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07.07.2011

18:36 Uhr

Das Braunkohle-Kraftwerk des Energieversorgers Vattenfall in Boxberg. Quelle: dapd

Das Braunkohle-Kraftwerk des Energieversorgers Vattenfall in Boxberg.

BerlinDer Bundestag hat das Thema CCS, also die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid, gestern geradewegs von der Intensivstation in die Aussegnungshalle befördert. Wer sich über die Jahre noch die Hoffnung bewahrt hatte, die Politik werde der Technik eine Chance einräumen, weiß nun: Der Patient ist tot.

Rein theoretisch könnte der Bundesrat noch Wiederbelebungsmaßnahmen vornehmen. Doch die Chancen stehen äußerst schlecht.

Die großen Energiekonzerne hatten schon lange Konsequenzen gezogen: Eon betreibt seine CCS-Aktivitäten in den Niederlanden, wo die Bedingungen weitaus unkomplizierter sind, RWE hat sich von seinem Projekt im nordrhein-westfälischen Hürth mit Kohlendioxid-Pipeline zu einer Lagerstätte in Schleswig-Holstein längst verabschiedet. Allein Vattenfall glaubte bis zuletzt daran, sein 1,5-Milliarden-Projekt am Standort Jänschwalde realisieren zu können. Doch mittlerweile heißt es auch bei Vattenfall, das Projekt stehe auf der Kippe.

Deutschland verliert damit eine Menge. Die CCS-Technik wird in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen. Wer nachweisen kann, die gesamte Prozesskette von der Abscheidung des Kohlendioxids im Kohlekraftwerk bis zur unterirdischen Speicherung zu beherrschen, hat große Exportchancen. Denn nach übereinstimmender Einschätzung fast aller Experten wird Kohle als Energieträger in den kommenden Jahren weltweit an Bedeutung gewinnen.

Deutschland, einer der Vorreiter im Klimaschutz, muss ein Interesse daran haben, Ländern wie China oder Indien demonstrieren zu können, dass CCS funktioniert. Gerade die wachstumsstarken und energiehungrigen Schwellenländer werden nicht darauf verzichten, Kohlekraftwerke zu bauen.

Es wäre ratsam, ihnen alle Instrumente anzubieten, die dazu beitragen können, trotzdem Fortschritte im Klimaschutz zu erzielen.

Unverzichtbar wird CCS in einigen Jahren im Bereich der industriellen Emissionen, etwa in der Stahl- oder der Zementindustrie. Deutschland wird sich daher irgendwann erneut der CCS-Debatte stellen müssen. Die erforderliche Technik wird man dann allerdings im Ausland einkaufen müssen.

Schuld an der Entwicklung haben die Länder, die rücksichtslos ihre Interessen durchgesetzt haben. Jedes Land will sich vorbehalten, die Speicherung von Kohlendioxid auf seinem Territorium auszuschließen. Die entsprechende Länderklausel hat eine negative Signalwirkung auf viele andere Gesetzgebungsverfahren. Mit der organisierten Verantwortungslosigkeit, die sich am Beispiel CCS-Gesetz zeigt, wird sich die Energiewende nie erreichen lassen.

Kommentare (16)

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Chemiker

07.07.2011, 20:32 Uhr

"Der Patient" in Ihrem Artikel ist die menschliche Vernunft !

Die Speicherung von CO2 in der Erde ist der grösste Till-Eulenspiegel-Streich den ich in der jüngsten Geschichte sehe. Aufgrund einer blossen Theorie die auf Computermodellen beruht (und nichts anderem) werden komplett absurde Massnahmen ergriffen über die sich in ein paar Jahren unsere Kinder und Enkel totlachen werden (sollten jene die Gehirnwäsche von Pseudo-Wissenschaftlern heutzutage überlebt haben, was ich doch sehr hoffe).

Statt die realen Gefahrstoffe anzugehen wie Schwefel- und Stickoxide und Schwermetalle, stürzt man sich auf das eigentlich nützliche Atmosphäengas CO2 ohne das Pflanzen z.B. gar nicht leben könnten. Anstatt Wälder aufzuforsten wird z.B. der Amazonas und Sibirien weiter plattgemacht.
Was für ein kompletter Schwachsinn !

NB: ich habe Chemie mit magna cum laude als PhD abgeschlossen, weiss also wovon ich rede.

Nachdenker

07.07.2011, 21:38 Uhr

Abgesehen davon sinkt bei solchen Till-Eulenspiel-Streichen der Wirkungsgrad der Kraftwerke erheblich.
Da die Wirkungsweise darauf beruht, daß in einer exothermen Reaktion Kohlenstoff zu Kohlendioxid verbrannt wird, ist es ja natürlich besonders "schlau", das CO2 zu sammeln, zu verflüssigen und dann noch unter Druck in den Boden zu verpressen.
Ich hätte gern ein paar ofizielle Zahlen, wie hoch der Energieaufwand dieses Schildbürgerstreiches ist.
Lt. "Robin Wood" und google sinkt der Wirkungsgrad des Kraftwerkes dabei um 7 bis 14%!!!
"Die Rückhaltung und Verflüssigung des CO2 reduziert den Wirkungsgrad eines Kraftwerkes um sieben bis 14 Prozent, das heißt, für eine gleich bleibende Menge Strom erhöht sich der Einsatz fossiler Brennstoffe um bis zu 40 Prozent. (1,4)"
Wenn das so ist, ist diese "Technologie" ein Verbrechen!

Mophisto

07.07.2011, 22:31 Uhr

Der Autor schreibt vom beherrschen der gesamten Prozesskette - doch das ist genau das Problem. Es wird derzeit nicht beherrscht. Die Konsequenzen für die Zukunft sind mehr als ungewiss. Sich muss sich Deutschland dem Thema einmal erneut stellen. Doch darf es hier nicht um vorschnelle Penetrierung der Märkte, mit einer Technologie, die noch keine realistische Erprobungsphase bestanden hat.

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