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06.06.2011

15:58 Uhr

Kommentar

Bakterium bringt Bahr in die Defensive

Die FDP-Nachwuchshoffnung Daniel Bahr ist noch frisch im Amt des Bundesgesundheitsministers - und stößt schon an seine Grenzen. Wenn er in der Ehec-Krise nicht bald Führungsstärke zeigt, wird der Schaden immens sein.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr bei seinem Besuch der Intensivstation des Universitätsklinikums in Hamburg-Eppendorf. Quelle: dpa

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr bei seinem Besuch der Intensivstation des Universitätsklinikums in Hamburg-Eppendorf.

Es ist ein einziger Ausbund der Hilflosigkeit: Keine vermeintliche Erfolgsmeldung im Kampf gegen die Ausbreitung des Darmbakteriums Ehec hält viel länger als 24 Stunden. Dann folgt das kleinlaute Dementi – oder zumindest das Eingeständnis, dass wieder nichts sicher ist.

Der gestrige Tag war symptomatisch. Morgens zum Frühstück galt noch ein Lübecker Restaurant als Quelle allen Übels. Zwischenzeitlich gerieten die Biogasanlagen in Verruf. Schließlich die nächste Eilmeldung: Die Behörden in Niedersachsen hätten eine heiße Spur. Zwei Stunden später dann stellte Niedersachsens Verbraucherschutzminister einen Sprossenzüchter an den Pranger – ohne echte Beweise zu haben. Schon am gleichen Abend wuchsen auch an dieser Erfolgsmeldung die Zweifel.

Und mitten in diesem Informationschaos aus Vermutungen, Halbwahrheiten und Irrtümern steht Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr – und macht nicht den Eindruck, als ob er die Situation im Griff hat. Von seinem Ministerkollegen aus Niedersachsen wird er geradezu vorgeführt. Während Bahr zu einer Goodwill-Tour durch Hamburger Krankenhäuser startet und die Arbeit der Ärzte lobt, grätscht ihm unabgesprochen der niedersächsische Agrarminister Gert Lindemann mit der vermeintlichen Erfolgsmeldung von den gefährlichen Sprossen dazwischen. Bahr sagte nur hilflos, dass es keine Bestätigung gebe. Womit er ja im Nachhinein betrachtet ziemlich richtig lag.

Florian Kolf, stellvertretender Chefredakteur Handelsblatt Online Quelle: Pablo Castagnola

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Doch mit dieser defensiven Haltung kommt Bahr auf Dauer nicht durch. Wenn ständig Behörden, Institute, Minister und selbsternannte Experten Halbwahrheiten und halbgare Erkenntnisse herauspusten, werden nicht nur die Verbraucher völlig verunsichert. Auch der wirtschaftliche Schaden dieser Kakophonie ist immens. Schon der unbegründete Verdacht gegen die spanische Gurke hat Schäden in dreistelliger Millionenhöhe verursacht. Heute haben dann prompt zahlreiche Supermarktketten alle Gemüsesprossen aus den Regalen geräumt – egal woher sie stammen. Es lebe die Hysterie.

Jetzt ist Führungsstärke vom Bundesgesundheitsminister gefordert. Nur vorsichtshalber vor dem Verzehr von Rohkost zu warnen, kann nicht genug sein.

Beim Krisentreffen, das noch in dieser Woche stattfinden soll, muss Bahr die Ministerien der Länder in die Pflicht nehmen. Die Behörden sollten endlich mit einer Stimme sprechen. Koordinieren sollte die Suche nach dem Erreger das Bundesgesundheitsministerium, beraten von den Experten des Robert-Koch-Instituts.

Für den noch jungen Bundesgesundheitsminister ist dies die erste große Bewährungsprobe. Im Kampf gegen Ehec kann er zeigen, ob der dem Amt gewachsen ist. Oder ob ein aggressives Bakterium ihm bereits die Grenzen aufzeigt.

Von

kol

Kommentare (7)

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gurkentruppe

06.06.2011, 16:19 Uhr

Wer entschädigt denn denn armen Gartenbaubetrieb, falls sich der Verdacht nicht bewahrheitet ? Das würde ja geradezu nach Amtshaftung schreien.

XYZ

06.06.2011, 16:46 Uhr

Wir benötigen endlich eine nationale oder europäische Super-Behörde, ähnlich den amerikanischen CDC in Atlanta, bei der alle Fäden zusammenlaufen und die alle Aktivitäten kontrolliert. Die föderale Kleinstaaterei in D führt nur in`s Chaos. Und DAS kostet Menschenleben !

HelgaRuebenstahl

06.06.2011, 17:57 Uhr

Sind es nicht gerade Vertreter der Medien wie Sie, Herr Kolf, die die unangemessene Hysterie nur schüren und in keiner Weise hilfreich sind, wenn wieder einmal eine Pandemie oder ähnliche Katastrophe zu drohen scheint? Sind nicht gerade Sie es, die "Halbwahrheiten und halbgare Erkenntnisse herauspusten"? Von Seriosität entfernen sich unsere Medien zunehmend; statt sachlich zu informieren, versuchen sie, mit Diffamierungen und Panik-Schüren ihre sinkenden Auflagen zu retten. Was ist von der wichtigen Aufgabe der Medien in einer Demokratie noch übriggeblieben, wozu sind die meisten Medien verkommen? Helga Rübenstahl

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