überzeugt, das zuletzt wiederholt in die Negativ-Schlagzeilen geratene Köln könne eine Imagekampagne vertragen. Dafür wolle sie Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur, Medien und anderen Bereichen des öffentlichen Lebens gewinnen. Köln ist mit mehr als einer Million Einwohnern die viertgrößte Stadt Deutschlands und besitzt mit dem gotischen Dom eines der weltweit bekanntesten Bauwerke auf deutschem Boden.

Von

afp

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