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01.03.2011

13:19 Uhr

Kommentar

Die fatalen Folgen des Titelwahns

VonStefani Hergert

Die Promotion muss in Zukunft einzig und allein der Weg in die Wissenschaft sein - und nicht kostenloser Karrierebeschleuniger für Manager und Politiker. Ein Kommentar von Stefani Hergert.

Es gibt ein Wort, das das ganze Dilemma mit dem Doktortitel in Deutschland ziemlich gut beschreibt: "Türschildforschung". Mehr als 25 000 Doktorarbeiten werden jedes Jahr abgeschlossen - in diesem Bildungsbereich ist Deutschland endlich einmal spitze: 2,3 Prozent eines Jahrgangs schmücken sich mit dem Doktor, OECD-weit sind es gerade einmal 1,5 Prozent. Eine wahre Promotionsflut. Oder eben viel "Türschildforschung".

Im Klartext heißt das: Die Doktorarbeit schreibt so mancher nicht, weil er das Wissen der Menschheit, sondern die eigene Karriere dank des "Dr." auf dem Klingelschild voranbringen will. Geprägt hat den Begriff niemand Geringeres als der Wissenschaftsrat, das wohl wichtigste Wissenschaftsgremium des Landes. Zunächst erst mal nur für die Mediziner.

Doch "Türschildforschung" betreiben nicht nur viele der angehenden Ärzte, zu denen Patienten offenbar per se Vertrauen fassen, nur weil sie die mit "Herr oder Frau Doktor" anreden dürfen. Auch in den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften quälen sich etliche nur für die Visitenkarte durch die Doktorarbeit. 2009 gab es in diesen Disziplinen 20 Prozent mehr Promotionen als elf Jahre zuvor. Und das bei insgesamt nicht einmal einem Prozent mehr Dissertationen in diesem Zeitraum.

Nur: Das, was die Doktoranden dabei unter Qualen produzieren, quält Leser oft genauso. Und es bietet wissenschaftlich nicht immer den großen Erkenntnisgewinn, sondern Aufgewärmtes und Zusammengerührtes. Damit muss endlich Schluss sein. Die Promotion sollte einzig und allein denen vorbehalten sein, die sie als Eintrittskarte in die Wissenschaft sehen. Und nicht als Karrierebeschleuniger, den es kostenlos an der Universität gibt.

Warum muss jemand, der mitten im Beruf steht - Politiker oder Manager - promovieren, auf Kosten der Allgemeinheit, mit Ressourcen, die der Hochschule woanders fehlen? Weil es ein bisschen mehr Gehalt bringt, die Karriere beflügelt oder schlicht die eigenen Unzulänglichkeiten ausgleicht? Die Frage darf man sich auch getrost bei Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg stellen, der es über das erste juristische Staatsexamen - aus welchem Grund auch immer - nicht hinausbrachte.

Wenn man einer Verdi-Studie glauben darf, dann bleiben heute neun von zehn Doktoranden nicht in der Wissenschaft. Doch genau dahin muss eine Promotion in Zukunft führen. Alles andere ist reine Ressourcenverschwendung - für Doktorand, Hochschule und Betreuer gleichermaßen. Wenn Professoren die Betreuung ernst nehmen, rauben die Pseudodoktoranden ihnen die Zeit, die sie für die eigene Forschung, für gute Lehre und "echte", also erkenntnisorientierte, Dissertationen dringend brauchen. Es ist wahrlich keine Auszeichnung, wenn hierzulande dreimal so viele Doktoranden extern promovieren - also nicht in den Hochschulbetrieb eingebunden sind - als in den USA. Denn dort zieht man im Doktorandenprogramm nur den wissenschaftlichen Nachwuchs heran. Wer mit dem angelsächsischen Doktor, dem Ph.D., in die Wirtschaft geht, sollte das gut begründen können.

Kommentare (10)

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Querulant

01.03.2011, 13:56 Uhr

Warum soll der Nachweis der Befähigung zum wissenschaftlichen Arbeiten für die Industrie irrelavant sein? Auch die Industrieforschung profitiert davon, wenn die damit betrauten Mitarbeiter über entsprechende Fähigkeiten verfügen und diese durch eine Promotion nachweisen können. Ich sitmme allerdings zu, dass es mich nachdenklich gemacht hat, als ich hörte, dass es z.B. in der Medizin möglich sein soll, innerhalb von wenigen Wochen mit einer statistischen Routineauswertung zu promovieren. Wieviel Wahrheit in diesem Gerücht steckt mögen die Betroffenen beurteilen.

Übrigens: Aus meinem (naturwissenschaftlichen) Umfeld sind mir nur Promotionen bekannt, die auch eigene Publikationen in entsprechenden Fachzeitschriften vorweisen, und diese sind in der Regel einigermaßen unabhängig sowohl von der Hochschule als auch dem politischen Betrieb.

Resumee: Eine differenziertere Betrachtungsweise wäre angebracht, auch wenn sie mühsam ist.

Kommentator

01.03.2011, 14:07 Uhr

Der Artikel zielt in die richtige Richtung: die Guttenberg-Affäre könnte Auslöser für eine grundsätzlichere Debatte sein, welche Forschungsqualität juristische Doktorarbeiten überhaupt haben können. Über die großen Themen ist schon alles geschrieben worden - hier kann man nur noch zitieren (oder die Zitierrichtlinien eben ignorieren). Begibt sich der Dokorand hingegen in die feinsten Verästelungen der juristischen Details, um noch zusätzlichen Erkenntnisgewinn zu finden, so läuft er Gefahr, dass der Grenznutzen dieser Anstrengung minimal ist und sein zumeist voluminöser Beitrag im Gesamtbild der Jurisprudenz als Haarspalterei gar kontraproduktiv wird. Ist die These schon falsifiziert worden, dass ein geschlossenes Normengerüst eine Wissens- und Erkenntnisobergrenze hat ?

atrofent

01.03.2011, 14:49 Uhr

was der "Dr." bei über 100.000 niedergelassenen Ärzten und über 50.000 Zahnärzten zu suchen hat frage ich mich schon lange. Wo diese Klientel wohl forscht? vielleicht im Geldbeutel ihrer Patienten.
A.Tro.

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