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06.10.2014

17:00 Uhr

Kohl und sein unautorisiertes Buch

Kohl teilt aus, Blüm keilt zurück

VonDaniel Delhaes, Dietmar Neuerer

ExklusivEin Buch, das gar nicht erscheinen sollte, schlägt hohe Wellen. Helmut Kohl rechnet darin mit Weggefährten ab, der Altkanzler wollte seine Worte aber nie gedruckt sehen. Einer, den er beleidigt hat, schlägt nun zurück.

Altkanzler Kohl demontiert sich selbst

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BerlinÄußerungen von Helmut Kohl, in denen der Altkanzler teils drastisch mit Parteifreunden abrechnet, sorgen für Unmut in der CDU. „Auf dem Niveau diskutiere ich nicht“, sagte der ehemalige Sozialminister der Regierung Kohl, Norbert Blüm, dem Handelsblatt (Dienstagsausgabe). Kohl hatte in bisher unveröffentlichten Tonbandaufzeichnungen Blüm als „hinterfotzig“ und als „Verräter“ beschrieben. Auch Angela Merkel und Wolfgang Schäuble werden hart angegangen. Die Zitate sollen am morgigen Dienstag als Buch („Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle“) im Heyne-Verlag veröffentlicht werden. Vorab hatte das Magazin „Der Spiegel“ daraus berichtet.

Kritik kam auch vom Bundestagsabgeordneten Wolfgang Bosbach. Die Aussagen würden Vorurteile in der Bevölkerung bestätigen, die sie über Politik hätten. „Über dem Tisch wird sich in staatsmännischer Manier freundlich mit Sekt zugeprostet – unter dem Tisch wird zugetreten“, sagte Bosbach dem Handelsblatt. Er selbst habe zu Beginn seiner politischen Arbeit gedacht, durch fleißige und ruhige Sacharbeit diese Vorurteile zu widerlegen. „Heute habe ich die Hoffnung nicht mehr“, sagte er.

Die Karriere der Angela Merkel

1991

Im Januar wird die Vizesprecherin der letzten DDR-Regierung unter Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) mit 35 Jahren Bundesministerin für Frauen und Jugend. Im Dezember wird sie stellvertretende Vorsitzende der CDU, der sie erst 1990 beigetreten war.

1994

Im November tritt sie das Amt der Bundesumweltministerin an.

1998

Nach verlorener Bundestagswahl wird sie im November CDU- Generalsekretärin unter Partei- und Fraktionschef Wolfgang Schäuble.

1999

Im Dezember fordert Merkel ihre Partei angesichts der Parteispendenaffäre auf, sich von Altkanzler Kohl zu lösen.

2000

Im April wird Merkel als Nachfolgerin des zurückgetretenen Schäuble zur Parteichefin gewählt. Sie ist die erste Frau an der CDU-Spitze.

2002

Im Januar verzichtet Merkel nach langem Tauziehen zugunsten von CSU-Chef Edmund Stoiber auf die Kanzlerkandidatur, im September gewinnt die rot-grüne Koalition knapp die Bundestagswahl. Merkel wird Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und bleibt dies bis 2005.

2005

Die SPD will die Bundestagswahl vorziehen, CDU und CSU bestimmen Merkel im Mai zur Kanzlerkandidatin. Bei der Wahl im September verpasst die Union den angestrebten Machtwechsel zu Schwarz-Gelb – doch im November wird Merkel als Bundeskanzlerin einer großen Koalition vereidigt. Sie ist die erste Frau im höchsten Regierungsamt und mit 51 Jahren die Jüngste als Kanzler.

2009

Bei der Bundestagswahl im September reicht es für ein schwarz- gelbes Bündnis. Im Oktober wird Merkel zum zweiten Mal zur Kanzlerin gewählt.

2010

Merkel setzt Christian Wulff als Bundespräsidenten-Kandidaten durch, nachdem Horst Köhler Ende Mai seinen Rücktritt erklärt hat.

Januar 2012

Als Wulff im Februar ebenfalls zurücktritt, stimmt Merkel dem Vorschlag von SPD, Grünen und FDP zu, Joachim Gauck als Kandidaten für das Präsidentenamt aufzustellen.

Dezember 2012

Im Dezember wird sie zum sechsten Mal als CDU-Vorsitzende bestätigt - mit knapp 98 Prozent, ihrem bisher besten Ergebnis.

2013

Bei der Bundestagswahl im September gewinnen CDU und CSU, aber der bisherige Partner FDP schafft es nicht mehr ins Parlament. Die Union bildet mit der SPD erneut eine große Koalition. Im Dezember wird Merkel zum dritten Mal Kanzlerin.

Der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Michael Fuchs, verwies auf die Zeit, in der die Kohl-Äußerungen gefallen seien. Dies sei Anfang der 2000er-Jahre gewesen, auf dem Höhepunkt der  Parteispendenaffäre. Seitdem habe sich vieles geändert. „Ich bin mir sicher, dass Helmut Kohl die Lebensleistung von Kanzlerin Angela Merkel heute anders bewertet“, sagte Fuchs dem Handelsblatt. Kohl soll Merkel seinerzeit Ahnungslosigkeit vorgeworfen haben.

Der Bundesvize der Christlich Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA), Christian Bäumler, griff die Autoren des umstrittenen Buches und den Verlag scharf an. „Die Veröffentlichung dieser Tonbandabschriften ohne Zustimmung des Betroffenen ist der eigentliche Skandal. Hier werden Persönlichkeitsrechte verletzt“, sagte Bäumler dem Handelsblatt (Online-Ausgabe). Bäumler sprach von einem verantwortungslosen Handeln. Zugleich betonte der CDU-Politiker: „Die Verdienste Helmut Kohls für die deutsche Einheit, die Europäische Union und den sozialen Frieden in Deutschland schmälern diese Zitate nicht.“

In dem Buch erscheinen Auszüge aus jenen geheimen Gesprächen, die der frühere WDR-Journalist Heribert Schwan 2001/2002 mit Helmut Kohl führte, und die er nun zusammen mit dem Autor Tilman Jens publiziert hat. Kohl geht darin mit seinen Einschätzungen über frühere Weggefährten derbe, mitunter verletzend zur Sache.

Das Verhalten der Autoren sieht auch der Vorsitzende der Jungen Gruppe der Unions-Bundestagsfraktion, Steffen Bilger (CDU), kritisch. „Die Veröffentlichung solcher Aussagen gegen den Willen des Altbundeskanzlers finde ich nicht in Ordnung, weshalb ich sie auch nicht weiter kommentieren will“, sagte Bilger dem Handelsblatt.

Kommentare (29)

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Frau Helga Trauen

06.10.2014, 17:05 Uhr

Sicherlich interessant, was Kohl da berichtet. Das gehört selbstverständlich alles zur Psychologie der Selbstinszenierung. Kohl geht dabei selbstverständlich als derjenige in die deutsche Geschichte ein, der durch den € den gesamten deutschen Wohlstand für ein politisches Projekt verzockt - mit der Assistenz aller Blockparteien.
Kohl ist einer der Schlimmsten - er ist ja nicht der Weisenknabe, und die durch ihn Charakterisierten der angedeutete Abschaum. Alles, was Kohl über seine Mitstreiter oder Opponenten zu sagen hat, trifft auf ihn selbst auch vollständig zu.
Bei Bosbach denke ich nur an Pofalla. Bosbach soll doch nicht so tun. Sein Eindruck, daß sich der Michel von diesen widerwärtigen, überforderten Politikern und deren in den Medien verbreitete Propaganda abwenden, ist zweifelsohne richtig. Der von Herzog gewünschte Ruck durch Deutschland kommt erst mit dem deutschen Staatsbankrott.

Herr C. Falk

06.10.2014, 17:11 Uhr

In der Tat, überm Tisch sich freundlich ins Gesicht grinsen, unterm Tisch sich das Schienbein blau treten, dieser Politikstil ist eben kein Gerücht oder "Vorurteil" von Stammtischlern, sondern alltäglich.

Letztes Beispiel, die "Freundlichkeiten" von Gabriel in Richtung von der Leyen, die er als möglicher Kanzlerkandidat und Konkurrent schon mal ein wenig "blau treten" will. Die bedeutend in die "Ferne" schauende Frau von der Leyen liefert allerdings auch "Gründe". lol

Herr Norbert Wolter

06.10.2014, 17:18 Uhr

"Merkel konnte ja nicht mit Messer und Gabel essen."
Wie soll man es auch gelernt haben? In der DDR herrschte eine andere Esskultur. Man aß dort mit Hammer und Sichel.

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