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17.03.2011

12:19 Uhr

Kommentar

Auf einmal sind alle gegen Kernkraft

VonFrank Wiebe

Durch die Katastrophe in Japan ist bei der Kernenergie keine neue Faktenlage entstanden, nur wird uns das Risiko bewusster. Es gibt gute Gründe für Atomkraftwerke - und auch ein völliger Ausstieg hätte Nebenwirkungen

Es ist schon atemberaubend, mit welcher Geschwindigkeit in Deutschland plötzlich fast jeder, der sich laut äußert, zum Kernkraftgegner mutiert ist. Und erstaunlich ist auch, wie häufig die Rede davon ist, dass jetzt "neue Fakten" zu berücksichtigen seien, oder dass "eine ganz neue Lage" entstanden sei.

Demgegenüber ist festzuhalten: Geändert hat sich vor allem die Wahrnehmung der Kernkraftrisiken. Grundsätzlich neue Erkenntnisse liefert das Drama in Japan nicht. Außerdem sollte man auch in der Stunde der Gefahr offen sagen: Kernkraftwerke werden ja nicht nur gebaut, weil es eine Kernkraftlobby gibt. Sondern es gibt gute Gründe dafür - auch ökologische Gründe: Wer keine Kernkraft will, nimmt zusätzliche Verbrennung fossiler Rohstoffe in Kauf. Und daran hat sich auch nichts geändert. Wer die Diskussion verantwortungsvoll führen will, sollte diese Gründe jetzt nicht einfach wegschieben.

Wir alle haben gewusst, dass Atomkraft eine gefährliche Technik ist. Wir sind dieses Risiko aber bewusst eingegangen. Das gilt jedenfalls für alle, die einen klaren Kopf haben. Die Atomlobby hat in der Tat versucht, die Risiken quasi wegzugaukeln. Etwa, indem sie uns extrem niedrige Wahrscheinlichkeiten vorgerechnet hat - obwohl niemand ernsthaft die Wahrscheinlichkeit berechnen kann, dass zum Beispiel Techniker grobe Fehler machen oder Terroristen einen Anschlag verüben. Verräterisch ist auch die Vokabel "Restrisiko", die das Risiko als eigentlich nicht vorhanden charakterisieren soll. Ebenso verräterisch ist, dass seit Jahrzehnten von "Endlagern" die Rede ist. So als könnte man strahlenden Müll für alle Zeiten sicher verbuddeln.Es wäre ehrlicher, wir würden das Zeug an der Erdoberfläche lassen und gut bewachen - für etwa 20.000 Jahre, aber das ist ja noch ein überschaubarer Preis, den unsere Nachfahren für unseren Wohlstand zahlen müssen. Wer nüchtern denkt, hat sich schon vor der Katastrophe in Japan von der scheinbaren Sicherheit nicht einlullen lassen.

Die Katastrophe in Japan war nicht überraschend, sie war nur relativ unwahrscheinlich. Es hat sogar Experten gegeben, die vor genau diesem Szenario gewarnt haben. Natürlich kann man jetzt aufzählen, was die Betreibergesellschaft alles falsch gemacht hat. Aber Fehler passieren immer. Man kann auch kritisieren, dass die Anlagen nicht für stärkere Erdbeben ausgelegt waren. Aber man kann keine Anlage für ein unendlich starkes Beben auslegen - irgendwo muss man immer eine Grenze setzen, und deswegen gibt es auch keine absolute Sicherheit.

Jetzt wird ständig gefragt, ob das alles auch in Deutschland passieren kann? Natürlich wird es hier keinen Tsunami geben. Und mit wirklich fast absoluter Sicherheit wird es bei uns kein Erdbeben der Stärke neun geben. Anders gesagt: Wir leben hier auf einem ungleich besseren Sicherheitsniveau als die Japaner, weil wir keine Kernkraftwerke in Gebieten mit der Gefahr schwerer Erdbeben gebaut haben. Aber heißt das, dass bei uns auf keinen Fall eine Katastrophe passieren kann? Natürlich nicht, sie ist nur sehr viel unwahrscheinlicher als in Japan.

Kommentare (16)

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Account gelöscht!

17.03.2011, 12:56 Uhr

Den völligen Ausstieg aus allen AKW´s gleich morgen verlangt auch ernsthaft kaum jemand, was der Autor völlig außen vor lässt sind Einsparmöglichkeiten, die in DE bis zu 20 % bestehen, also den Kernkraftanteil amortisieren können. Das geht natürlich auch nicht sofort aber, wenn man will kann man in den nächsten 5-10 Jahren in DE atomfreien Strom nutzen. Das ist ein sehr, sehr überschaubarer Zeitraum. Das wird enormeen Druck auf
umliegende Länder machen, deren bevölkerung ebenfalls atomfrei leben will. Die Franzosnen werden sich um deutsche EE-Produkte reißen: ein Supergeschäft und viele Arbeitsplätze in DE.

Das Umweltbundesamt ist der Überzeugung, das 9 AKW`s jetzt schon ohne Verlust und Importzwang abgeschaltet werden können, ist ungefährt die Hälfte der AKW`s.

Machen wir es doch einfach: schreien tun nur Atomlobbyisten und Aktionäre, die nie in der Nähe eines AKW`s wohnen möchten und ihr Kinder einem "Restrisko aussetzen würden: alles Heuchler.

http://www.sueddeutsche.de/politik/moratorium-widerstand-gegen-abschaltungen-atomkonzerne-auf-konfrontationskurs-zu-merkel-1.1073024

Account gelöscht!

17.03.2011, 13:04 Uhr

Ausserdem wird derzeit wohl offensichtlich deutlich überporduziert und Strom ins Ausland verkauft. Wúrde dieser Überschuss auf ein Mindestmass reduziert, liessen sich durchaus einige Atom kraftwerke schon heute vom Netz nehmen lassen, ohne dass dies zu Versorgungslücken führen würde. Auch müssten dafür keine Preise erhöht werden, allerdings wären die Gewinne geringer. Wäre das so schlimm? Mehrkosten fänden viele Bürger sicher dann hinnehmbar wenn gezielt in erneuerbare Energien investiert würde.

Account gelöscht!

17.03.2011, 13:16 Uhr

Auch Ihr Autor hat eine Meinung. Wo hat er denn vor Jahren und Monaten hingeschaut, als ca. 60% aller Bürger g e g e n eine Verlängerung der Laufzeiten war und auch gegen AKWE demonstriert haben. Alles nur Spinner?
Ein Zitat:
Am Ende jedoch standen die Häuptlinge ohne Gefolgsleute da.
Das letzte Recht, das sie für sich selbst in Anspruch nehmen konnten, war das Recht, als Letzte zu verhungern. (sterben)
"Jared Diamond" aus Kollaps
Eslebe die Atomlobby!

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