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05.07.2011

15:02 Uhr

Kommentar

Abhängig vom Hassobjekt

VonAndrea Cünnen

Die Politiker schlagen zu Unrecht auf die Ratingagenturen ein. Denn die EZB hat sich selber in die Abhängigkeit der privaten Bonitätswächter begeben. Nun ist politische Führung gefragt.

Andrea Cünnen, Handelsblatt-Korrespondentin in Frankfurt Quelle: Pablo Castagnola

Andrea Cünnen, Handelsblatt-Korrespondentin in Frankfurt

Für Europas Politiker sind sie spätestens seit der Euro-Schuldenkrise ein Hassobjekt: "Es kann nicht sein, dass einige wenige amerikanische Ratingagenturen über Wohl und Wehe der Europäischen Währungsunion entscheiden", klagte zuletzt der FDP-Fraktionsvorsitzende Rainer Brüderle. Recht hat er. Das Traurige ist nur, dass die Politik von den Bonitätswächtern abhängiger ist denn je.

Seit Wochen geht es in allen Diskussionen darum, wie die Griechenland-Rettung gestaltet werden muss, damit Standard & Poor's (S&P), Moody's oder Fitch ein neues Hilfspaket nicht als eindeutigen Hinweis auf den Zahlungsausfall des Schuldners bewerten. Gleichzeitig wollen aber deutsche und französische Politiker die Banken zur Kasse bitten und an den neuen Hilfen für Griechenland beteiligen.

Beides zusammen wird nicht funktionieren: Die Ratingagenturen bewerten gemäß ihren Richtlinien jede Neujustierung als Zahlungsausfall des Schuldners, die die Gläubiger in irgendeiner Weise schlechter stellt. Deshalb droht S&P, Griechenlands Staatsanleihen als ausgefallen zu bewerten, wenn das "Pariser Modell" zur Beteiligung privater Gläubiger zum Tragen kommt.

Dass der Einschätzung der Ratingagenturen eine derartige Bedeutung zukommt, hängt weniger an den Politikern als an der Europäischen Zentralbank (EZB). Diese wird nicht müde zu betonen, gemäß ihren Statuten griechische Anleihen, denen die Ratingagenturen den Stempel "D" für Default aufgedrückt haben, nicht mehr als Sicherheit für Kredite an Banken akzeptieren zu können. Das würde unweigerlich das Ende vor allem für die griechischen Banken bedeuten, die viele Bonds ihres Landes im Portfolio haben und nur noch von der EZB Geld bekommen können.

Verständlich ist diese harte Haltung der EZB aber nicht. Sicher, die Notenbanker wurden durch politischen Druck gezwungen, griechische Staatsanleihen nicht nur als Sicherheit zu akzeptieren, sondern zusätzliche im Markt zu kaufen. Außerdem haben sie ihre Bonitätsanforderungen schon massiv heruntergeschraubt: Bis Oktober 2008 akzeptierte die EZB als Sicherheit nur Anleihen mit einem Rating von mindestens "A-" - inzwischen ist das Griechen-Rating bei S&P bereits elf Stufen tiefer angekommen.

Aber: Ob die Ratingagenturen wegen irgendwelcher Feinheiten Hellenen-Bonds als ausgefallen bewerten oder nicht, macht sie nicht besser oder schlechter. Fakt ist jedoch, dass die EZB aus Furcht vor einer Ausweitung der Krise auf andere Staaten gegen eine Einbeziehung privater Gläubiger ist. Die Agenturen dienen hier eher als Feigenblatt, um dies zu bemänteln.

Von daher sollten sich zunächst die Politiker untereinander und dann mit der EZB einigen, ob sie eine private Beteiligung der Gläubiger wollen oder nicht. Die Ratingagenturen in dieser Frage zum Zünglein an der Waage zu machen und sie zur Änderung ihrer Richtlinien zu bewegen spielt ihnen eine Macht in die Hände, die sie in der Tat nicht haben sollten.

Die Autorin ist Korrespondentin in Frankfurt.

Sie erreichen sie unter: cuennen@handelsblatt.com

Kommentare (6)

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matt_us

05.07.2011, 15:48 Uhr

Ich glaub die Autorin des Kommentars bringt hier was durcheinander.

Die EZB ist natuerlich nicht interessiert daran, Anleihen zu akzeptieren, nachdem eine Umschuldung vorgenommen wurde.

Aber was die Ratingagenturen sagen, ist der EZB vollkommen egal. Das war heute in der FT zu lesen. Solange noch eine Agentur sie nicht als "Default" einstuft. Und wahrscheinlich wird die EZB auch ihre Meinung aendern, wenn alle Agenturen "Default" schreien.

Aber, mal ganz ehrlich, wer kuemmert sich wirklich noch darum. Selbst wenn alle Agenturen "Default" sagen, also "Pleite", wenn die Griechen einfach ihre Schulden abbezahlen, dann ist das doch wohl egal.

Andererseits, sind das die gleichen Agenturen, die Lehman mit AAA bewertet hatten, kurz vor dem Umfallen, wonach GLaeubiger bis zu 95% ihres Darlehens abschrieben mussten. Das war ein wirklicher "Default".

Also, die Rating Agenturen sollten alles mal "Default" bewerten, und dann endlich mal die Klappe halten. Dann ist Ruhe, und dann kann man Griechenland helfen.

http://www.ft.com/cms/s/0/e69610e4-a60a-11e0-8eef-00144feabdc0.html#axzz1R73LcVgt

chapeau

05.07.2011, 15:57 Uhr

selbst systemisch bedingte pleiten bleiben pleiten.
wir alle hätten besseres verdient.


Moika

05.07.2011, 16:18 Uhr

Die Politiker sollten lieber die Klappe halten und froh sein, daß die Ratingagenturen das aussprechen, was sie selbst seit Jahren versäumen.

Allerdings ist das Bild der Agenturen nicht ungetrübt - sie haben 1. den Schlamassel der Finanzkrise (für gute Provisionen selbstverständlich) mitverschuldet und sind nicht ganz unabhängig vom amerikanischen Finanzministerium. Das - und die Zeitpunkte ihrer Ratings werfen deshalb ein schon mehr als schräges Bild auf diese Agenturen.

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